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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-03-02 · Heft 9 (2.3.1869) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 9 (2.3.1869)
Date
1869-03-02
Page
Seite 163 (sequence 3)
Language
German
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163 Juden. Der Adel jener Gegenden ist zu Grunde gerichtet, Handel und Verkehr liegen völlig darnieder, und werden sich, so lange die abschneidende Grenzsperre aufrecht erhalten wird, nicht wieder heben, da die gänzliche Verarmung jener Provinzen der Industrie alle Nahrung entzieht. Darin ist man daher allseits einig: das einzige Hülfsmittel liegt in der Auswanderung der Juden aus den polnischen und russischen Grenzprovinzen. Es fragt sich aber: wohin? Die Einen sagen: diese Auswanderung muß außerhalb des russischen Reiches, etwa nach Amerika und Australien gehen. Dies ist leichter gesagt als gethan- Es handelt sich hier nicht um einige Tausende, sondern um hundert Tausende von Menschen. Wo wären die Mittel vorhanden, um solche Massen nach anderen Welttheilen zu schaffen, und sie daselbst so lange zu erhalten, bis sie ihren Lebensunterhalt sich selbst erwerben können? Es bleibt also nichts weiter übrig, als daß diesen Unterthanen des russischen Reiches die absperrenden Barrieren geöffnet und ihnen die freie Auswanderung in die anderen Provinzen, nach dem Kaukasus, den mittelasiatischen Ländern, selbst Sibirien, gestattet werde. Es sind schon viele Jahrzehende, daß die dringendsten Bitten und Mahnungen an die russische Staatsregierung ergingen, ihren jüdischen Unterthanen die Freizügigkeit zu gewähren. Sie hat sie immer zurückgewiesen, bis sie in dev letzten Jahren einige Concessionen darin machte, die jedoch faktisch mehr zum Scheine dienten, als wirklich zur Ausführung kommen konnten. Jahrzehende früher gewährt, würde die Freizügigkeit allen Nebeln abgeholfen haben; jetzt, nachdem die Verarmung so fürchterlich gewachsen, ist sie für die unglücklichen Juden noch immer ein Rettungsmittel, wenn auch mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Möchte sich die russische Regierung schnell und unbedingt entschließen — sie würde sonst den Behauptungen ihrer Gegend eine volle Rechtfertigung schaffen, den Behauptungen, daß sie ihre jüdischen Unterthanen untergehen lassen will, weil sie in ihrer jetzigen Beschaffenheit ihr weder Rekruten noch Geld schaffen! Zur Bekräftigung fügen wir folgende Correspondenz bei, welche auch nach anderer Seite hin einige Streiflichter wirft. Aus Litthauen, im Februar. Die Lage der Juden in unserer Provinz ist eine überaus traurige. Bei dem allgemeinen verarmten Zustande des Landes ist es fast unmöglich, die dichte, in verhältnißmäßig kleine Landstriche zusammengedrängte Masse unserer Glaubensgenossen zu ernähren. Dazu kommt noch die Bedrückung und Bestechlichkeit der Beamten und, was das Schlimmste ist, die Verderbtheit der Juden selbst. Hiervon nur ein Beispiel. Durch die Einwirkung des edlen Sir Moses Montefiore ist endlich der Ukas aufgehoben worden, nach welchem auch Judenkiuder zum Militär ausgehoben werden konnten. Es sollen also jetzt nur jüdische junge Leute über 20 Jahre zu Soldaten genommen werden. Am October vergangenen Jahres nun wurde der kaiserliche Befehl verkündigt, eine gewisse Anzahl Rekruten auszuheben. Die Vorsteher der großen Gemeinde zu N . . . . nun, welche ihre eigenen Angehörigen und Schützlinge von der Rekrutirung freimachen und doch die Straf- und Loskaufsgelder nicht bezahlen wollten, verfielen auf folgendes Mittel. Obwohl die Aushebung erst vom 15. Januar bis 1. Februar stattsinden sollte, mietheten sie doch schon im December ein Haus, wo die jüdischen Rekruten zusammengetrieben werden sollten, und nahmen zugleich eine Anzahl Militärurlauber, meist dem Saufe ergebene Menschen, in Sold, nm die gehörige Anzahl jüdischer junger Leute auf der Straße aufzugreifen und selbst nächtlicher Weise aus den Häusern heranszuholen. Es wurde auf die gesetzliche Volljährigkeit nicht die mindeste Rücksicht genominen, und so verletzten jüdische Vorsteher aus eigennützigen Beweggründen das eben erst zu Gunsten der Juden gegebene Gesetz. Die russische Journalistik zeigt sich uns jetzt günstiger. Der Nothstand der jüdischen Bevölkerung, den sie lange für übertrieben hielt, ist ihr jetzt in allen seinen Schrecken klar geworden, und sie fordert in dringlicher Weise zu Sammlungen für die nvthleidenden Juden auf. Wir entnehmen nun ans der Abendzeitung Nr. 20! v. I. und der St. Petersburger Zeitung Nr. 16 d. I. Folgendes. Laut allerhöchsten Ukafes vom 16. Juli 1865 ist den hebr. Mechanikern, Branntweinbrennern, Bierbrauern und sonstigen Handwerkern erlaubt, sich an allen Orten des Reiches aufzuhalten; aber die Bedingungen sind ungemein belästigend. Diese Juden können sich nämlich in den Orten des inner» Reiches nicht dauernd und ein für alle Mal niederlassen, sondern nur auf Grund eines 9*

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