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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-30 · Heft 13 (30.3.1869) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 13 (30.3.1869)
Date
1869-03-30
Page
Seite 255 (sequence 11)
Language
German
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255 Man kann sein Staunen nicht unterdrücken, daß ein Eötvös zu einem solchen Schritte sich Hinreißen ließ. In Ungarn, wo alle Vcrwaltungszwcige brach liegen, wo Person uud Eigenthum stets gefährdet sind, wo die Justizpflege in einem desparaten Zustande sich befindet, hat ein Minister keine andere Aufgabe, als mit dem Streite der Kaschauer Cultusgemeinde sich abzugeben! Man sagt, daß Stöße von Akten über Streitigkeiten der jüdischen Gemeinde beim Cultusminister liegen, aber warum weist er dieselben nicht einfach zurück?? Warum nimmt sich Hr. Eötvös nicht das Beispiel von andern Cultusministern, z. B. in Preußen, England, die sich jeder Einmischung in die religiösen Angelegenheiten der Inden enthalten? Ist es nicht der kürzeste Weg, bei derartigen Klagen die streitenden Parteien an ein selbstgewähltes Schiedsgericht zu weisen — und damit ist alles abgethan! In einem Lande, wo das bereits seit Monaten vom Könige sanctionirte Volksschulgesetz nicht in Wirksamkeit treten kann aus Mangel an Ausführungsorganen — und auch in Monaten noch nicht in Wirksamkeit treten wird — hat der Cultusminister wahrlich ganz andere Aufgaben zu erfüllen als für das Betlocal und die Mikwa der Kaschauer Chassidiin zu sorgen. Doch wir wollen uns nicht in eine Kritik des Actenstückes einlassen, die der Verfasser der „jiidischen Wirren in Ungarn" so geistreich geübt hat. — Leider folgte der isr. Congreß in Pest diesen Gelüsten des Cultusministers, in die innere Verwaltung der jüdischen Gemeinden einzugreifen, und der Congreß wird deshalb erst recht die Verwirrung vergrößern. Ungarn ist ein Land der Freiheit, und Freiheit muß auch in religiöser Beziehung herrschen. Können in einer Gemeinde zwei Synagogen bestehen, warum soll man die Parteien daran hindern und Gewissenszwang üben? Was wir von dem Getriebe der Parteien verschont wissen wollen, ist die Schule. Die Schule soll über den Parteien stehen! Alles andere mögen sich die Gemeinden nach eigener Facon gestalten, bis sich die Meinungen geklärt haben werden. Aus Ungarn, 8. März. Der Präsident des jüdischen Congresses, Di-. Hirschler, ist zum königlichen Rath ernannt worden. — Aus Pest telegraphirt man vom 5. März: Nach Eiscnstadt wurde behufs Untersuchung der von Geistlichen angeregten In den - Hetzen ein königlicher Commissär entsendet. Brünn, im März. Nachdem die Führung der jüdischen Matriken in der israelitischen Cultusgemeinde zu Brünn an die Organe der letzteren überzugehen hat, wurde der Rabbiner Dr.Baruch Placzek zumMatrikenführer und der Gemeinde-Secretär Dr. Jacob Singer zu dessen Stellvertreter ernannt und als solche am 4. d. bei der mährischen Statthalterei beeidet. Aus Galizien, Ende Januar. Dem Pester Lloyd schreibt man aus Brodh, 26. Jänner: Als Sittenspiegel unserer Zeit dürfte es viele Leser interessiren, Näheres über die Vorgänge mit dem wunderthätigen Rabbi zu erfahren, welche gegenwärtig die jüdische Bevölkerung Galiziens, der Bukowina, der Donaufürsten-' thümer und Rußlands so sehr alarmirt und in Berdhczew (Volhynien) sogar die Abhaltung von allgemeinen Fasttagen veranlaßt haben sollen. Ein vor etwa einem Vierteljahrhundert aus Rußland nach der Bukowina flüchtig herübergekommener, schon in seinem früheren Vaterlande berühmter Rabbi, welcher in dem nahe bei Czernowitz gelegenen Städtchen Sadagura großen Hof hielt und große Reichthümer sammelte, ließ mehrere im Geiste und im Geschäfte des Vaters erzogene Söhne zurück, die sich in das sehr bedeutende immobile und mobile Vermögen und in das vorzüglich von ihm beherrschte Reich theilten. Der Eine blieb in der Residenzstadt Sadagura, der Andere zog nach Husiathn an der russischen Grenze, der Dritte machte sich die Donaufürstenthümer unterthänig und residirte in Luban. Der Nimbus des Vaters reflectirte auf die Söhne, denen der Chassidismus Weihrauch und Geld streute. Es pilgerten aus allen Ecken und Enden der slavischen Länder fromme Wallfahrer zu den Nachfolgern Rabbi Srultsche's und Niemand mit leeren Händen: galt es ein Uebel zu heilen, an dem die Aerzte verzweifelten — ein Familienunglück abzuwenden — ein größeres Unternehmen zu wagen — eine alternde Tochter an den Mann zu bringen, oder eine unfruchtbare Ehe zu segnen, so ging es hurtig zum Rabbi, der für Jeden einen Rath, ein Wort des Trostes und eine stets offene Hand hatte. Daß man bei einem derartigen Geschäfte fett wird, läßt sich denken. Einer der gefeierten Brüder, jener in der Moldau, sei er müde der Verstellung oder des Gcldnehmens, oder auch angeekelt durch die Dummheit, die sich um ihn schaarte, raffte sich zu dem heroischen Entschlüsse auf, dieser Vergötterung zu entfliehen und in das bürgerlich^

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