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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-09 · Heft 10 (9.3.1869) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 10 (9.3.1869)
Date
1869-03-09
Page
Seite 197 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. FemUeton-Seilage M Ar. 10. Leipzig, den 9. März 1869. Erinnerungen. Don 0r. L. PH. «Schluß von Nr. 2.) Hier muß der freundliche Leser uns schon abermals eine kleine Abschweifung ins Allgemeine hinaus gestatten. Wir wollen den Werth unserer Jetztzeit und der Vergangenheit gegen einander durchaus nicht abwägen. Es kommt bei solchen Vergleichen, wenn es sich blos um Vorzug und Verdienst handelt, und nicht etwa um das tiefere Verständniß des Geistes und seiner Entwickelung, gar nichts heraus. Zuletzt hat jede Zeit ihre Schwächen und Stärken, und die Entfaltung selbst geschieht stets aus den Keimen, welche die voraufgegangene Zeit gelegt hatte. Dennoch wird man zugestehen müssen, daß an Scharfsinn und Energie die Männer der Gegenwart unsre Väter des vorigen Jahrhunderts bei Weitem übertreffen, und blicken wir nur auf die Communicationsmittel, auf die Verbindungswege in jener und in unserer Zeit, wird dies Jedermann einsehen. Unsere Väter haben in der Fortbewegung ihrer Personen und Güter eine Geduld und Gleichgültigkeit, eine Langsamkeit und einen Mangel an aller Kraft bewiesen, die für uns kaum noch begreiflich sind. Freilich kannte man damals noch nicht die Benutzung der Dampfkraft zu Wasser und zu Lande, und noch weniger hatte man eine Ahnung von der elektromagnetischen Strömung und deren Benutzung. Aber man kannte doch Chanffeen und Kunststraßen, und vergleicht man nun die Thatkraft, mit welcher die letzten Jahrzehende jene Erfindungen verwandten, mit der Unthätigkeit unserer Väter für den Straßenbau, vergleicht man die aus beiden hervorgegangenen Zustände mit einander, so muß man unserer Gegenwart eine Palme und einen Lorbeer zusprechen, vor denen die frühere Zeit erröthen müßte. Man wird sagen: nun gut, jene hatten die Mühsale davon zu tragen, wir genießen den Vortheil unserer Arbeit. Darauf beschränkt es sich jedoch nicht. Ich möchte vielmehr behaupten, daß durch die unermeßliche Entwickelung der Dampfschifffahrt, Eisenbahn und Telegraphie eine Umwandlung der Verhältnisse in der Menschenwelt, und damit auch der innersten Anschauung sich vollzieht, wie niemals eine bedeutendere. Mit Recht behauptet man, daß die Aufstellung des Kopernikanischen Sonnensystems und die Entdeckung von Amerika die menschliche Anschauung und Ueberzeugung gänzlich umgestaltet haben. Bis dahin sah man die Erde als den Mittelpunkt der ganzen Welt an, um die sich Sonne, Mond und Sterne drehten, nur um ihr zu leuchten, und somit war der Mensch der Höhen- und Mittelpunkt der ganzen erschaffenen Welt. Wie sehr änderte sich dies unter den Folgerungen des Kopernikanischen Systems. Die Erde schrumpfte zusammen zu einem kleinen Punkte des Universums; sie trat in die Reihen von Genoffeu ein, die sich alle um die Sonne drehen, und dieses Sonnensystem war wieder nur ein geringfügiges Glied des für uns grenzenlosen Weltalls. Eine andere zweite Berichtigung kam durch die Entdeckung zweier neuer Welttheile. Aber genau erwogen, hatte diese die entgegengesetzte Wirkung und hob gewissermaßen den Einfluß der ersteren wieder auf. Sie dehnte die Erde wieder aus, indem sie ihr eine zweite Hälfte, große Meere, weite Festländer und zahllose Inseln hinzufügte. Bei der Geringfügigkeit der Verbindungsmittel erschien der Erdkörper dadurch außerordentlich groß und die Entfernungen rückten die Maße weiter auseinander; der Kreis der civilistrten Welt erschien kleiner und die Mannigfaltigkeit der Raren und Völkerschaften bunter und gesonderter. War doch die Erneuerung des Sklaventhums eine der unmittelbaren Folgen der Auffindung Amerikas, und das Verhältniß der Weißen, Schwarzen und Rotheu feindseliger als je zuvor. Hiergegen tritt nun mit Macht die Erfindung der Dampfschifffahrt, Eisenbahn und Telegraphie ein. Die Erde schrumpft in der Anschauung des Menschen abermals zusammen, aber dies Mal nicht in ihrem Verhältniß zu den anderen Weltkörpern, sondern zu sich selbst; erschien der Mensch im Lichte des Kopernikanischen Systems klein und unmächtig, so erhebt er sich durch jene Erfindungen und deren unbegrenzte Bethätigung erst recht zum Beherrscher dieses Erdkörpers, auf welchem er Raum- und Zcitgrößen gewissermaßen beseitigt. Aber die Verengerung der Entfernungen, durch welche eine Fahrt um die Erde zu einer Sache von Wochen wie früher von Jahren wird,

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