Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-16 · Heft 11 (16.3.1869) · p. Seite 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 11 (16.3.1869)
Date
1869-03-16
Page
Seite 219 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226702--27002-3262562
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

219 ich mit Dir herum, ha, ha! . . Das Männchen lachte über den Witz, den es gemacht zu haben glaubte. Aber ein Seufzer, der fast einem Schmerzensschrei glich und sich unwillkührlich aus dem Munde seines Gefährten gerungen hatte, stieß seine heitere Laune schnell wieder um. „Nein, nein," rief er hastig, „wenn es nicht um Deine Mutter geschähe und um Deine Schwester, ich thäte es längst nicht mehr! Aber wovon sollen die leben, wenn ich Dir nicht etwas verdienen hälfe! Als Dein Vater vor zwölf Jahren starb, habe ich es ihm versprochen, und bin darum zu Euch gezogen. Ach, und Deine Mutter ist ein Engel und Friedchen ein braves Kind. Deine Mutter war immer so gut und so rein wie die Geister im Gau-Eden, und schön war sie wie ein Malach i Engel) — ich habe sie in ihrer Jugend gekannt — aber . .." jetzt seufzte der alte Mann, doch verstohlen. Es lag wohl eine lange Geschichte von einer edlen, anspruchslosen, doch nie aufgegebenen Liebe in diesem stillen Seufzer der gealterten Brust, wie das Herz, das in ihr schlug, ein junges, schönes Mädchen geliebt, um dessen Hand aber nicht werben durfte, weil beide nichts besaßen und die zusammengelegte Armuth nur noch ärmer und hülfloser macht; wie dieses Herz dann seine Liebe in die verborgenste Kammer bannen mußte, als das theure Mädchen einem braven Manne die Hand gereicht, aber sie immer von Neuem an dem Unglück nährte, das über das theure Haupt in Gestalt von Verlust und Erwerbsmangel, von Siechthum und Tod des Mannes kam, und sich seitdem in Opfern und Hingebung aller Art betätigte. Diese Erinnerungen an ein Leben voll Entsagung und Hingebung mögen wohl durch die Seele des Mannes gegangen sein, da er so eine Zeit lang still vor sich hin vorwärts schritt, als er plötzlich von einem hellen, schrillenden Klang aufgeschreckt wurde. Er wandte sich schnell um, und sah, daß der Biolinkasten den Armen des jungen Mannes entglitten und auf den Boden gefallen war, und daß dieser selbst wankte und niederzusinken drohte. „Um Gottes willen, was ist Dir, Jacob?" schrie er auf und umfing den Jüngling mit seinen Armen. „Laß mich niedersetzen," flüsterte dieser mühsam, „ich kann nicht mehr, ich bin sehr müde, laß mich schlafen und geh nur weiter." „Gott erbarm sich unser, das wäre Dein Tod. Auf, auf, Jacob, nimm Deine Kräfte zusammen, denk an Deine Mutter! . .." Aber der junge Mensch antwortete nicht mehr und wurde immer schwerer in den Armen des alten Mannes, bis er auf den Boden glitt neben seinen Violinkasten. „Barmherziger Vater, gerechter Gott!" rief Salme in Verzweiflung. „Erbarme dich unser und schicke unS Hülfe!" „Eil' fort, Vetter Salme," sprach der Andere leise, „damit es Dir nicht auch so gehe!" „Und dann soll ich vor Deine Mutter treten, und sie wird mich fragen: wo hast Du meinen Sohn, „meinen einzigen, meinen geliebten," gelassen? Ewiger Vater, erbarme dich!" Und er blickte sich um, und sein Auge irrte über die ganze weite, weiße Fläche — aber es war still und einsam, so weit er schaute, kein Mensch, kein Thier ließ sich sehen, nur die Sonne strahlte wärmelos von dem blauen Himmel, und der eisige Wind pfiff in ununterbrochener Arbeit über die schneeige Flur. Da riß der alte Mann seine Pelzhandschuhe von seinen Händen und steckte die erstarrten des Jünglings hinein, und den Flausrock von seinem Leibe — er konnte dies immer noch wagen, da er eine dicke flanellene Jacke auf dem Leibe trug, und zog ihn dem Daniedergestreckten an, und dann sammelte er alle seine Kräfte, und richtete mit riesiger Anstrengung den Jüngling auf und schrie: „Du mußt fort, fort, noch einmal um Deiner Mutter willen, und wenn Du willst, auch um meinetwillen, denn ich verlasse Dich nicht, Knabe, und sterbe lieber hier mit Dir!" Und dann gab er dem Schwankenden einen kräftigen Rippenstoß mit der rechten und ergriff mit der Linken den Violinkasten, den er hinter sich herschleppte. Mit den Kleidern war einige Wärme in den erstarrten Körper des jungen Mannes zurückgekehrt, sein Geist dachte wieder etwas heller, und er vermochte wieder einige Schritte zu thun. Salme wiederholte seine Stöße und rief dabei: „Laß uns laufen, Jacob, laufen, damit wir warm werden und schneller zu Mendels Hause kommen!" Und sie liefen wirklich, und dann und wann verschnauften sie sich ein wenig, und liefen weiter, und Jacob ergriff seinen Violinkasten wieder, und die Sonne schien stärker und sammelte einige Warmestrahlen, und der Wind hielt ein wenig inne, wenigstens schien es den beiden Musikanten so, und so kamen sie an das Dorf. Hier zog Jacob den Flausrock und die Handschuhe wieder aus, womit sich Salme wieder bekleidete, um anständig erscheinen zu können. Nur noch wenige Schritte, und sie öffneten die Thüre zum Hause des reichen Mendel, aus der ihnen viel Geräusch, eine behagliche Wärme und ein erquicklicher Bratenduft entgegenquollen. < Fortsetzung folgt.) Kleine Mittheilnngen. Auch uuter den Anhängern des neuesten Materialismus herrscht durchaus keine Einigkeit. Vor Kurzem hielt Prof. vr. Virchow in Berlin einen Vortrag gegen seinen „Freund" Karl Voigt, in welchem er nachwies, daß der Mensch nicht vom Affen abstammen und zum Affen entarten könne und zwar aus der Beschaffenheit der Wirbelsäule. Für jeden wirklich wissenschaftlichen Forscher hat dies Beweiskraft, wenn er überhaupt noch eines Erweises bedurfte. Für die Anhänger der Darwinschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.