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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-23 · Heft 12 (23.3.1869) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 12 (23.3.1869)
Date
1869-03-23
Page
Seite 222 (sequence 2)
Language
German
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222 der Wissenschaft und des Lebens noch immer beherrschen zu wollen. Cr zuckt die Achseln und wendet sich mit Bedauern ab. Aber es ist einmal so, und gerade in Wissenschaften, welche eine lebhafte Fortbildung erfahren, ist es wenigen Menschen gegeben, mit ihr gleichen Schrittes auf der Höhe fortzuwandeln. Die Wissenschaft ist durch und durch demokratisch; ein Anrecht aus bleibenden Besitz der höchsten oder einer hohen Stellung besteht nicht; es gilt immer höher zu klimmen, und wer stehen bleibt, wird als geschichtliche Station Anerkennung für seine Vergangenheit behalten, auf die Gegenwart aber keine Ansprüche mehr haben. Um seiner lieben Persönlichkeit willen kann die Welt nicht stehen bleiben, und wenn er es erzwingen will, erndtet er Hohn und Verachtung, die seinen früher wohl erworbenen Lorbeer entblättern. Zu diesen gehört Robert v. Mohl. Mohl hat sich der Gleichstellung der Juden immer widersetzt. Er befand sich auf dem Standpunkte Rottecks. Seitdem sind dreißig Jahre vergangen, und Mohl ist der alte geblieben, trotz oder weil er immer älter wurde. 1848 war er in der deutschen Nationalversammlung der Einzige, der seine Stimme laut gegen die Gleichberechtigung aller Bürger ohne Berücksichsichtigung der Confession erhob. Er veranlaßte damals die berühmte Improvisation Rießer's, mit welcher alle Gegenstimmen aufhörten, und die von da ab Rießer als einen der gländzensten Redner auf die Tribüne der Paulökirche berief. Es sind seitdem wieder zwanzig Jahre vergangen, aber Mohl ist der alte geblieben. Freilich ist die Gleichberechtigung seitdem mit Ausnahme einiger östlichen Staaten eine Wirklichkeit geworden, aber das ändert nichts, der alte Professor kennt sich selbst zu gut, um nicht zu wissen, daß die ganze Welt Unrecht, er aber Recht hat, die ganze Welt irrt, er aber unfehlbar ist. Das Eine weiß er, daß er den Lauf der Dinge nicht zu ändern vermag, nun, so ist doch wenigstens die Rache süß. Das ist schlimm, denn dann bewährt sich stets das alte Wort: 0 8i taeuisses! Robert v. Mohl hat seit 1860 drei sehr dickleibige Bände „Staatsrecht, Völkerrecht und Politik" herausgegeben, deren dritter Band soeben erschienen. Wir überlasten das Studium dieser Volumina den Fachmännern. Dem dritten Bame hat M. einen Anhang hinzugefügt unter der Rubrik „Uebereiltes, Unbedachtes und Unfertiges in der Tagespolitik." Er polemisirt in einzelnen Capiteln hier gegen die „Judenemancipation," die „Abschaffung der Todesstrafe," die „Abschaffung der Prügelstrafe," gegen das „Verbot des WasfentragenS außer dem Dienste" u. s. w. Wir haben diesen Anhang sorgfältig gelesen, und fanden, daß Mohl das volle Recht hat, in der Einleitung zu diesem Anhang zu sagen, daß es „Theoretiker giebt, welche gar gerne die Wahrheit, die Umsicht und den Patriotismus als ihre Domainen betrachten," denn er gehört selbst dazu, und er hat dasselbe Recht, seine Ansichten als „retrograde, freiheitsfeindliche, aristokratische Gesinnungen" zu bezeichnen — er sagt dies zwar ironisch, aber wie oft entschlüpft der Ironie wider Willen und Absicht die Wahrheit. Der Verfasser hat die Ueberschrift seines Anhangs sehr bezeichnend gewählt, nur daß er mit „Unbedachtes und Unfertiges" seine eigenen Auslassungen noch weit mehr charakterisirt als die Behandlung der betreffenden Gegenstände in der Tagespolitik. Wir wollen ein Beispiel anführen. Das erste Capitel ist überschrieben: „Ein neues Corpus Evaügelicorum.“ Er schildert darin sehr treffend die immerfort anwachsende Stärke der Hierarchie in der katholischen Kirche und deren An- und Eingriffe in die staatliche Gewalt. Aber zur Bekämpfung derselben fordert er einen staatlich geordneten Bund der protestantischen Staaten, um mit vereinter Kraft, wenn in einem einzelnen Staate eine katholische Opposition entsteht, dieselbe zu bekämpfen und niederzuwerfen. Preußen soll der Vorort dieses evangelischen Bundes sein. Wenn dieser Vorschlag des H. Mohl nichts Unbedachtes, Unfertiges und Uebereiltes ist, so müssen wir auf das Berständniß dieser Wörter verzichten. Wer sieht nicht ein, daß durch einen solchen Bund sofort ein Ge genbund der katholischen Staaten hervorgerufen, die kirchlich staatlichen Angelegenheiten zu politischen werden, die Spaltung in Deutschland verewigt und der Religionskrieg von Neuem angeschürt werden würde? Wer sieht nicht ein, daß jene kirchlich-staatlichen Fragen nur die innere Verwaltung des Staates betreffen, wie Eherechts- und Schulfragen, und daß über solche Angelegenheiten nur die eigene Regierung auf Grund der constitutionell beschlossenen Gesetze zu verfahren hat? Es würde also von vornherein ein Eingriff in die innere Verwaltung der Staaten von Außen her stattsinden. Doch wir verzichten darauf, die durchaus „unfertigen" Gründe zu prüfen, welche der Herr v. Mohl für die Prügelstrafe, das Waffentragen außer dein Dienste — es geschieht ihm uämlich nicht oft genug Unheil aus diesem Waffentragen seitens der Soldaten — für die Todesstrafe u. s. w. vorträgt. Einige der

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