Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1869)
- Date
- 1869-03-16
- Page
- Seite 217 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung dcö Zndcntbums. Femlleton-LeUage M Nr. 11. Leipzig, den 16. März 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. 1. Zwei Musikanten. Es war ein Winter von altem Schrot und Korn. Viele behaupten, daß auch die Jahreszeiten in unserer Zeit charakterloser geworden und haben dafür die Entwaldung als bequeme Erklärung für alle Uebel und vermeintlichen Veränderungen in der Natur bereit. Wie dem aber auch sei, der Winter, von welchem wir sprechen, war sehr hart, und man hörte allgemein, daß sich die ältesten Leute eines so harten Winters nicht erinnern könnten, bei welcher Redensart nicht zu vergessen ist, daß alte Leute immer ein schwaches Gedächtniß haben. Viele Tage und Nächte hintereinander war bald leichter, bald schwerer, aber ununterbrochen der Schnee heruntergefallen, und hatte die Erde fußhoch mit seiner dichten Decke überzogen. Im Walde brachen besonders von den Tannen viele Aeste unter der Last ab und die ganze Oberfläche der Erde hatte an Farbe und Gestalt alle Mannigfaltigkeit verloren. Dann aber hatte sich ein eisiger Nordwind aufgemacht, und fuhr wochenlang über die Erde dahin, bald zum Sturm anschwellend, bald die Luftwellen in leichterem Spiele, aber immer schneidend und ätzend, hinjagend. Er hatte den Frost in ungewöhnlichem Grade gesteigert und so zu sagen allen Dingen bis in das Mark eindringen lasten. Der Himmel freilich war durch ihn klar geworden, und stand wie eine lichtblaue Wölbung über der Erde; die Sonne strahlte in vollem Glanze und strömte unendliches Licht durch die Welt aus, das von den Schneekrystallen in noch verstärktem Maße zurückgeworfen ward. Es war eine Pracht für das Auge, aber nur einen Augenblick lang, denn es mußte sich geblendet schließen, und litt unter den allzu scharfen Reizen. So ist es mit der Schönheit und selbst mit der Majestät, die kein Herz hat; sie drückt und beängstigt und man wendet sich schnell von ihr ab, erleichtert, wenn man ihrer Nähe entrückt ist. Im Walde knitterte und zischte es, denn jede Luftbewegung streute unzählige kleine Eisnadeln umher, die in den Sonnenstrahlen flimmerten und das Gesicht stachen und schmerzten, das sie trafen; dabei rauschten die Zweige eigenthümlich zusammen, wenn sie das dürre Holz aneinander schlugen und die auf ihnen ruhenden Schnee - masten sich zu und dann abwarfen. Der Wanderer eilte daher, um aus dem Waldrevier zu kommen, was ihm schwer genug wurde in dem unregelmäßig aufgehäuften Schnee, der längst alle Straßen und Pfade zugedeckt hatte. Aber der Willkomm, der draußen seiner harrte, war noch ungastlicher, ja feindseliger, denn da erfaßte nun ungehindert der schneidende Wind den schon ermüdeten und erstarrten Pilger, der Boreas, der über die unabsehbare Fläche herankam, daß man ungewiß war, ob er, in die Erde eindringend, dieser über ihr Vertrauen zu der schützenden Decke des Scbnees spotten oder ihr diese Wohlthat der fürsorglichen Natur recht fühlbar machen wolle. Das geblendete Auge suchte dann um so ängstlicher nach einem Wahrzeichen des Zieles, wo der unglückliche Wanderer einen wärmenden Heerd oder gar ihm warm entgegenschlagende Menschenherzen zu finden glauben konnte, wenn nur die Ferne durch das Gleichmaß der Aussicht nicht noch ferner gerückt erschienen wäre und all' die gewohnten Zeichen des Weges gefehlt hätten, während jeder Laut durch die dunstsreie Luft scharf und hell ins Ohr fiel und wiederum über die Entfernung des Ortes täuschte, woher er kam. Dies wurde denn auch durch Nichts behindert, was die Stille unterbrochen hätte, die in der ganzen Natur herrschte. Unhörbarer als sonst schlüpfte das Wild durch die schneegefüllten Waldwege, und aus der Bögelschaar war es nur noch das Geschlecht der Krähen, das dann und wann sein heiseres Gekrächz vernehmen ließ, wenn es mit schnellem Flügelschlage über die Wipfel der Bäume, Über die weite öde Flur dahineilte. Zwei Wanderer traten aus dem Walde. Der eine wischte sich den Schweiß von der Stirn, noch ehe der scharfe Wind ihn hinweggetrocknet hätte, dem zweiten schien es ganz anders zu Muthe zu sein, denn man sah ihm leicht an, daß seine Glieder sich vor Frost schüttelten. „Nun, Jacob, wollen wir uns sputen, hier auf der Ebene geht es sich doch leichter als in dem Walde und durch die Hohlwege; in einer guten halben Stunde sind wir am Ziel; wir müßten den Thurm schon sehen, wenn