Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1869)
- Date
- 1869-03-16
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226702--26989-3262549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 sechsundneunzig gegen dreiundzwanzig Stimmen — letztere erklärten nicht dagegen zu stimmen, sondern überhaupt keine Stimme abgeben zu k ö n n e n — wurde die Errichtung eines Rabbinerseminars in Ungarn aus Mitteln des Landesschulfonds unter den begeisterten Rufen der Fortschrittspartei beschlossen. Vor der so wichtigen Abstimmung ^verlangte Herr Albert Friedlieber, Abgeordneter für S. A. Ujhely, das Wort, um zur Geschäftsordnung sprechen zu wollen; es ist dies der Vorwand für alle irregulären, orthodoxen Emanationen. Er protestirte feierlichst gegen die Fassung dieses Beschlusses, erklärte, daß der Congreß damit seine Competenz überschritten, und verlangt im Sternen seiner Gesinnungsgenossen, daß dieser Protest zu Protokoll gegeben werde. Stetürlich konnte diesem Verlangen nicht willfahrt werden, da in das Protokoll blos Beschlüsse ausgenommen werden. Der Präsident rectificirte dieses zum Protokoll sprechen dahin, daß er nur darum Herrn Friedlieber das Wort gegönnt habe, da er in letzter Stunde keine Erbitterung Hervorrufen wollte. Zur Ausarbeitung eines Elaborates über die Organisation des Seminars wurde eine Siebenerkommission ernannt, bestehend aus den Herrn: Dr. Zipser, Dr. Steinhardt, Dr. SO?. Hirs ch, I)r. A. Hochmuth, Dr. Samuel Cohn, S. L. Br ill ,Rabbinatsassessor) und Heinrich Deutsch. In die meritorische detaillirte Behandlung der Organisationsentwürfefür Thalmnd-Thoraschulen und für den obligaten Religionsunterricht wurde nicht eingegangen und sie einfach als Facharbeit acceptirt. Einen eben so wichtigen Beschluß faßte der Congreß durch die Auflassung der sogenannten Musterhauptschulen mit Ende des heurigen Schuljahres, die aus Landesmitteln erhalten werden, einen großen Theil der Einkünfte des Schulfonds absorbiren und sich ausschließlich in großen und reicheren Gemeinden befinden. Der ursprüngliche Antrag ging von einem hochachtbaren und ebenso anspruchslosen Mitgliede, von Herrn Leopold Mittelmann aus, der in warmen, beredten Worten dein Congresse das Loos der armen kleinen Gemeinden zu Gemüthe führte, welche die Unterstützungen aus dem Schulfond viel schwerer entbehren, als sie die großen Gemeinden leicht genießen. Herr Holitscher modisieirte diesen Antrag dahingehend, daß die Gemeinden, in welchen sich solche Schulen befinden, sich mit der Regierung in's Einvernehmen setzen, um daß diese Schulen aus Gemeindemitteln weiter erhalten werden könnten. Dieser Antrag wurde — nachdem sich auch Herr Mittelmann demselben angeschlossen — angenommen. Ferner wurde auch ein Antrag des Herrn Moritz Mezei, Abgeordneten für Pest, angenommen, dem Cultusminister eine Adresse zu überreichen, in welcher die Bitte enthalten sei, der künftigen Legislative einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die jüdische Confession als solche in die Reihe der staatlich recipirten Confessionen ausgenommen werde. Schließlich muß ich noch eines Antrages erwähnen, der von Rabbiner Steinhardt eingebracht wurde. Der Congreß setzt ein aus 12 Mitgliedern bestehendes Comite in Pest mit einem dreimonatlichen Mandate nieder, welches alle noch der Erledigung harrenden Geschäfte des Congresses zu besorgen und außerdem ein Muster> statut für Localgemeinden und Chewra-Kadischavereine auszuarbeiten hat. Endlich wurde in Folge eines Hildesheimer'schen Antrages ein ständiges Comite für Herausgabe guter Schulbücher ernannt; in dieses wurden die Herrn Dr. Hildesheimer, Dr. Kohut und Heinrich Deutsch gewählt. Sämmtliche Entwürfe der Commission wurden nach geringen Veränderungen in dritter Lesung angenommen; der übliche, protokollarische Dank ward dem Präsidium, den Schriftführern, dem Quästor und Kassier votirt, womit die Thätigkeit des Congresses ihr Ende erreicht hatte. Nachdem das Protokoll der Schlußsitzung authenticirt worden, warf der Präsident einen von der Versammlung oft durch stürmische Beifallsbezeugungen unterbrochenen Rückblick auf die Thätigkeit des Congresses, dankte für das ihm geschenkte Vertrauen und erklärte den ungarisch-israelitischen Laudescongreß für geschlossen. Die Abgeordneten entfernten sich nun unter begeisterten Rufen aus dem Saale, um sich in corpore zum Cultusminister zu begeben. Dr. Hirschler hielt an denselben eine ckurze Ansprache, überreichte ihm die vom Congresse ausgearbeiteten Statuten mit der Bitte, dieselben baldmöglichst zur Sanction Sr. Majestät dem König zu unterbreiten. Baron Eötvös dankte den Versammelten für ihre Bemühungen, versprach die nöthigen Schritte der Sanction der Statuten und der Recipirung der israelitischen Confession zu machen, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Congreß zum Wohle der ungarischen Juden gewirkt haben werde. De mortuis nil liisi bene! Wir können diesen Satz durchaus nicht gelten lassen. Wir müßten uns bei Anerkennung desselben immer rosenfarbene Brillen aussetzen, müßten jede freie Meinungs-