Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1869)
- Date
- 1869-03-30
- Page
- Seite 262 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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262 ßeres oder kleineres Licht an rabbmiscber Gelehrsamkeit, an Witz und Scharfsinn leuchten zu lassen suchte. Unsere beiden Musikanten harten sich nach reichlich genossenem Mahle ans die ihnen angewiesene Dachkammer bescheiden zurückgezogen, legten sich ba*v auf die etwas dürftigen Nnbestärren, und nach kurzer Frrst folgte Jacob dem guren Beispiele seines Vetters, der sofort entschlummert war, aber auch im Schlafe dte Pflege seiner Kunst nicht aufgab, nur vast er nicht mit dem Munde, sondern mtt den Nasenlöchern blies und pfiff und sich ganz unmusikalisch durämus nicht nach dem Noleubtatte richtete. Lassen wir sie den Schlaf des Gerechten schlummern, am folgenden Tage wartete ihrer Anstrengung genug. Mit den Borschrchen des Gesetzes und der Sitte kannten unsere Barer keinen Spaß, Bedingungen und Umstände galten dabei nichts, und man fapitulirte auch nicht mit der geringsten derselben, und wenn ihre Forderung auch noch so hart war. Trotz des eisigen Nordwindes und des ungeheuren Schnees wurde vre Trauung unter freiem Hitnmel auf dem Hofe der Synagoge vollzogen. Hier hatte man zwar etuen Raum rein gekehrt, der jedoch nur für die Hauptgäste genügte, während die Anderen und das znsammeugeströntte Volk um so tiefer in den aufgehäuften Schnee etnsanken; und der feierliche Zug bis zu dieser Traustätte unter dem blauen Himmel, dessen freilich jetzt unsichtbare Sterne dem Braut-- paare die Zahllosigkeit ihrer Nachkommen verkünden sollten, ging auch nicht auf glattem Boden vor sich. Es half daher unseren voranziehenden Musikanten wenig, daß sie einen ernsten langsamen Marsch zu produciren begonnen, der Zug verlor bald seine Feierltchkeit und siel in einen schnelleren Trab ein; der Akt wurde mit möglichster Erle vollzogen, geweint, getröstet, gestöhnt und geliebkost hatte man ja zu Hause während des „Bedeckens" schon genug. Ebenso eilte man zurück und fühlte sich in den warmen Gemächern schnell gehoben und erheitert: die Hochzeit begann, und vor Allem fing der Schalksnarr oder Marschalk seine dankbare und ergiebige Rolle an. Gehen wir darüber hinweg; die Sonne senkte sich schnell im Westen, die Dunkelheit breitete ihre schwarzen Schatten über die Erde, über die weite beeiste, vom Nordsturm überraste Flur; aber im Hause Mendels war es hell und schimmerte durch alle Fenster, und ging es hoch und lustig her. Endlich' war Alles abgethan, und die ungeduldige Jugend drängle zum Tanze. Das größte Zimmer im Hause war ausgeräuml, an den Wänden hingen viele an Messtngplatten befestigte Leuchter, in einem Winkel hatte man eine kleine Estrade angebracht, auf der die beiden Musikanten Platz nahmen. Der Saal war noch leer, denn die jungen Leute beiderlei Geschlechts befanden sich in den Nebenzimmern , deren geöffnete Thüren in den Saal führten, und engagirten sich daselbst zu den auf einander folgenden Tänzen. Das war ein sehr ernstes, feierliches Geschäft, mit manchem Herzklopfen, manchen Hoffnungen und Täuschungen gemischt. Glücklicher Weise war die Zahl der Jünglinge und Jungfrauen ziemlich gleich, und selbst die älteste der alten Jungfern, die anwesend, brauchte nicht ganz und gar sitzen zu bleiben. Jetzt trat ein Paar in den Saal ein; es mochte wohl das ausgezeichnetste sein, dem die anderen wie von selbst den Vorrang einräumten. Aber es konnte auch darauf Anspruch machen. Der junge Mann war sicherlich der feinste in der Gesellschaft, wozu ihn seine Kleidung, seine Haltung und gewiß auch sein Rang stempelten. Er stammte dtrekt aus Berlin, oder kam wenigstens von dort, nannte sich wohlgefällig Lilienthal — denn in der Residenz war es unter den Juden guter Ton geworden, sich nach Blumen, mächtigen Thieren und-Landschaften der Natur einen Namen auszuwählen, statt der altmodischen, sich ewig wiederholenden aus der heiligen Schrift oder dem deutschen Mittelalter — und vertrat als Reisender das große Handelshaus Jtzig & Comp. Er sprach ein reines Deutsch, wenigstens den Dörflern schien es so, und schnarrte dabei auf gut Berlinisch. Setne schlanke Gestalt war in einen blauen Leibrock mit goldenen Knöpfen, eine rothe Sammetweste, weiße Kniehosen, seidene Strümpfe, lackirte Schuhe mit silbernen Schnallen gekleidet, und erregte dadurch die allgemeinste Bewunderung. Deshalb hatte man ihm-das Arraugiren der Tänze übertragen und ihn überhaupt zum Mcutre de Platsir gemacht, da er es ja am besten verstehen mußte. An seinem Arme führte er aber auch das schönste der Mädchen, die Tochter eines begüterten Mannes aus dem benachbarten Städtchen. Freilich konnte sie sich, was die allerneueste Mode betraf, wohl nicht mit ihrem Begleiter messen, der mit seinem bepuderlen Haupte und seinem zierlichen Zopfe mit der großen Schleife von breiten Seidenbändern, wenn "r offenherzig hätte sein wollen, ihr viele Mängel ihre. Toilette hätte offenbaren können, was der Schalk aber weislich unterließ und vielmehr Worte der Bewunderung ausströmte. Dafür war sie um so schöner; die Fülle wohlgeordneter brauner Locken hing ihr von dem reizenden Köpfchen, um die leuchtende Stirn, an den evel geformten gerötheten Wangen, ihre dunkelen Augen strahlten, ihr lieblicher Mund lächelte, die feine Gestalt mit jugendlicher Fülle bewegte sich anmuthig; sie war noch sehr jung, aber Klugheit und Güte vereinigten sich im Ausdruck ihres schönen Antlitzes. Jacob hatte ruhig auf seinem hölzernen Schemel ge sessen, die mit der linken Hand gefaßte Violine auf den Schenkel stützend, in der Rechten den Bogen, vor sich auf einem Tischchen das Notenblatt; neben ihm her Vetter, der das Mundstück seiner Pfeife schon zwischen den Lippen hielt. Da erschien das Paar im Saale. Das Auge Jacob's fiel auf das Mädchen am Arme des Berliner Stutzers; sein Gesicht erbleichte, seine Arme zitterten, seine Augenlider senkten sich. Warum erbebst du, lieber Jacob? Du hast doch das Mädchen schon einige Male gesehen, gesehen wie sie anmuthig im Tanze sich schwang, ihre Stimme gehört, die sanfte, melodische, ihrer klugen