Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1869)
- Date
- 1869-03-23
- Page
- Seite 225 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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225 seine Entrüstung hervor, da er sich ja bewußt ist, der größte Componist aller Zeiten zu sein, vor welchem alle früheren wie Schemen verschwinden oder nur als Vorläufer gelten können, da er sich als gottberufenen Propheten der Musik für alle Zukunft fühlt, dessen erste Verkündigung die ganze Welt überwinden mußte, vor dessen Schöpfungen jedes Knie sich beugen sollte. Da also die Ursache jenes Gegentheils nicht in seinen Dichtungen und Compositionen, sondern außerhalb dieser liegen muß, so sieht er nach dieser umher. Da findet er denn, daß auf der Bühne noch immer Meyerbeer einen Platz, in der ganzen musikalischen Welt Felix Mendelssohn eine allgemeine Geltung und Verehrung besitzt, daß alle seine (Wagner's) Versuche, mit Wort und That diese zu verdrängen, gescheitert sind. Beide sind Juden, wenn auch der letztere schon als Christ geboren war. Dies war ihm genug. Als 1849 die Herrschaft der Reaction begann, war es die tägliche Rede aller Reactionären, daß die ganze revolutionäre Bewegung von 1848 von Juden, Polen u. s. w. ausgegangen sei, und es ist seitdem ein sehr beliebter, jetzt aber abgenutzter Kniff der Feudalen und Ultramontanen geblieben, allen Liberalismus den Juden zuzuschreiben und als jüdisch zu bezeichnen, die Presse für in den Händen der Juden befindlich auszugeben, und alle liberalen Zeitschriften „Judenblätter" zu nennen. Man glaubte hiermit den gesammten Liberalismus dem Volke verächtlich zu machen. Der Republikaner und Aufständler Richard Wagner beschloß, denselben Kniff anzuwenden, und ihn in der musikalischen Welt zu benutzen. Das that er bereits in dem schon gedachten Aufsatz 1850, jedoch ohne allen Erfolg. Jetzt nun, wo er seine Hoffnungen immer mehr zu Grabe gehen sah, wo selbst sein letztes Werk von ungeheuerlichem Umfange, die „Meistersinger" sofort die vernichtendsten Kritiken erfuhr, wo das Häuflein seiner Verehrer sich immer mehr mindert, wo er nicht blos im eigenen Innern, sondern auch bei seinen Anhängern der Frage gegenüber steht: woher dieses allgemeine Mißgeschick? wo die Direction der Berliner und Wiener Hofopern die Aufführung seines jünften Opus abgelehnt haben — jetzt greift er wie nach einem letzten Rettungsanker nach jenem alten Kunstgriff zurück, und will seinen Anhängern weißmachen, daß jener Auffatz von 1859 die Juden so geärgert habe, daß sie ein allgemeines Complot gegen ihn gebildet und ihn und alle seine Werke bis zur Vernichtung verfolgten. Da ec von seinen Anbetern so viele Gläubigkeit gewohnt ist, traut er ihr auch diesen unverdaulichen Bissen zu. Also 1850 versuchte Wagner, Mendelssohn und Meyerbeer durch den Kunstgriff, sie seien Juden und durch sie die ganze musikalische Welt verjüdelt, zu beseitigen; 1869 versucht er, sein Fiasco durch die Feindschaft der Juden zu erklären. Begleiten wir den großen musikalischen und dichterischen Heros auf diesem Wege. Fragen wir einfach zuerst: waren durch die ganze Zeit seiner öffentlichen Thätigkeit die Gegner Wagner'S Juden, oder war nur ein einziger Jude darunter? Die Antwort lautet: nein! Weder ein Jude, noch ein getaufter Jude, denn beide sind dem R. W. gleichbedeutend. Die meisten seiner Kritiker führt er selbst an — nicht alle, davor hütet er sich, weil sehr gewichtige Namen darunter — und es ist kein einziger Jude darunter. Da finden wir Prof. Otto Iah n, den berühmtesten Musikschriftsteller Deutschlands, Prof. Bischofs, den geistvollen mnsikalischen Kritiker der Cöln. Zeit., Speidel und Schelle, Heinrichs, Adolf Stahr und Robert Franz, Prof. Köstlin, in Bischer's Aesthetik, Eduard Hanslick, den Verfasser über das Musikalisch-Schöne, Julius Fröbel, Prof. Lübke — sie sind alle keine Juden, keine getauften Juden, und sie sind es, welche vernichtende Kritiken nicht blos über die theoretischen Paradoxen W.'s, sondern auch über seine musikalischen Werke geschrieben haben. Das muß der Herr Wagner doch wissen, und er kann zuletzt doch nicht umhin, zu behaupten, daß die Juden nach seinem Aufsatz von 1850 beschlossen hätten, ihn durch Stillschweigen, durch Jgnorireu aus der Welt zu schaffen. Also die Juden schwiegen still, standen aber etwa jene zahlreichen christlichen deutschen Autoren und Kritiker im geheimen Solde der Juden? Das wagt selbst Wagner nicht zu behaupten, und so vermag er mit all seinem Wortschwall und verdreherischen Phrasen nicht eine einzige Thatsache anzuführen, welche jenes Complot, ja auch nur eine Feindschaft der Juden irgendwie bewiese. Oder haben etwa die Juden die Thcaterdirectionen bewogen, die Wagner'schen Opern nicht aufzuführen, oder, wenn sie dieselben aufgeführt, bald wieder fallen zu lassen? Stehen etwa die Hofintendanzen von Wien und Berlin unter der Herrschaft der Juden? Bei den zahllosen großen und kleinen Theatern Deutschland's hätte doch W. wenn auch nur einen einzigen Fall irgend einer von den Juden angezettelten Jntrigue aufdecken können müssen — er kann keinen einzigen Fall L-