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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-02 · Heft 9 (2.3.1869) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 9 (2.3.1869)
Date
1869-03-02
Page
Seite 180 (sequence 18)
Language
German
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180 sich zuletzt an einem Prozeß, den ihm die Nagelschmiede an den Hals geworfen, weil sich unter seinen gußeisernen Stiefelstiften — mit diesen durste er handeln, weil sie kein Handwerkserzeugniß — ein Kästchen geschmiedeter Nägel gefunden hatte. Denn hierzu gesellte sich ein anderer Prozeß, den ihm die hochpreisliche Schuhmacherzunft eröffnet hatte, weil er eine Anzahl ausrangirter preußischer Soldatenstiefel gekauft und sie geschwärzt und gewichst hatte. Die Zunft meinte, das gebe zwar wohlfeile Stiefel für die armen Tagelöhner, aber wer sich bei ihren Meistern keine neue kaufen könnte, möge baarfuß gehen, wie es dieser Leute Väter und Urväter gethan, ehe es noch ausrangirte preußische Soldatenstiefel gab. Es gehörte damals eine ausgedehnte Kenntniß der umfangreichen Gewerbegefetze dazu, wenn Jemand sich vor Strafe schützen wollte. Denn z. B. um einen netten Wagen herzustellen, wurden wenigstens acht Zünfte gebraucht, von denen jede eifersüchtig ihre Privilegien, wie die Greife ihren Schatz, hütete. Man kann sich denken, zu welcher Blüthe das gewerbliche Leben unter solchem Joche gedieh. (Fortsetzung folgt.) Auch ein Uebertritt zum Jndenthnm. Seitdem die Glaubensfreiheit nun auch im österreichischen Kaiserstaate zur Wahrheit geworden ist, gehören Beispiele von Uebertritt oder Rücktritt zum Judenthume gerade nicht zu den Seltenheiten. Man macht, dünkt mich, von diesem Rücktritt zur angestammten Religion des Aufsehns zu viel. Was Schleiermacher einmal so treffend von denjenigen Juden behauptete, welche „der Liebe oder des Bettels wegen" das Judenthmn verlassen und zum Christenthum übertreten, gilt in gewisser Beziehung auch von denjenigen Christen oder Judenchristen, welche öffentlich bekennen, Juden sein oder wieder sein zu wollen.*) Mit größeren Opfern wurde ein solcher Uebertritt zum Judenthum in früheren Jahrhunderten erkauft. Johannes Molcher, Professor der Theologie in Marburg, berichtet über einen solchen Mann, der als Christ geboren, als solcher Collaborator am Pädagogium in Marburg war und aus innerer Ueberzeugung das Judenthum bekannte, in einem Briefe an Johannes Buxtorf vom September 1615. Er schreibt: „Unser Johannes Victor, welcher zu den Juden über¬ *) Wir geben dies von vielen Fällen des Uebertritts zürn Judenthume zu, nicht aber von den meisten Fällen des Rücktritts getaufter Juden, da wir persönlich mehrmals die Erfahrung von der aufrichtigen Reue, von dem sehnsüchtigen Verlangen der betreffenden Personen gemacht haben. Die Redaktion. zetteten ist, und sich jetzt Moses Pardo nennt, hat jüngst von Salonichi unshierher geschrieben. Er behauptet, daß er während der sieben Jahre, die er als Collaborator am hiesigen Pädagogium angestellt, das „monstruosum Trinitatis mystcrium“ nicht habe begreifen können. Er ist als jüdischer Lehrer bei den Juden angestellt und unterrichtet hauptsächlich Knaben. Gern möchte er nach Hessen zurückkehren, wenn es ihm gestattet würde, Jude zu sein und Jude zu bleiben. O unglückseliger Mensch, der ich ihm die ersten Rudimente der hebräischen Sprache gelehrt habe." Dieser Moses Pardo, welcher bis anhin unbekannt war, verdient neben den bekannten Pardons genannt zu werden, welche ich in Frankel's Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums 1859, S. 386 ff. ausführlich behandelt habe. Kayserling. Kleine Mittheilungen. Oeffentliche Blätter theilen in humoristischer Weise folgendes Ereigniß in Hamburg mit: Der Rabbiner Stern hatte, da ihn die Lorbeern seiner Altonaer Collegen wol nicht schlafen ließen, gleichfalls seinen kleinen „Staatsstreich" improvisirt, und als Freitags in der Peterstraße die Trägerinnen der Schalet-Töpfe nach gewohnter Urmütter Weise mit den schwarzen Gefäßen voll süßer Sabbathskost ankainen, nm sie dem getreuen Ofen zu übergeben, da tönte ihnen, wie in der „Zauberflöte", ein donnerndes „Zurück!" entgegen, und die Aermsten sahen sich genöthigt, mit ihrer süßen Last wieder umzukehren. Rabbiner Stern hatte nämlich ein koscheres Breve erlaffen, welches befahl, daß nur solche Töpfe „courfähig" seien und in den Ofen spazieren dürften, welche Fleisch enthielten, das, laut beigefügtem Attest, nicht von Selig gekauft sei (der von den schismatischen Schlächtern Altonas seine Waare bezieht), sondern von den alleinseligmachenden „Aushackern", die der Altonaer Ober-Rabbiner als monopolisirte Fleischverkäuser anerkennt. Man kann sich die Empörung der Selig'schen Kunden denken. Etwa Hundert an der Zahl wälzten sie sich in unheimlicher Processivn erst nach Selig's, dann nach des Rabbiners Stern Wohnung und suchten Letzteren durch heftige Ausrufe, die Himmel und Hölle citirten, dazu zu bewegen, seine Bannbulle gegen ihre wirklich angeschwärzten Töpfe zurückzunehmen; aber vergeblich. Herr Stern sagte wie Rom: Non possunnis! Es bleibt bei meinem Verbote, und Samstags herrschte natürlich unter Selig's unseligen Kunden Verzweiflung, da der geliebte Schalet die altgewohnte Stätte auf dem Schabbestische nicht einnahm. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschseld. Verantwortlicher Redakteur ör. H. Lotze.

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