Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1869)
- Date
- 1869-03-16
- Page
- Seite 218 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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218 nicht Alles so weiß aussähe wie ein Betttuch. Aber Du bist so still, Jacob — sprich, rede, das bringt Dich in Bewegung; wenn der Mensch spricht, vergißt er alles Leid . . „Ach, Vetter Salme, mir ist so schlimm zu Muthe, ich friere gar zu sehr, der Wind schneidet mir die Glieder entzwei. . „Ei was, ein junger Mensch von zwanzig Jahren muß nicht frieren; ich bin ein alter Kerl und thue es partout nicht . . ." Der Mann hatte freilich gut reden, denn außer der natürlichen Decke einer tüchtigen Fettlage auf allen Theilen des Körpers hatte er eine warme Bekleidung, die ihn schützte, wenn sie ihn auch weder durch Eleganz, noch durch den Reiz der Neuheit schmückte. Der Mann war von untersetzter und starker Gestalt; sein Haupthaar und sein Bart hätten durch graue Streifen verrathen können, daß er bereits weit über die Höhe des Lebens hinweggeschritten, wenn die über den ganzen Kopf gezogene Kaputze auch nur ein Härchen hätte sehen lassen und sein volles, rundes Gesicht, das zu denen gehörte, welche die rothe Farbe der Wangen erst in den letzten Tagen des Lebens verlieren, überhaupt je einen besonders sichtlichen Bartwuchs gehabt hätte. Viel Klugheit blickte aus den grauen Augen just nicht heraus, aber desto mehr Gutmüthigkeit und Treue, und hierzu stimmte sein eigentümlicher Mund, an welchem die Oberlippe gewölbt hervor- und die Unterlippe bescheiden zurücktrat. Das hatte aber weniger die Natur gemacht, als die Pflege der Kunst, die Pfeife oder Flöte zu blasen, der er von Kindesbeinen obgelegen. Sein gerundeter Körper steckte in einem dicken, ganz zugeknöpften Flausrock, seine Beine in einer Hose von grobem Tuche, und die rindsledernen Stiefel gingen bis über die Knie, wie seine Hände von guten Pelzhandschuhen bekleidet waren. So konnte er es im Kampfe mit dem Boreas gut aushalten, was seinem jugendlichen Gefährten weniger gelang. Denn der langgestreckte Jüngling, dessen Gewicht durch die Menge der Muskeln und des Fettes sehr wenig vermehrt wurde, zog sich fröstelnd in eine abgeschlissene Kleidung zurück, die selbst im Sommer nicht allzu warm gesessen hätte, und man konnte den Wind fast durch die Aermellöcher und die Poren des fadenscheinigen Leibröckchens pfeifen hören. Es war Alles an ihm so überaus dürftig, wenn anch reinlich und ohne Flecken und Riffe. Ein alter, mehr röthlich, als schwarz schimmernder Hut saß auf dem schön geformten Kopfe, den eine Fülle braunen Lockenhaares umgab. Die hohe und breite, dabei lichtweiße Stirne wölbte sich in . sanfter Rundung über den glänzenden braunen Augen, zwischen denen eine feingeschnittene Nase sich zu dem edel geformten Munde herabsenkte. Aber diese Lippen waren so bleich, die Wangen so eingefallen und fast aschgrau, und das Kinn trat scharf markirt aus dem fleischlosen Gesichte hervor. Es lag so viel Schwärmerisches, so viel Gedanken- und Gefühlreiches in diesem Antlitz, in welchem jetzt freilich mehr die Noch und der Schmerz des Augenblickes als Idealität des Geistes zum Ausdruck kam. Man sah, er rang mit de« feindlichen Froste und mit dem Willen, jedes Zeichen seines erbärmlichen Zustandes zu unterdrücken. Denn Vetter Salme hatte ein weiches Gemüth; aber gerade darum war ihm jeder Seufzer und jeder Jammerruf unerträglich, denn das schnitt ihm in die Seele, und solche Empfindung hat Niemand gern. — Den beiden Wanderern sah man schnell an, daß sie Musikanten waren. Dem alten Manne hing bequem an einem Bande über der Schulter ein längliches, schmales Futteral an der Seite, in welchem seine schwarze Ebenholzpfeife, die schön polirt und mit glänzenden Messingklappen versehen war, stak. Aber Jacob trug einen Kasten unter dem Arm, deffen Form die darin ruhende vielgeliebte Violine verrieth, denn trotz der Kälte, die ihm durch die zitternden Glieder fuhr, trug er den Kasten mit großer Sorgfalt, und wechselte deffen Stelle von einer Seite zur andern häufig, wahrscheinlich, weil er fürchtete, ihn aus dem erstarrten Arme fallen zu lassen. „Du frierst?" erwiderte der Alte auf zuletzt dennoch laut gewordene Klage seines jungen Begleiters, „armer Jung', aber ich kann Dir nicht helfen, Hab' ich Dir doch meinen eigenen Shawl um den Hals und über die Brust gebunden; Du mußt schon aushalten, bis wir in des reichen Mendels Haus angelangt sind, wo es eine warme Stube und eine heiße Suppe giebt, die Dich wieder Herstellen werden .. . „Weiß ich doch gar nicht," fuhr er in ärgerlichem Tone fort, „warum ich so mit Dir durch das Land laufe, um aufzuspielen, wo man keinen Anderen bekommen kann, da ich doch bequem unter den Klesmorim (Musikanten) von Schlaume Dorfgänger sitzen und spielen könnte! Hänge mich alten Narr an den Jungen, und laß mich dazu von meinen früheren Genossen verspotten! . . ." Der junge Mensch antwortete nichts. „Meinst Du am End', daß ich es um Deines Geigenspieles thu, das den Leuten wohlgefällt, mit dem aber alle ehrlichen Musikanten nicht fortkommen können und nichts anzufangen wissen? Fällt der Mensch mitten im Walzer oder in der Franyaise oder im Menuett auf die sonderbarsten Triller und Figuren, auf Gänge und Läufe, die auf dem Notenblatt gar nicht stehen, daß ich oft meine, der ganze Tanz müßte zu einem Knäuel oder zu gar nichts werden; die Pfeife bleibt mir zwischen den Zähnen stecken, bis er auf einmal wieder einlenkt und auch ich wieder vorwärts kommen kann. Da steht mir denn der Schweiß auf der Stirn vor Angst, während die Leute jubeln und jauchzen und der Tanz einen Schwung bekommt, daß ich verwundert dreinschaue. Wo Du nur das immer herbekommst, Jacob? Aber darum will Schlaume Dorfgänger nichts von Dir wissen, und um Dich nicht ganz allein und zuletzt umkommen zu lassen, denn die Leut' wollen doch nicht blos nach Deiner Geige tanzen, sondern auch was gepfiffen haben, laufe