Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1869)
- Date
- 1869-03-16
- Page
- Seite 220 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Lehre wird dieser Beweis keine Schwierigkeit bilden, denn sie springen noch über ganz andere Dinge hinweg, als über die Zahl und die Beschaffenheit einiger Wirbelknochen. Sie sind auch bereits weit über den Affen hinaus, da sie jetzt alle thierische Wesen als aus der Blattlaus erklären. Uebrigens geht es mit der Darwinschen Theorie wie mit jeder Modesache in Deutschland: sie kommt in Deutschland auf, wenn sie in ihrem Ursprungslande bereits abgelegt worden. In England haben sich so viel gewichtige Stimmen gegen die auf willkührliche Voraussetzungen und unerwiesene Beobachtungen sich stützende Darwinsche Hypothese erklärt, daß sie dort nur noch wenige ernsthafte Anhänger zählt. — Jüngst wagte ein junger Vertheidiger der Darwinschen Lehre zu Bonn in einem öffentlichen Vortrage auch die Thatsache, daß bisweilen unter den Juden Knaben ohne Vorhaut, also gleichsam schon beschnitten geboren werden, als einen Beweis anzuführen, daß die Natur immer wiederholte Gewohnheiten sich mit der Zeit aneigne. Der Mann bedachte nicht, vaß erstens gerade die Beschneidung bei den Juden gegen die Darwinsche Hypothese spricht, denn nach ihr müßten nach mehrtausendjähriger Uebung der Beschneidung längst sämmtliche Juden ohne Vorhaut geboren werden; zweitens, daß es nicht erwiesen, sondern vielmehr das Gegentheil bekannt ist, daß diese Geburt ohne Vorhaut in jüdischen Familien erblich vorkomme, vielmehr sind es immer nur Einzelfälle; endlich drittens, daß ihm jeder erfahrene Arzt oder Anatom sagen konnte, daß dergleichen Fälle auch bei Nichtjuden und nicht gar selten Vorkommen. So sieht es mit den meisten Beweisen dieser Herren aus. Curiosa. Das Mitglied des preußischen Herrenhauses, Herr v. Below, äußerte sich bei der Debatte über das Jagdpolizeigesetz: es sei doch fatal für einen anständigen Herrn, mit Krämern, Juden und Postschreibern zu thun zu haben. Hierzu wird folgendes Curiosum als Commentar erzählt. In der Umgend des Herrn v. Below (Ostpreußen) haben sich bekanntlich zur Abhülfe des vorjährigen Nothstandes sogenannte „Frauenvereine" gebildet. An der Spitze derselben stehen meistens „Damen von Stand". So wird ein Frauenverein von einer Frau Baronin geleitet, die Herrn v. Below recht gut bekannt sein dürste. Diese Frau Baronin kommt vor kurzer Zeit in das kleine Städtchen und „beordert" die Mitglieder, sich in einem Locale zusammenzufinden. Dies geschieht denn auch, und als sie alle beisammen, erscheint die „gnädige Frau Baronin", geht grüßend an den „Frauen", welche sie stehend erwartet haben, vorbei und geruht sich auf einem Sopha niederzulaffen. Allsogleich tritt die Frau Pfarrer vor, verneigt sich tief und voll Ehrfurcht und küßt der gnädigen Frau die gnädigst hingereichte gnädige Hand. Der Frau Pfarrer folgt die Frau Bürgermeister und so fast die ganze Reihe, bis es endlich einem kleinen trotzigen Geschöpfe einfällt, der Frau Baronin einfach die Hand zu schütteln. Und siehe da, diese einzige Frau war — eine Jüdin. Wir freuen uns stets, wenn wir seitens eines Glaubensgenossen einen Zug von Charakter vernehmen. Die Zeit, wo man die Juden zur Kriecherei und Schmeichelei zwang, ist Gott sei Dank! vorüber. Warum also noch dergleichen, wo sie doch nur das Gegentheil von dem bewirkt, was man dadurch erreichen wollte. ^Die „Prager Zeitung" vom 8. Januar enthält folgende Mittheilung: Ein eigenthümlicher Leichenzug bewegt sich, aus dem ehemaligen Judenviertel kommend, durch die Straßen der Stadt dem Roßthore zu. Es ist ein jüdischer Leichenwagen, den aber christlicher Weihrauch umgiebt. Zu beiden Seiten des Wagens gehen Männer aus den industriellen und Kunstkreisen der Stadt, in Trauer und ganz entgegen der Judensitte, mit Kerzen in den Händen. Unmittelbar hinter dem Wagen erblickt man Herrn Hallenstein, den Heldenspieler unserer Bühne, ihm folgten die ersten Kräfte unserer Oper mit Herrn Becko an der Spitze. Ueber fünfzig Equipagen reihen sich dem Zuge an, dem, je weiter er kommt, sich immer mehr Leidtragende anschließen. An der Grabstätte treten die Opernsänger Becko, Hofmeister, Siehr und Uttner vor und singen mit großartiger Wirkung einen düsterkräftigen Choral, den Kapellmeister Slansky eigens für diese Feier Tags zuvor componirt hatte, dann fliegen Kränze ohne Zahl ins offene Grab und der Vorsteher der israelitischen Beerdignugsbrüderschaft steht da und weiß nicht, wie er sich gegenüber dem dem jüdischen Ritus so sehr widerstrebenden Vorgang verhalten soll. Der Verblichene aber, an dessen Leichenfeier sich die ersten Kunstpersönlichkeiten der Stadt betheiligten, war ein schlichter Handelsagent, „deß Name nicht war der Welt zur Beute, die selten fühlt und oft so lieblos richtet," er hieß Moritz Poper und hatte für sich und seine Familie das Leben täglich zu erobern; sein reicher Humor, den er in jede Gesellschaft so hell ergoß, sein goldreiner Charakter, der in den drückendsten Verhältnissen leuchtete, machten ihn in Prag zum Freunde so vieler bedeutender Menschen. Sonnabend Abends wurde er im Verein „Schlaraffia", wo er sich emsig mit den Vorbereitungen zum Narrenabend befaßte, zum „Junker" erhoben, am Morgen darauf machte ein Schlaganfall seinem Leben ein Ende. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur IZL H. Lotze.