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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-23 · Heft 12 (23.3.1869) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 12 (23.3.1869)
Date
1869-03-23
Page
Seite 224 (sequence 4)
Language
German
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224 daß wir sie übergehen können, so entscheidend diese Momente für die ganze Frage auch wären. Sein zweites Argument holt Herr Mohl daraus hervor, daß die Zahl der Ackerbauer und Handwerker unter den Juden noch immer sehr gering sei, daß sie sich noch immer vorzugsweise dem Handel, den Wissenschaften und Künsten und dem Literatenthum zuwendeten. Was die erstere betrifft, so liegt es auf der Hand, daß eine Bevölkernng, die fünfzehn Jahrhunderte von Grundbesitz und Handwerk ausgeschloflen war, in „einem Menschenalter" sich nicht gleich in ihrer Mehrheit auf Ackerbau und Handwerk werfen kann, und thäten sie es, würde H. Mohl einer der Ersten seien, der über „schädliche Ueberfüllung" einen Schmerzensschrei ausstoßen würde. In Ländern, wo ihnen beides nicht verboten war, haben sie beides stets betrieben, und H. Mohl könnte in Amsterdam eine Concurrenz der Lastträger, und in Podolien eine Concurrenz der Steinklopfer seitens der Juden finden. Er könnte sich auch aus den statistischen Tabellen überzeugen, daß z. B. in Preußen und Oesterreich die Zahl der jüdischen Handwerker, in Ungarn der jüdischen Ackerbauer in starker Zunahme ist. Aber wir wollen ja nicht mit ihm rechten, sondern nur das „Unfertige" der Mohl'schen Weisheit zeigen. Denn was zieht denn diese für einen Schluß aus seiner Behauptung? Keinen anderen, als daß nach dem Muster der früheren Gesetzgebung in Württemberg und Bayern den jüdischen Hausirern und Schacherern die höheren politischen Rechte versagt werden sollen! Was heißt das? Ein jüdischer Hausirer soll kein Minister, ein jüdischer Schacherer kein Bürgermeister oder Abgeordneter werden — denn das sind doch die höheren politischen Rechte-o Professorenweisheit , wie harmlos ist deine Gegnerschaft geworden! Sie bedarf in der Thal keiner Widerlegung; hier macht es wirklich nur der Name, nicht der Inhalt, der zu einer Besprechung auffordert. Bon dem deutschen Gelehrten gehen wir zu dem deutschen Componisten über. In diesen Tagen erschien eine Broschüre, deren Inhalt uns, wie gewiß die Mehrzahl ihrer Leser, in den zweifelhaften Seelenzustand versetzt, ob man mehr lachen solle über die Narrheit und Verkehrtheit, oder sich mehr betrüben möge über die Bosheit und den Wahnwitz — denn unstreitig haben alle diese Beschaffenheiten des Geistes bei der vorliegenden Mißgeburt geholfen. Sie führt den Titel: „Das Judenthum in der Musik von Richard Wagner" (Leipzig 1869). Um den Gegenstand derselben kurz zu charakterisiren, so besteht er darin: Richard Wagner schreibt das Mißfallen und die Theilnahmlosigkeit, welche seine neueren Opern in der gesammten gebildeten Welt finden, ganz allein einer organisirten Machination der Juden zu, und findet die Ursache für diese wieder in einem Aufsätze unter gleicher Ueberschrift, den er 1856 in einer Leipziger musikalischen Zeitschrift veröffentlicht hat, und welcher die Juden so geärgert habe, daß sie sich zu seinem Untergange verschworen. Er läßt nun jenen Aufsatz noch einmal abdrucken, und fügt seine weiteren Enthüllungen über dieses entsetzliche Complot hinzu. So weit wäre die Sache lächerlich, und man könnte glauben, daß Wagner an einer Monomanie leide, für welche er kaum verantwortlich sei; um so mehr könnte man dies vermuthen, da der Mann auch in anderen Beziehungen, z. B. in seiner Selbstvergötterung, in seinen Ansprüchen auf die unumschränkte Alleinherrschaft in der musikalischen Welt, bereits als ein Maniacus erschienen ist, und Viele an sogenannten Größenwahnsinn dachten. Aber er benutzt dies nun, um die Juden dermaßen in dem scheußlichsten sittlichen, intellectuellen und materiellen Zustande zu schildern, und verräth dabei so gemeine Triebfedern und Leidenschaften, daß man dennoch eine sorgfältige schlaue Berechnung und eine Boshaftigkeit darin erkennen muß, welche eine bloße fixe Idee, wie sie bei größeren Männern als Herr Richard Wagner ist, z. B. bei Rouffeau, der sich stets von Feinden umringt und verfolgt glaubte, vorgekomme» ist, ausschließen. Jndeß ist diese Frage nicht von uns zu entscheiden; sehen wir vorläufig Herrn R. W. noch als einen seines Verstandes mächtigen Mann an, und forschen wir zunächst nach den Ursachen und nach dem Verlaufe dieses ganzen Vorganges. Herr Richard Wagner sieht 'mit ebenso vielem Erstaunen wie Kummer, daß seine neuesten Opern: die „Meistersinger," die „Nibelungen," „Tristan und Isolde" eine allgemeine Gleichgültigkeit bei dem Publicum, einen allgemeinen Widerspruch bei den Fachmännern, sowohl Aesthetikern als Musikern, und eine allgemein« Ablehnung, dieselben aufzuführen bei den Theaterdirectionen gefunden haben; er bemerkt ferner, daß selbst sein« frühere Oper „Lohengrin" nicht mehr gegeben wird, und der Beifall, den sein „Tannhäuser" Anfangs erworben hatte, sich sehr abgeschwächt hat. Daß ihm dies Kummer macht, ist natürlich; aber «S ruft auch sein Erstaunen,

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