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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-09 · Heft 10 (9.3.1869) · p. Seite 187

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 10 (9.3.1869)
Date
1869-03-09
Page
Seite 187 (sequence 7)
Language
German
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187 auf dem Wege einer höheren Bildung sind, glaube ich, brauchen nicht mehr durch eine Synagogenrede dazu angefacht zu werden. Die deutsche Predigt, um russische Juden an deutscher Bildung festzuhalten, ist demnach jedenfalls überflüssig, wo nicht schädlich. Man denke überhaupt nicht, daß die Juden in Rußland der deutschen Sprache sehr nahe stehen. Es ist wohl mehr der Fall in Polen und Lithauen, weil diese einerseits an Oesterreich und Preußen, andrerseits an die Ostseeprovinzen grenzen; die Juden in Wolhynien, Podolien, Klein- und Neurußland aber haben außer vielen altdeutschen verstümmelten Worte mit der deutschen Sprache nichts gemein (wie die odeffaer Correspondenz es selbst für die Stadt Odessa bestätigt) und haben die Meisten der Vorgeschrittenen ihr Wissen einzig und allein der russischen Sprache zu verdanken. Ja, in Kleinrußland wird seit zehn Jahren schon von Juden ein Halbrussisch, in bessern Häusern ein reines Russisch gesprochen. Die Gemeinden Petersburg und Odessa können also durch nichts vertheidigt werden, daß sie bisher noch keinen russisch-sprechenden Rabbiner an ihrer Spitze haben; die Motive von vor 6 und 9 Jahren können jetzt durchaus nicht mehr statt haben. Es ist hohe Zeit, daß die russische Judenschaft, welche hoffentlich recht bald keine Ursache zur Unzufriedenheit mehr haben wird, ein eigenes Colorit annehme. Es ist hohe Zeit, daß wir uns einer gutmüthigen, aufrichtigen Nation anschließen, welcher wir nur durch unser befremdliches Verhalten Mißtrauen einflößen! **) H. I. Syrkin aus Odessa. **) Wir wollten dem Herrn Correspondenten ungeschmälert das Wort gewähren, können aber doch folgende Bemerkung nicht unterlassen. Unser Artikel in Nr. 6 hatte nicht blos die Juden im eigentlichen Rußland, sondern ebenso sehr die in den polnischen Provinzen im Auge, und da gesteht der Correspondent doch selbst zu, daß das Verhältniß hinsichtlich der deutschen Sprache ein anderes ist. Daß es aber auch selbst in Rußland mit der Abhängigkeit der religiösen Bildung von den deutschen Juden anders steht, wie der Correspondent betonen will, dafür haben wir Beweise. Sind wir doch erst jüngst aus Rußland um die Erlaubniß angegangen worden, unseren kleinen Katechismus ins Russische für jüdische Schulanstalten übersetzen zu dürfen, was wir selbstverständlich gern gewährten. Ueberhaupt ist in diesen Dingen das zeitweise Bedürfniß entscheidend. Gewiß billigt jeder Vorurtheilslose die angestrengten Bemühungen, die russische Sprache den russischen Juden Literarischer Wochenbericht. Aus Ungarn, 5. Febr. (Der Congreß und die Luzzatto'sche Bibliothek.) H. Rabbiner M. Oppenheim in Gr. Becskerek hat einen mit vieler Sachkenntniß geschriebenen Aufruf an den in Pest tagenden isr. Congreß erlassen, die zum Verkaufe ausgebotene Bibliothek des sel. S. D. Luzzatto für die Wissenschaft — da es sich hierin gleich bleibt, ob ein Seminar oder ein Beth-Hamidrasch, ein Collegium rabbicum oder eine Jeschiba creirt wird — anzukaufen. Die hierländische jüdische Presse hat dem Gegenstände die gebührende Aufmerksamkeit und warme Befürwortung zu Theil werden lassen. Allein bisher hat sich im Schooße des Congreffes keine einzige Stimme dafür erhoben — und die Sache wurde todt geschwiegen. Herr Jesaia Luzzatto, der Sohn des S. D. Luzzatto, hat, wie ich eben aus der „Congreß-Zeitung" entnehme, auf Anrathen des H. Oppenheim zugesagt ans die Entschließung des Congreffes eine kurze Zeit warten zu wollen und den Verkauf der werthvollen Bibliothek, damit dieselbe nicht in alle Welt verschleudert werde, 8 — 14 Tage zu sistiren. Aber auch diese Vorsicht blieb vergebens! der Congreß läßt sich einmal aus seiner Lethargie nicht rütteln — und die Juden in Ungarn so wie die jüdische Wissenschaft sind wiederum um einige Hoffnung ärmer! Zeitungsnachrichten zufolge haben die Erben Luzzatto's bereits Anträge von den vorzüglichsten Bibliotheken, namentlich in England, erhalten und einige Nummern Manufcripte und Jncunabeln sind dem Herrn Samuel Schönblum in Lemberg verkauft worden. Als Ergänzung des Artikels in Nr. 3 theile ich Ihnen den Titel des Catalogs mit: Catalogue de la Hibliotheque de litterature Hebraique et orientale de feil Mr. Sam. David Luzzatto de Trieste, Professeur zur Muttersprache zu machen. Wenn aber eine große Zahl von Mitgliedern der Gemeinden zu Petersburg und Odessa noch deutsche Predigt wollen, so ist dies ein Beweis, daß sie derselben noch bedürfen, und daß es daher ein Zwang wäre, die deutsche Predigt verstummen zu machen. Auf dem religiösen Gebiete dürfen das Bedürfniß der Zukunft und die Billigung von Nichtglaubensgenoffen den alleinigen Maßstab nicht abgeben, und es scheint uns daher noch immer für die Gegenwart das allein Richtige, für beide Sprachen Prediger zu haben. Die Redaction.

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