Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1869)
- Date
- 1869-03-30
- Page
- Seite 263 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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263 Rede gelauscht? ... Doch der Jüngling faßte sich schnell, hob die Violine an das Kinn und den Bogen auf die Saiten. Herr Lilienthal winkte mit der Hand und rief: „die Polonaise!" Leise flüsterte er seiner Begleiterin tn’8 Ohr: „Was ist aber das für eine armselige Musik — ein Geiger und ein Pfeifer, und sie sehen mir nach schrecklichem Gekrächz und Gepfeife aus." — „Herr Mendel hat die eigentliche Musikbande verfehlt, und mußte froh sein, diese zu bekommen. Seien wir mit ihm darüber froh. Und warten Sie nur, dieser Geiger ist durchaus nicht übel, es steckt etwas Besonderes in ihm." — „Sie sind immer gütig, und ich möchte wohl Etwas sehen, was Sie nicht entschuldigen und vertheidigen!" — Jacob hatte das leise Gespräch wohl gehört, und die Worte des jungen Mädchens weckten die Begeisterung in seinem Herzen. Er fühlte, daß sie für ihn eine Schuld übernommen, die er zu zahlen hätte, und hatte selbst Vertrauen genug, um gewiß zu sein, daß sie vollkommen gezahlt werden würde. Er spielte'sofort eine passende Einleitung aus dem Stegreif und fiel dann in das langsame Tempo der Polonaise ein, wo sich alsbald sein pfeifender Genosse zu angemessener Begleitung ihm anschloß. Die Paare ergosien sich in den Saal, machten unter Führung des schönen Paares ihre Umzüge und traten dann zum Walzer an. Die beiden Musikanten hatten ihre besten Stücke für den Anfang des Tanzes ausgewählt, und es ging vortrefflich. Jacob strich seine Geige mit Feinheit und Reinheit, und unterließ es nicht, wo es nur anging, seine Figuren, Cadenzen, Läufe und Schnörkel anzubringen, oft zur Verzweiflung seines Vetters, die aber in den Tanz Schwung und Gefühl brachten, und da er sich genau im Takte zu halten wußte, die Füße der Tanzenden zu beseelen schienen. Auch die Bewirthung war gut; zwischen den Tänzen wurde dampfender Punsch und vortreffliches Backwerk herumgereicht. Man vergaß auch die Künstler nicht. Guter Jacob, warum thatest du es deinem gediegenen Vetter, wenn auch ohne es zu beabsichtigen, beinah gleich darin, und schlürftest ein Glas des heißen Getränkes nach dem anderen herunter? Der Nordsturm auf der schneeigen Flur that es dir doch nicht an in der glühenden Luft des niedrigen Saales, und deine fadenscheinige Kleidung verlangte es nicht zum Schutze gegen eindringende Kälte... Der erste Theil des Tanzes war zu Ende. Es trat eine Pause ein, und die Herren und Damen ließen sich nieder, um sich zu erholen und mit einander zu plaudern. „Sie haben doch Recht gehabt, Mamsell Fürih" — das Wort Fräulein war damals noch streng für adelige Jungfrauen Vorbehalten — „in Ihrem Geiger steckt was Besonderes, doch begreife ich noch nicht, was? Es ist mir, wie unser Ramler sagt: Der junge Aar flattert vom Felsen herab, Der alte Aar steigt in die Himmel hinaus — oder wie Gellert bemerkt: DaS junge Bäumchen trägt der Früchte wenig, Der Früchte viele trägt der alte Stamm. Er streicht ganz gut, aber bringt so viele Allotria, wie wir Berliner sagen, in den Tanz hinein. Anfangs war ich ganz verdutzt, und wären Sie, Mamsell, eine nicht ebenso gewandte wie anmuthige Tänzerin, ich wäre vielleicht aus der Contenance gekommen und mit mir die ganze hochlöbliche Gesellschaft. Wer zum Tanz aufspielt, darf das eigentlich nicht. Wo mag er denn das aufgelesen haben?" „Ich bilde mir ein, daß dieser junge Mann zu etwas Besserem taugt, als auf Tanzböden den Bauern aufzuspielen. Schon daß er von den Leuten seines Standes zurückgewiesen worden und doch bestehen kann, zeigt, daß er nichts Gewöhnliches ist. Ich möchte ihn wohl einmal etwas Anderes spielen hören." Auf diese Worte seiner schönen Tänzerin sprang Herr Lilienthal in die Höhe und rief pathetisch: „Ihr Wort ist Befehl, wie Uz so herrlich sagt: O, wenn die Sonne scheint, So weichen alle Schalten!" Schnell war er zur Estrade getreten und redete unseren Jacob an: „Geiger, wenn Ihr nicht ermüdet seid und ein Trinkgeld verdienen wollt, so spielt doch während der Pause etwas Schönes, was Ihr wollt, was den Damen gefällt." Jacob sah den geputzten Mann, der ihm dies mit schnarrendem Tone und etwas hochmüthiger Miene zugerufen, groß und verwundert an; aber hinter jenem stand die schöne Lina, und lächelte ihm freundlich zu, und sagte mit sanfter Stimme: „Ihr könntet uns wohl das Vergnügen wachen!" Da erhob sich Jacob schnell von seinem Sitze, auf seinem Angesicht leuchtete es wie vom Blitze der Begeisterung; schnell hatte er seine Geige ergriffen, fuhr mit dem Bogen über die Saiten, stimmte diese dann ein wenig und hob an. Es war ein einfaches, aber schwermüthiges, und doch wieder charakterfestes Volkslied, das er spielte. Kaum hatten einige Töne den Saal durchflogen, als die lärmende Unterhaltung ausdörte, das Geschwätz verstummte, das Geklirr der Gläser und Teller nicht mehr gehört ward. Aber es war auch eine ergreifende Melodie, welche der junge Geiger mit einer Tiefe des Gemüths, mit einem Schmelz der Töne vortrug, welche den Eindruck auch auf das härteste Gemüth nicht verfehlen konnten. Und nun begann er die Melodie zu variiren, bald ging sie in wilde Leidenschaft bis zum Sturme über, bald sank sie zur melancholischen Klage herab, über welche ein sanfter Trost, holde beschwichtigende Töne zu kommen schienen. In lebhaftem Ergüsse der Phantasie wußte der Geiger selbst nicht, was er that, wie er so den Bogen bald mit aller Energie über zwei, drei Sailen zugleich strich, daß sie einen vollen Akkord abgaben, bald leise wie hingehaucht, daß die Klänge erftarben. Freilich wischten sich auch manche Mißtöne, Disharmonien und Regellosigkeiten hinein; aber die Ohren seiner Hörer waren nicht so fein gebildet, daß sie diese just bemerkt hätten, und wie selbstverbessernd ging Jacob schnell über solche Fehlgriffe hinweg und hatte sie bald vergessen gemacht.