Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1869)
- Date
- 1869-03-30
- Page
- Seite 264 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Alles horchte auf',"aber den tiefsten Eindruck machte daS Spiel auf den Vetter, der wie von einer Andacht ergriffen, mit gefalteten Händen daneben stand; hätte der ehrliche Mann sich von seinen Gefühlen Rechenschaft zu geben verstanden, so würde er zu sich gesagt haben: Wie? ist es denn mitten im Winter Mai geworden, daß hier plötzlich eine wundersame Knospe aufgesprungen, und eine Blüthe voll Duftes und Farbenglanzes an's Licht getreten, eine verborgene Blüthe des Genius, die so feste Hüllen umgeben und gefangen gehalten?! ... Welche Gefühle, welche Bilder flogen durch das Herz und die Phantasie des Jünglings und rangen nach Ausdruck durch die klingenden und rauschenden Saiten seines Instrumentes? Jetzt erhoben sie sich vom Tröste zum Jubel, und wirrer wirbelte sie in seinem Geiste und vor seinen Augen. Diese, die bis jetzt verdeckt und -wie nach innen gewandt waren, öffneten sich, um in die ihm fast fremd gewordene Welt zu blicken — da fielen sie auf das geröthete Antlitz, die strahlenden Augen, die halb geöffneten Lippen der schönen Lina, die noch immer an demselben Platze wie gebannt stand. Wie ein zäher Schreck durchfuhr es das Herz Jacob's, das sich krampfhaft zusammenzog, wirre ward eS vor seinen Blicken, er erbleichte, er wankte, er verlor das Bewußtsein, mit einem schrillen Tone brach sein Spiel ab, die Violine entsank seiner Hand und fiel dröhnend zu Boden .. . Ein allgemeiner Aufschrei. Glücklicher Weise fing abermals der treue Vetter den Jüngling in seinen Armen auf und rief nach frischem Wasier. Es wurde schnell gebracht, das Antlitz des bleichen Geigers damit besprengt und nach kurzer Zeit erholte er sich wieder. Salme wollte ihn zu Bett bringen, aber Jacob verweigerte es und setzte sich auf seinen Stuhl nieder. Da man die Ohnmacht des Spielers schnell vorübergegangen sah, wollte schon ein Murren durch die Gesellschaft gehen, daß der Tanz jetzt schon ein Ende haben sollte. Jetzt aber hatte Jacob wieder seine Geige gefaßt und ein neues Notenblatt aufgelegt; Herr Lilienthal gab das Zeichen und der Tanz begann von Neuem. Was war denn auch vorgefallen? Der Geiger spielte ja wieder. Jacob fühlte sich tief beschämt und gedemüthigt. Er hatte seine Seele blos gelegt den Blicken aller dieser gleichgültigen Menschen und da war es ihm, als ob er sein innerstes Heiligthum entweiht hätte. Würde er es siegreich durch- und bis zu Ende geführt haben, so mochte ihm wohl der Beifall der Menge dafür Entschädigung und Beruhigung geben. Jetzt aber war sein Versuch gescheitert, seine Kunst ohnmächtig, todt. So wähnte er. Er spielte seine Tänze ruhig fort, genau wie sie vorgeschrieben, selbst die damals neue und viel belobte sogenannte Ochsenmenuet von Haydn konnte ihn zu keinem Ausfluge in das Reich der Figuren und Läufe begeistern. Und doch irrte er. Selbst der Herr Lilienthal war tief bewegt worden, und sprach mit vielem Nachdrucke seine Meinung aus, der junge Mann habe Talent, und man dürfe es nicht untergehen lasten. So gut wie der kleine Bachur Mendelssohn ein weltberühmter Philosoph geworden, könnte dieser Klesmor Jacob ein weltberühmter Musiker werden, und solche Männer hätten wir Juden nöthig. Mamsell Lina hörte mitten in der Freude des Tanzes diesen Worten aufmerksam zu und beide verabredeten sich, morgen Vormittag schon mit den Herren Mendel und Fürth u. dgl. zu sprechen, daß sie etwas für den armen Menschen thäten. Dieser Vor satz that den jungen Leuten wohl, sie fühlten sich gehoben in dem Bewußtsein ihrer Barmherzigkeit, und lustig ging es im Wirbel des Tanzes weiter. Es war lange nach Mitternacht, als unser armer Jacob seine Ruhestätte wieder suchen durfte, wo er sich wie zerschlagen hinstreckte. Der Vetter hatte eigentlich viel auf dem Herzen, aber er »ersparte es sich auf den Morgen, um den Jungen nicht noch einmal aufzuregen. «Fortsetzung folgt.) Notiz. Eine Diamant-Hochzeit. Frankfurt a. O. im März 1869. Unter der Ueberschrift „Eine höchst seltene Feier" bringt der hiesige „Publicist" vom 11. März e. folgenden Artikel: „Ist es schon etwas Seltenes und Außerordentliches, wenn Mann und Frau den fünfzigsten Jahrestag ihrer ehelichen Verbindung erreichen und ihre goldene Hochzeit zu begehen vermögen, — um wieviel seltener erst und merkwürdiger, wenn es Ihnen vergönnt war, über diesen Zeitpunkt hinaus noch ein volles Jahrzehnt beisammen zu lcben, um alsdann ihrer Ehe sechzigsten Geburtstag resp. ihre Diamant-Hochzeit feiern zu können! — Dieses höchst seltene Glück nun ist einem hiesigen israelitischen Ehepaare, Herrn Simon Silberstein und seiner Gattin, zu Theil geworden. Dieselben haben nämlich am 9. d. M. — inmitten eines großen Kreises von Kindern, Enkeln, Urenkeln und anderen Verwandten und Freunden — das sechzigjährige Bestehen ihrer Ehe oder die sogenannte „ diamantene Hochzeit" festlich begangen. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. 83. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Ur. H. Lotze.