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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-09 · Heft 10 (9.3.1869) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 10 (9.3.1869)
Date
1869-03-09
Page
Seite 186 (sequence 6)
Language
German
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186 ich, daß sie manche Details übergeht, welche auf die Frage ein anderes Licht geworfen hätten. Ich glaube also, als russischer Bürger und im dortigen jüdischen Leben Eingeweihter, zu manche!» Nachtrage berechtigt zu sein. Ich kann nicht umhin, vor allem zu bemerken, daß ich in diesem Aufsatze leider auf allgemeine Meinungen und Begriffe von Rußland stoße, welche im Auslande so sehr verbreitet und den meistens falschberichteten Zeitungen entnommen sind. Der Herr Redacteur spricht von „Staatsgewalt, von despotischem Verlangen die ruffische Sprache plötzlich im Augenblicke unter den dortigen Juden einzuführen," während von Seiten der Regierung nicht die mindeste Kundgebung geschehen ist! Selbst die Einführung der russ. Sprache beim Vortrage in der Rabbinerschule in Wilna war mehr der gerechte Wunsch der Lehrer und Zöglinge als der Befehl des Grafen Murawieff. Es ist mir nicht ein Factum bekannt, wo ein ausdrücklicher Befehl der Regierung zur Einführung der russischen Sprache unter den Juden nöthigte, obgleich es natürlich gerne gesehen würde; die zeitlichen politischen Maßregeln in Polen stehn in keiner Beziehung zu den dortigen Juden.*) Die Sprachenfrage bei den ruffischen Juden ist also eine rein zeitgemäße, aus eigenem Antriebe entsprungen. Die russische Presse berührt allerdings diese Frage sehr oft, und kann es wirklich, selbst dem wohldenkendsten Russen, nicht auffallend genug Vorkommen, daß in Synagogen der musterhaftesten jüdischen Gemeinden in Rußland deutsch gepredigt wird. Der Herr Redacteur meint, daß mit der Losreißung von deutschen Elementen für die russ. Juden die wesentlichen Förderungsmittel für Bildung überhaupt und für religiöse Entwickelung insbesondere verloren gehen. Dies kann nur in Beziehung zur halbvergangenen Generation der a u t o d i d a c t i s ch e n Periode in der rusiisch-jüdischen Bildung richtig sein. Die Wenigen, welche durch die deutsche Sprache und Literatur zu irgend einer Stufe der Bildung gelangt sind, oder durch hebräisch-deutsche Werke rationelle Ansichten von Religion und Judenthum bekonnnen haben, werden sich gewiß zu Danke verpflichtet *)^ Dies steht freilich mit häufigen Mittheilungen in den öffentlichen Blättern in directein Widerspruche, und ist es nur ausfällig, daß der Herr Correspondent der Erste ist, welcher die strengen Vorschriften bezüglich der russischen Sprache als auf die Juden sich nicht beziehend ausgiebt. Redaction. fühlen. Es ist aber, im Verhältniß zur Maffe, ein allzukleiner Theil, wie überhaupt eine zu unbedeutende Ziffer, als daß wir dadurch, für immer, an ein fremdes Element gebunden bleiben sollten. Die gegenwärtige jüdische Jugend besucht zum großen Theile russische öffentliche Lehranstalten, und ist zu sehr von der eignen Sprache und Literatur durchdrungen, als daß eine fremde auf ihre religiösen Ansichten irgend welchen Einfluß ausüben könnte. Ueberhaupt kann die religiöse Entwickelung, wenn sie auch in Deutschland ihren Hauptsitz aufgeschlagen haben mag, von einem russischen Rabbiner mit vorausgesetzter Bildung eben so gut verfolgt werden, und ist es durchaus nicht nöthig, daß sie dem Volke direct von der Kanzel herab und im Originale verkündet werde. Was aber die allgemeine Bildung betrifft, so fragt sich es eigentlich: müssen denn die russischen Juden ihren Landesbrüdern vorauseilen? Ich meine nicht damit den jüdischen Fähigkeiten Abbruch zu thun, ich sehe es aber nicht ein, warum wir der M a ff e unsres Volkes einen höher» Culturzustand zumuthen und somit der allgemeinen Bevölkerung über den Kopf wachsen laffen!*) Wäre das nicht bedenklich? Die ruffische Sprache selbst besitzt immer schon eigner Mittel genug um den Bedarf der dortigen Juden hinlänglich zu decken und deren Wißbegierde zu befriedigen; die aber, welche *) Es scheint uns doch ein allzu theoretischer Satz zu sein, der jüdischen Masse eine in ihr vorhandene Handhabe der Bildung entziehen zu wollen, dainit sie der anderen russischen Volksmasse an Bildung nicht voranstehe. Die Juden sind unter den gegebenen Verhältniffen selbst aus den materiellsten Gründen wohl noch für lange Zeit, wenn sie im Leben vorwärts kommen wollen, genöthigt, ihre Geistesfähigkeiten möglichst zu entwickeln. Die Juden haben bis jetzt keinen Grundl besitz erwerben dürfen, und entbehren so sämmtlich der festesten Basis des Volkswohlstandes; sie haben überall mit Vorurteilen und Gehässigkeiten zu kämpfen, und solchen Kainpf besteht man nur durch intensivere Geisteskräfte; wie auch die Gesetzesparagraphen lauten mögen, die Juden kommen in höchst geringer Zahl zu Beamtenstellen, und ganz besonders zu unteren Aemtern, und sind daher vorzugsweise die Regierten, was in vielen Staaten viele Mißstände mit sich führt. Unter diesen dreifachen Schwierigkeiten die russischen Juden in ihrer Masse auf dem Niveau der übrigen russischen Bolksmasse erhalten wollen, hieße nach unserer Meinung nichts Anderes, als sie dem allinäligen völligen Untergang hingeben. Die Rcdaction,

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