Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1869)
- Date
- 1869-03-02
- Page
- Seite 179 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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179 um so mehr in den sanften Michelschlaf. Dessau, mit damals 10,000 Einwohnern, Hauptstadt des Landes und Residenz des Fürsten, also auch dessen Hoflager, mit Schulen, Gymnasium, Seminar, Bibliothek hatte keine Zeitung, ja nur zwei periodische Schriften, das wöchentlich erscheinende Amtsblatt und die in sehr langen Zwischenräumen erscheinende jüdische Zeitschrift Sulamith. Die Vermittelung der politischen Weltereignisse mit der Bewohnerschaft des ganzen Landes Dessau wurde von Zerbst aus durch den „Zerbster Courier" bewirkt, einem zwei Mal die Woche erscheinenden Quartblättchen, das drei Spalten politische Nachrichten und acht Spalten Anzeigen hatte, und von jenen drei Spalten war die Hälfte ven „Vermischten Nachrichten", d. h. Raub-, Mord-, Unglücksgeschichten und anderen Seeschlangen gewidmet. Dieser „Courier" bediente sich aber zu seiner Verbreitung keiner Rossehufe, sondern wurde von einem alten Boten durch das ganze Land getragen. Dennoch war man auf die Dienstagsnummer noch begieriger als auf die Freitagsnummer, denn jene brachte noch ein Separatblättchen als Beilage mit, „der Wiedererzähler", wo Novellen und Erzählungen wahrscheinlich aus dem „Beobachter an der Spree" wiedererzählt wurden. Die großen Begebenheiten Europas und aller übrigen Welttheile gingen daher an den Empfängern dieser Courierbotschaften — einigen Dutzenden auf ein Exemplar — spurlos vorüber, und ich erinnere mich sehr wohl, daß die politische Neugierde erst mit den furchtbaren Greuelscenen erwachte, welche von den Türken an den Griechen in den ersten zwanziger Jahren verübt sein sollten. Daß die Hellenen sich vom türkischen Joche frei machen wollten, zog die Beachtung der Philister nicht auf sich; aber daß die Türken griechische Kinder am Feuer brieten, Jünglinge und Mädchen in Oel sotten und an den Männern die schrecklichsten Gräuel übten, wurde mit großer Wuth gelesen und geglaubt. Mit dem Ende dieser Gräuel kam wieder eine sehr stille Zeit, und so wenig wie in Dessau, fand sich in den Universitäts- und Gymuasialkreisen zu Halle während meines Aufenthalts daselbst bis 1829 eine Zeitung und also irgend eine Theilnahme an der politischen Welt. Erst die Zulirevolution von 1830 wirkte wie ein elektrischer Schlag. Mit Einem Male war das politische Bewußtsein erweckt; mit Einem Male riß man sich bis auf die unteren Kreise um die Zeitungen; der Kampf, der sich an dieses großartige Ereigniß knüpfte, hielt von da ab die Theilnahme wach; es war anders geworden auch in Deutschland; der Zerbster Courier verlor seine Wichtigkeit; als ich in den Ferien 1831 von Berlin nach Hause kam, konnte ich von meinem Nachbar schon die „Preußische Staatszeitung", ein Tagesblatt in größtem Format auf bläulichem Papier mit dem „Magazin für die Literatur des Auslandes" als Beiblatt, täglich erhalten, und selbst das Journal des Debais oder der Messager des Chamltres waren nicht schwer sogar in Dessau zu bekommen! Doch von diesem Wandel des Geistes später. So, wenn nicht noch schlimmer, war es auch mit den socialen Verhältnissen in geselliger und industrieller Beziehung beschaffen. Die Stände waren scharf getrennt und hatten keine Berührungspunkte. Der Arbeiter, der Handwerker, der Kaufmann, der Beamte, der Adel waren gänzlich von einander getrennt, und zwar Handwerker, Kaufleute und Beamte zerfielen wieder in ihre Unterabtheilungen und Klassen; jeder Stand hatte seinen Platz für sich, den er die untere Klasse fühlen ließ, während er gegen die obere sehr demüthig war und sich von einem Gruße oder guten Worte derselben sehr beglückt fühlte. Abgeschlossene Gesellschaften bestanden — natürlich ohne Vermischung unter einander — für die oberen Rangklasien. Ich entsinne mich z. B., daß der höhere Bürgerstand einen Gesellschaftsgarten besaß, der von der einen Seite vom Anger, von der anderen Seite von der Mulde begrenzt war; eine hohe, weiß gekalkte Mauer umschloß ihn, und man sah mit großem Respekte die geputzten Genossen dieser Gesellschaft, die steif und gebauscht einhergingen, in die nur beim Eintritt eines Mitgliedes geöffnete eiserne Pforte schreiten. Allgemeine öffentliche gesellige Lokale gab es außer den Kneipen für das untere Volk und die Restaurationszimmer einiger Hotels nicht. Doch nein, auch die Kneipen zerfielen in die Herbergen der verschiedenen Gewerke, und wehe dem, der sich in eine solche verlief, ohne dem Gewerk anzugehören! Das war das öffentliche und gesellige Leben jener Zeit überall, vielleicht mit Ausnahme von Berlin und Wien. — In gewerblicher Hinsicht herrschte außer in Preußen in ganz Deutschland noch der ganze mittelalterliche Zunftzwang. Nieinand durfte eine Handwerkerwaare verfertigen und verkaufen als der betreffende Handwerksmeister, und selbst die Kaufleute hatten ihre Concession nur auf bestimmte Waarengattungen. Dabei war jede Zunft an eine bestünmte Zahl Meister gebunden. In anderen Branchen waren Realgerechtigkeiten und Privilegien mit Grundstücken und Personen verbunden. Wehe dem Trödler, der unter seinen alten Maaren irgend ein neues Stück verhandelte — er wurde unbarmherzig von der Zunft vor Gericht gezogen, mit schwerer Strafe belegt und seine Waare consiscirt. Unter meinen Verwandten gab es ein technisches Genie, dem freilich kein anderer Spielraum gelassen war, als eine alte Kommode aufzupoliren, aus einem alten Sopha ein scheinbar neues zu fabriziren und aus einer Kiste einen Schrank herzustellen. In einem so armen Lande, wo den unteren Klaffen es unmöglich war, ein neues Stück Meuble zu erwerben, war ein solcher Mann ein wahrer Segen von Oben. Doch welchen Verfolgungen und Plackereien war er unterworfen! Jeden Augenblick wurde der Stall, in welchem er sein Magazin hatte, von einem Zunftobermeister überfallen und untersucht. Sein größter Triumph war, wenn er für ein Meuble, das als neu von der Zunft mit Beschlag belegt worden, den Ursprung auf einer Auktion und aus seiner Künstlerhand Nachweisen konnte — doch gelang ihm dies nicht immer, und er verblutete