Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1869)
- Date
- 1869-03-16
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226702--26985-3262545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
202 als sie eben keine Grundlehren, sondern momentane Aussprüche zu einem augenblicklichen Zwecke, z. B. zur Abschreckung des Volkes von der Sünde sein sollen und mehr der Geschichtserzählung und der Volksrede angehören, als der wirklichen Grundlehre der alttestamentlichen Religion. Man übersieht oder ignorirt dabei, daß -gauzgleiche Stellen auch in den Schriften des N. T. Vorkommen, die ebenso aufgefaßt werden müssen. Um f i nur fetiieä._ anzuführen, so ist es eine allgemeine Parole, daß der Gott des A. T. ein Zorn- und Rachegott sei, und dies.wird in Wort und Schrift immer und immer wiederholt', mag man ebenso oft die vielen objectiven ^--,/Md.»-ftbjectiven Stellen des A. T. entgegenhalten, in denen Gott als Gott der Liebe, der Gnade, der Langmuth und Barmherzigkeit gelehrt und gefeiert wird. Und giebt es nicht auch im N. T. Stellen genug, wo der „Zorn Gottes" mit glühenden Worten ausgedrückt wird? Heißt es nicht z. B. Offenb. Joh. 19, 15: „Und aus seinem Munde gehet ein scharfes zweischneidiges Schwert, daß er damit die Völker schlage; und er wird sie beherrschen mit eisernem Scepter; und er tritt die Kelter des Gluth- Weines des Zornes Gottes, des Allherrschers," vgl. Röm. 1, 18, Ephes. 5, 6. So geht schon von vornherein die Mehrzahl mit gewissen Borurtheilen an das Lesen unserer heil. Schrift, findet sie durch einzelne Ausdrücke bestärkt und macht sich nicht frei genug, die objectiven Lehren zu erfassen und sich systematisch zu ordnen, wie es doch bei einer aus so verschiedenen Zeiten stammenden und unter so mannigfaltigen Verhältnissen verfaßten Schriftenreihe nothwendig ist. Hierbei ist nicht zu übersehen, daß die Juden selbst, da sie so viele Jahrhunderte von der allgemeinen Lireratur ausgeschlossen waren, nur wenig für die Aufklärung über die Lehren des Judenthums thaten und thun konnten, daselbst die jüdischen Schriften, welche hierüber handelten, schon durch die Sprache, in der sie abgefaßt waren, über die eigenen Kreise garnicht hinauskamen. Die Arbeiten auf diesem Felde datiren daher noch aus jüngster Zeit, und haben dabei die größten Schwierigkeiten zu überwinden, um in die allgemeinen Kreise einzudringen. Die Juden selbst thun wenig für deren Verbreitung, ja behindern diese sogar oft. 2) Ein zweites wesentliches Moment ist aber auch gerade die Glaubens- und Gewissensfreiheit, welche jetzt Gott sei Dank! in der menschlichen Welt herrscht und immer entschiedener wird. Diese gestattet dem Angehörigen jeder Confession, diejenigen Glaubensansichten zu hegen, zu bekennen und zu bethätigen, welche sich in ihm herangebildet haben, ohne darum von seiner Kirche ausgestoßen zu werden, ohne sie verlassen zu müssen. Wenn der Christ an die Dogmen seiner Kirche nicht mehr glaubt, wenn er, wie es gegenwärtig bei Zahllosen der Fall ist, die rein monotheistischen Lehren des Judenthums hegt, und Alles verwirft, was mit diesen im Widerspuch steht, was hindert ihn darum, so weiter zu leben, wie bisher? Was soll ihn veranlassen, öffentlich und feierlich aus seiner Kirche auszutreten und sich zu einer anderen Religion zu bekennen? Er weiß, daß in seiner Kirche sehr Viele so denken wie er, daß er also nicht vereinzelt steht, und daß die Glaubensfreiheit eben darin enthalten ist, daß jedes Individuum sich eine bestimmte Ansicht über die von seiner Confession überlieferten Glaubenssätze bilde, ohne darum geradezu und offen mit ihr zu brechen, sondern indem er sich an das hält, was er von ihr noch für wahr und richtig ansieht. 3) ist es von keinem geringen Belange, daß Juden und Judenthum noch immer in der verbreitetsten Vorstellung von Gehässigkeit und Verachtung umgeben sind. Wir dürfen uns hierüber keiner Täuschung hingeben. Läßt man auch immer mehr Einzelne von uns in ihrem Werthe gelten, streifen auch immer mehr Einzelne unter den Nichtjuden derartige Gefühle gegen uns ab, wollen wir dies auch freudig und dankbar anerkennen und von der Zukunft ein Mehreres erhoffen: so ist es doch nicht minder wahr, daß unsere Gesammtheit in der Anschauung der Mehrheit noch immer tief steht. Der Uebertritt zum Judenthume erfordert daher in dieser Beziehung eine außergewöhnliche Opferwilligkeit, die in der Regel nur unter ganz besonderen, meist ganz persönlichen Verhältnissen, unter welchen ein Aequivalent das treibende, und darum nicht reine Motiv ist, gefunden wird. Endlich 4) was im Grunde das Hauptmoment ist. Das Judenthum besteht nicht blos in der Gesammtheit seiner allgemeinen religiösen, ethischen und socialen Lehren, sondern nach seiner geschichtlichen Wesenheit in einem umfangreichen formalen Gesetze, in Satzungen und Bräuchen, in deren Tiefe zwar eine Ausprägung der allgemeinen Ideen stattfindet, die aber ebenso sehr einen geschichtlichen, periodischen und nationalen Character au sich tragen. Es hat dieser Theil des Judenthums, der dessen ganze äußere Erscheinung gestaltet, eine große geschichtliche Entwickelung. Gerade in seinem Ursprünge mußte die Lehre des Judenthums an ein bestimmtes Volk gebunden werden, um sich an diesem zu erhalten und zu entwickeln. Diese Lehre konnte und sollte sich