Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1869)
- Date
- 1869-03-30
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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246 der Musik," den er jetzt in seiner Broschüre reproducirt. Der Kern desselben ist: Mendelssohn hat allgemeine Anerkennung in der musikalischen Welt, Meyerbeer einen großen Spielraum auf dem Theater erlangt; Wagner tritt auf, hat Anfangs einigen Erfolg, der sich aber bald verliert und durch seine nachfolgenden Opern immer mehr abschwächt, seine Theorie gewinnt nur Gegner, seine Compositionen entmuthigen seine früheren Anhänger und verwandeln diese allmälig zu Gleichgültigen oder selbst Widersackern; gerade in der Geburtsstadt W.'s, in Leipzig, einem durch die Pflege der Musik berühmten Orte, stellt sich dies am unumwundensten heraus. Dies war bereits 1850 entschieden. Aber es war für R. W. empörend, es muß bekämpft, vernichtet werden — Wagner schreibt seinen Aufsatz. Mendelssohn und Meyerbeer sind zufällig von jüdischer Abstammung. Dies ist ein glücklicher Anhaltspunkt. Man kämpft gegen sie als Componisten, und gewinnt ihnen Licht.und Wind ab, indem man sie als Juden brandmarkt. Man charakterisirt die Juden als unfähige und scheußliche Mißgeschöpfe, man ruft die germanische und romanische Stammesehre an und speculirt auf Racenfeindschaft und Judenhaß. Meyerbeer hat nichts gethan, als die gelangweilten Zuhörer um ihre Langeweile getäuscht, d. h. ihnen weiß gemacht, daß sie sich amüfiren; Mendelssohn ist bei allem Talent kalt, leer, und hat noch durch keine Zeile seine Hörer zu erwärmen und hinzureißen vermocht. Denn sie sind Juden, gebildete Juden. Nun wird ein Bild von den „gebildeten Juden" entworfen. Diese sind Carrikaturen in ihrer leiblichen Beschaffenheit, sie können nicht sprechen, nicht singen, nicht dichten, nicht componiren; sie sind herzlos, haben kein Gefühl und keinen Schwung; sie sind körperlich und geistig verkrüppelt und verkommen. Dies sind die Grundzüge, die R. W. von den Juden und jenen beiden Componisten entwirft, und die er im Detail ausmalt. So erweist er, daß jüdische Componisten gar nichts zu produciren vermögen, weil alle musikalische Composition sich auf das Volkslied gründen muß, und die Juden nichts weiter als ihren Synagogengefang hätten, der nur eine musikalische Carrikatur sei. Aber jenen beiden Juden sei es doch gelungen, die ganze musikalische Welt zu beherrschen, die ganze Zeit nach Beethoven in ihre Gewalt zu bekommen, sie haben die Musik „verjüdelt", die musikalische Welt und besonders Leipzig hat die „Judentaufe" erhalten — das ist das „Judenthum in der Musik." — Mendelssohn war schon todt, als R. W. diesen Aufsatz schrieb, und es sind jetzt wieder zwanzig Jahre seitdem verflosien; dennoch besitzt er dieselbe Anerkennung und Liebe in der ganzen Welt, beim Publicum wie bei den ausübenden Künstlern. Wagner hatte also fünfundzwanzig Jahre Zeit, Mendelssohn zu verdrängen, die Herrschaft der musikalischen Welt sich zu erwerben — er hat sie noch mehr verloren. Meyerbeer ist todt; aber nach jenem Aufsatze, wie nach seinem Tode sind seine Opern noch auf der Schaubühne heimisch; Wagner hatte Zeit, ihn zu verdrängen; die Oper ist verwaist, die Welt lechzt nach einer neuen großen Schöpfung — aber Wagner kommt keinen Schritt weiter, sondern zurück. Wie? sind jene beiden todten Componisten, die nichts Neues mehr schaffen können, und deren Stellen leer sind, noch immer so mäcktig, um ihren Betrug fortzuspinnen, und ihre Hörer für ihre Kälte und Leere, für ihre trostlose Nichtigkeit und Nüchternheit zu erwärmen, zu begeistern, und jeden Anderen fern zu halten? Wagner giebt die Hoffnung auf, sie zu vernichten, aber er will sich rächen: er läßt jenen Aufsatz noch einmal drucken und knüpft daran sein schmutziges Spinngewebe von Enthüllungen!... Es wäre thöricht von uns, wollten wir den Werth jener beiden Componiften gegen Wagner verteidigen und sie mit seinen Productionen vergleichen. Wir halten uns rein an das Tatsächliche. Wagner kann nicht einmal den Einwand erheben, daß jeder große Genius, der mit neugearteten Schöpfungen aus dem Dunkel hervortritt, meist lange zu kämpfen hat, ehe seine Zeit ihn begreift nnd anerkennt, wie es Mozart und Beethoven nicht anders gegangen. Er hat vier Jahrzehende bereits Zeit gehabt, seinen Platz zu erringen; dabei eine Zeit, in welcher er in der Thal keinen Rivalen gefunden hätte, eine Zeit, die für wirklich große Erzeugnisse zur günstigen Aufnahme gestimmt war. Aber es ist ihm nicht gelungen, weil ihm gerade die Eigenschaften anhangen, die er denen insinuirt, welche er bekämpft, weil er selbst kalt, herzlos und impotent ist, weil seine Dichtung wie seine Musik nichts als Lärmen und Geklingel, nichts als hohler Pathos und noch hohlere Komik ist, und gerade seine theoretischen Ansichten ihm den letzten Rest von Anmuth, Einfachheit, Gefühlswärme und Wahrheit raubten. Aber ist es denn auch wahr, daß Mendelssohn und Meyerbeer, daß also Juden allein die musikalische Welt seit Beethoven ausfüllten und beherrschten? Gab es in Deutschland keinen Carl Maria v. Weber, keinen Spohr, keinen Friedrich Schneider, Schubert,