Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1869)
- Date
- 1869-03-16
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
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205 Der Präsident der Schulkommission, Herr Philipp Holitsch er, übernahm das Referat und die Vertretung der allgemeinen Bestimmungen des Schulstatuts; der ungarische Prediger der Pester Gemeinde, vr. Samuel Kohn, vertrat das Rabbinerseminar und Herr Heinrich Deutsch, Direktor der Pester LehrerprLparandie und, nebenbei gesagt, der einzige Lehrer im Congresse, war Referent für den Volksschulentwurf und für das Elaborat zur Errichtung von Thalmud-Thoraschulen. — Herr Heinrich Deutsch setzte in einem trefflich abgefaßten Berichte die Motive auseinander, welche die Kommission bei Abfasiung des Volksschulstatuts geleitet haben. Er besprach die Vor- und Nachtheile der Simultanschule; seine Erwägungen kulminirten in der Verwerfung derselben, mit der zutreffenden Bemerkung argumentirt, daß die zarte Jugend in der Schule nicht nur gelehrt, sondern auch erzogen, religiös erzogen werde, was nur in der konfessionellen Schule mit Erfolg geschehen kann. — vr. Samuel Kohn entledigte sich seiner schwierigen Aufgabe mit sehr viel Geschick, Takt und Beredsamkeit. Neue Argumente wurden zwar nicht vorgebracht, denn die Frage wird schon viel zu lange ventilirt, als daß sie nicht von allen Seiten gehörig beleuchtet worden wäre. Er bezeichnete die Errichtung eines Rabbinerseminars als eine rettende That und empfiehlt die Vollziehung um so mehr, da sie in sensu tnnäatoris gelegen ist. Die Kommission hielt er nicht berechtigt, einen vollständigen Organisations- und Lehrplan vorzulegen;über einen solchen müsse abgeurtheilt, nicht abgestimmt werden; hier könne nur Fachten nt niß, nicht Majorität entscheiden. — Nun bestieg Herr Or. Hildesheimer unter allgemeiner Spannung die Tribüne, um als Berichterstatter der Minorität gegen die Errichtung eines Rabbinerseminars zu sprechen. Das ganze Minoritätsvotum ist Folgendes: „Die Minorität der Schulkommission halt den löblichen Congreß nicht für kompetent, über die vorliegende Rabbinerschulfrage Beschlüsse zu fassen." Ich habe Ihnen seiner Zeit berichtet, daß Herr vr. Hildesheimer in der Kommission gelegentlich die Erklärung abgegeben hat, daß er wider die Errichtung einer Rabbinerschule nichts einzuwenden habe, er halte dieselbe für keine religiöse Frage, und in Folge deffen wäre auch der Congreß kompetent, die Errichtung derselben zu bestimmen. Konnten wir schon damals unsere Verwunderung nicht unterdrücken, so ist heute die Reihe des Staunens abermals an uns, vr. Hildesheimer die Tribüne besteigenzu sehen, um das eben mitgetheilte Minoritätsvotum zu vertreten. Es ist nicht unsere Sache, uus mit der Lösung solcher Räthsel abzugeben, wir wollen einfach die Thatsache konstatirt haben. In einer dreiviertelstündigen, mit vielem Pathos und in der gewohnten witzigen Weise vorgetragenen Rede verfocht er jene Prinzipien, welche er vor 6 Wochen verleugnet hat. Der Vorwurf klingt hart und schwer, wir sind aber eben nicht in der angenehmen Lage, derlei Dinge durch geschickt angebrachte Redewendungen und Sophismen — wie das Herr vr. Hildesheimer so vorzüglich vermag — zu bemänteln, wir abstrahiren die Worte, und da bleibt eben nur das zurück, was wir oben ausgedrückt haben. Analoge Fälle sind immer gleich zur Hand, und da erinnere ich nur an einen Vorgang im Wiener Abgeordnetenhause, wo ein Anhänger der Linken das Referat über die Entwürfe der Rechten übernahm — aus Mangel an Capacitäten, wie es hieß. Das Letztere lassen wir auch von unserer Linken recht gerne gelten. — — Ich war der Erste, ruft der Redner aus, der bereits vor achtzehn Jahren die Errichtung eines ungarischen Rabbinerseminars in Anregung gebracht, ich habe für diese Idee gearbeitet, gekämpft und gelitten und nun-bestreite ich die Kompetenz eines freigewählten Vertretungskörpers aller Juden Ungarns und Siebenbürgens, die Errichtung einer solchen Schule aus gemeinsamen Mitteln zu bestimmen. Womit, wodurch und inwiefern diese Kompetenz bestritten wird, darüber schweigt die Geschichte und vr. Hildesheimer. Das Einzige, die religiöse Frage, hat ja auch er bestritten! Es war das auch nur ein solches noli me tangere, welches die Orthodoxen seit Jahrzehnten zur Schau stellen, ein Popanz, zum Schiboleth der Parteien — um mich eines landläufigen Ausdruckes zu bedienen — hinausgeschraubt! In der vorhin erwähnten Rede des vr. Steinhardt bezeichnete derselbe dieses einfache Hin stellen als ein Axiom der Gegenpartei, welches eben nur als solches zu gelten hätte. Nun war das Kind beim rechten Namen genannt, der aber für die Herren nicht von besonderem Wohlklang war; alle späteren Reden der Linken wandten sich gegen diese Benennung und verwahrten sich gegen dieselbe. In letzterer Zeit mußte der Congreß auch nachten und — ich bitte das Folgende nicht als korrespondentliche Effekthascherei, sondern als volle Wahrheit gelten zu lasten — am nahen Kirchthurm schlug es eben die Geisterstunde, als der Präsident die Versammlung aufforderte, über die Seminarfrage abzuftimmen. Mit