Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-09 · Heft 10 (9.3.1869) · p. Seite 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 10 (9.3.1869)
Date
1869-03-09
Page
Seite 198 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226701--26980-3262539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

198 und die nachrichtliche" Verbindung zwischen den entlegensten Oertern zu einer Sache von Stunden, ist' zwar materiell das Wichtigste, nicht aber in intellectueller Beziehung. Racen, Völker und Individuen werden durch sie so unter einander geworfen und geschüttelt, die Eigenthümlichkeiten und Erzeugnisse Aller so zum Gemeingut Aller, daß die Verbindung aller Nationen zu einer großen Völkerfamilie nicht mehr blos ein utopischer Traum, sondern eine die Ideenwelt und die Wirklichkeit beherrschende Vorstellung geworden und immer mehr wird, daß die Solidarität der Interessen aller Völker und aller Menschen eine für Jedermann erkennbare, weil fühlbare wird, und daß diese wiederum allgemein zu Recht und Frieden unaufhaltsam zwingen wird. So lange die letzteren allein auf die sittliche und Verstandesbildung der Völker gestützt werden konnten, hatten sie freilich mehr Prophezeiung und Wunsch für sich, als einen Schein der Wirklichkeit. Aber unter den intellectuellen und materiellen Einflüssen der durch jene Erfindungen auf dem Erdboden sich vollbringenden Umgestaltung können wir jetzt bereits Beobachtungen genug machen, unwiderlegliche Daten genug anführen, um die dereinstige Verwirklichung außer allem Zweifel zu erblicken. Wenn ich von diesen Gesichtspunkten zum Verkehr in unserem Ländchen zur Zeit meiner Jugend zurückkehre, so betrachte dies Niemand als einen salto mortale; vielmehr zeigt sich auch hier, daß das Höchste und Hohe im Kleinsten und Kleinen sich wiederspiegelt, daß die allgemeinen Gesetze die Welt so regieren, daß sie sich aus deren kleinstem Bruchtheile erkennen lassen. — Ich habe schon bemerkt, daß unser Ländchen von schönen Kunststraßen durchschnitten war, die aber an den Grenzen unseres kleinen Staates aufhörten, Fußgänger und Wagen versanken sofort in tiefen Sand und kamen nur langsam weiter. Jene Straßen konnten daher mehr zum Spazierfahren und -gehen, als zu reeller Communication dienen. Wer würde wohl jetzt glauben, daß jener blau angemalte, auf den Achsen ohne Federn ruhende lange und mit keiner Bedachung versehene Wagen, der zwei Mal wöchentlich von Leipzig nach Dessau kam, und hierzu einen ganzen langen Tag brauchte, die königlich preußische Post vorstellte? Der Raum des Wagens war von den Paketen angefüllt; und nur vorn ein lederner Sitz für Passagiere und Postillon aufgeschnallt. Ueber die Pakete wurde ein lederner Schurz gebreitet; beim Fortrollen tanzten die Pakete bald vorwärts, bald rückwärts, und kamen mit den Füßen der Passagiere in sehr bedenkliche Collision. Von Dessau nach Berlin gab es nicht einmal eine solche direkte Postverbindung. Für Reisen war man daher, da Extrapost nur ein Luxus für die vornehmsten und reichsten Personen war, auf die Hauderer angewiesen, deren Wagen weist den geringsten Grad von Comfort besaßen. Nun konnte man dem deutschen Hauderer Betrug und Tücke nicht gerade zuschreiben; aber sicher betrachtete er den Reisenden von dem Augenblicke an, wo er das Draufgeld empfangen oder gegeben, als seinen willenlosen Untergebenen, mit welchem er keine Umstände zu machen brauchte, sondern ihn nach seiner Laune behandeln konnte. An jedem Wirthshause wurde angehalten, drei Mal des Tages viele Stunden ausgespaunt, und Entfernungen von mehr als fünf bis sechs Meilen waren daher mit Nachtherbergen verbunden. Man kann sich daher schon die Umwälzung vorstellen, welche die preußische Schnellpost hervorbrachte, und Monde lang umgab das neugierige Volk Tag für Tag diese wundersamen Wagen bei ihrer Ankunft und Abfahrt. Man zog es daher damals häufig vor, zu Fuß zu wandern, als sich, dem Hauderer zu überlassen, der bei jeder Schwierigkeit des Terrains doch den Reisenden zwang, stundenlang neben dem Wagen zu Fuße zu gehen. Wir überlassen es dem Leser, sich auszumalen, welche culturgeschichtliche Verschiedenheit das Fußwandern und die Eisenbahnfahrten haben. — Es versteht sich, daß auf diese Weise in allen Landschaften und Städten der Verkehr von Personen und Gütern nur ein geringer war, daß nur wenige Fremde nach den verschiedenen Plätzen kamen, und die Maaren nur von dem nächsten großen Platze bezogen wurden. So bildete jeder Ort eine Welt für sich, die so viel wie möglich sich selbst zu genügen betrachtete, und in Sitte, Sprache und Charakter sich durch Jahrhunderte treu blieb oder doch nur langsam sich vorwärts bewegte. Es war jene Zeit, wo man jeden Thaler bedauerte, der für Maaren außer Landes ging, aber auch den Export nicht gern sah, weil dadurch die auszuführenden Maaren im Lande theuer würden. Die Haupteigenschaft aller dieser Zustände war der Schlendrian, das unbewegliche Beharren auf dem alten, ausgetretenen Geleise, in welchem man sich alle Unbequemlichkeiten und allen Schaden eher gefallen ließ, als daran zu bessern oder nur zu verändern. Diesem gegenüber erscheint es geradezu lächerlich, wenn man die revolutionären Bewegungen, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts losbrachen, anklagt und wegen einiger Extravaganzen und Verirrungen verketzert. Man sehe sie nur nicht als auf das politische Gebiet beschränkt an. Sie mußten auf allen Gebieten des Menschen, in Staat und Stadt, in Haus und Hof, in Religion und Sitte, in Schule und Leben, auf Wegen und Siegen stattfinden, wenn das Culturleben nicht völlig versumpfen, die Civilisation nicht zu Sand und Staub werden und der Geist nicht zur Mumie austrocknen sollte. So herrschte auch in meiner Vaterstadt ein Stillleben, das neben einer gewissen Traulichkeit und Anmuthung viel Einförmigkeit und Unbeweglichkeit besaß. Am Hellen Mittage sah man oft auf den schönen, langen, breiten Straßen keine Menschenseele, und immer wiederholt mußte aus Damm und Trottoir das üppig wuchernde Gras herausgerissen werden. Höchstens zu Pfingsten kamen einige Studenten aus Halle herüber, um Wörlitz zu besuchen, und das setzte unsere kleine Welt immer in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.