Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1869)
- Date
- 1869-03-02
- Page
- Seite 178 (sequence 16)
- Language
- German
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178 hällniß zwischen Eltern und Kindern wurde in strengen Formen erhalten. Es ist das unermessliche Verdienst Rousseokv's, mit Einem Schlage die ganze Anschauung, aus der diese Pädagogik hervorgegangen, zu vernichten. Sein Ruf, zur Natur zurückzukehren, fand in allen Geistern und Herzen Anklang. Die frisch sprudelnde Quelle hatte schon laug unter der Rinde auf den erlösenden Schlag gewartet, Rousseau hatte diesen geführt, und nun stürzte die klare Welle den dürstenden Menschen entgegen. In Deutschland war es vorzugsweise Basedow, der die Theorie des Genfers praktisch auszuführen unternahm, und diesem mit seinem Gehülfen Wolke kam unser junger Fürst entgegen, und gab ihm Haus und Fonds, um in Dessau seine Ideen in einer Anstalt zu verwirklichen, welche den Namen Philanthropin erhielt. Es war ein Experiment; in vielen Dingen kann man zu einer richtigeren Gestaltung nur durch Experimente kommen. Wie es immer geschieht, ging mau von einem Extrem zum andern: jeder Zwang in der Erziehung sollte aufhören, die Arbeit des Unterrichts sollte zum ergötzlichen Spiele werden; in Allem sollte das Natürliche vorwalten, und man leugnete sogar, daß es etwas Unanständiges gebe, wenn es natürlich ist. Es währte kein Jahrzehnd, und die Welt, welche der neuen Gedankenrichtung Bewunderung und Begeisterung gespendet, war. dahinter gekommen, daß sich hier doch nur Schein an die Stelle des Seins, Oberflächlichkeit an die Stelle gründlicher Wirksamkeit eingedrängt hatte, daß diese freie Entfaltung des Inhalts, der fruchtbaren Einwirkung entbehrte. Das Philanthropin, welches Jünglinge aus allen Welttheilen herbeigelockt hatte, verfiel und löste sich auf, noch dazu, da die Lehrer selbst in Zwietracht und bitteren Streit gerathen waren. Dann kam auch in Dessau das Schulwesen in das gewohnte Fahrwasser zurück, immer aber war die Aufmerksamkeit auf die Bildungsanstalten gelenkt, und die fürstliche Regierung sorgte emsig für alle Stufen des Schulwesens. Es gab Volksschulen, Bürgerschulen, Gymnasium, höhere Töchterschule, ein Lehrerseminar und eine herzogliche Bibliothek von 40,000 Bänden. Eine Frucht jenes Impulses war auch die jüdische Schule, welcher nachdem sie 1799 entstanden, der Fürst seinen Namen (Franzschule- und eine jährliche Unterstützung — das erste Beispiel dieser Art gewährte. Wir waren also in unserer Kindheit die begünstigten Erben der auch im Erziehungswesen während des 18. Jahrhunderts vorgegangenen revolutionären Bewegung. Ich habe bereits früher einmal das Leben in der Franzschule genauer geschildert; daher hier nur eine allgemeine Charakterisirung. Christen und Juden waren also damals, trotz des Humanitären Geistes des vorangegangenen Jahrhunderts, wie in politischer, socialer und industrieller Weise, wir werden dies später näher erfahren, auch in den Schulen getrennt. Ich erinnere mich nur zweier jüdischer Jünglinge, welche das Gymnasium besucht hatten, des als Philolog und Mathematiker später sehr bekannten Ludwig Markus, welchem Heine ein schönes Denkmal errichtet hat, und Lax, der noch gegenwärtig die Aachener Zeitung redigirt. Ihnen folgten mein älterer und mein jüngerer Bruder und gleich darauf viele andere. In die christlichen Schulen war aber wieder ein starker Pedantismus eingedrungen, den erst nach meiner Zeit der bekannte Dichter Wilhelm Müller und andere geistreiche Männer durch ein regeres Leben zu beseitigen strebten. In der Bürgerschule wie im Gymnasium quälte man die Schüler mit geistlosen Formeln, und ich war als Knabe oft berufen, dem Nachbarknaben die Arbeiten zu machen, die in endlosen Rechnungen nnd grammatikalischen Uebungen bestanden, wofür ich triumphirend Geschenke an Backwerk und Obst nach Hause brachte. Gerade das Gegentheil in der Franzschule. Von Pedanterie keine Spur, dagegen von Disciplin keine Ahnung, kein gegliederter Lehrplan, keine Lehrerconferenzen, keine Censuren, keine Bersäumnißtabellen; jeder Lehrer und jeder Schüler trieb es, wie er es mochte, aber Alle mit frischem Geiste, mit bestem Willen und gutem Können. So lange in einer solchen Schule Wissens- und gedankenreiche Lehrer und ein frisches Geschlecht von Schülern vorhanden sind, hat dies nichts zu sagen, vielmehr werden die Anlagen der Schüler schnell geweckt und gefördert, und ein reges Leben treibt die Jugend in Lust und Eifer vorwärts. Aber weder die Lehrer noch die Schüler bleiben dieselben; der oberflächliche, seichte Lehrer wirkt ohne Methode und Disciplin gar nichts; auf eine Generation tüchtiger Köpfe unter den Schülern folgen andere, die über die Mittelmäßigkeit nicht hinausreichen, und auch diese sind ohne Methode und strenge Formen ziemlich verloren. So brachte auch die Franzschule in ihrer patriotischen Disciplinlosigkeit die besten Erfolge. Wir wurden zu allen Lebensberufen fähig gemacht, zu den höheren Klassen des Gymnasiums, zur jüdischen Theologie idenn es wurde noch tüchtig hebräisch geschrieben bei I. Wolf, Falk, Arnheim), besonders zur kaufmännischen Laufbahn, denn im Französischen, praktischen Rechnen und deutschen Styl wurden wir sehr gefördert, und so gingen Jahr für Jahr zahlreiche Schüler hervor, die sich über alle Welttheile zerstreuten, wie aus allen Gegenden Schüler nach Dessau gesandt wurden. Wenige blieben in Dessau zurück, die Anderen verloren sich aus dein Gesichte; ich bin Keinem wieder begegnet. Aber am meisten patriarchalisch waren die politischen und socialen Zustände, Bezeichnungen, von denen man, bis auf kleine Kreise, bei uns noch keine Ahnung hatte. Man glaube nicht, daß dies letztere allein von den Angehörigen der jüdischen Gemeinde gelte. Vielmehr waren es Männer aus dieser letzteren, denen es bereits etwas Heller im Kopfe war, und ich erinnere mich, in meiner Kindheit gehört zu haben, daß mein seliger Vater vor seinem Tode, nach der Schlacht bei Leipzig, die Absicht gehabt, mit dem Conrektor Richter vom Gymnasium zusammen eine politische Zeitung herausgegeben, wozu ihnen aber von der Regierung die Concesston nicht gewährt wurde. Nach den sg. Freiheitskriegen sank dann Alles