Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1869)
- Date
- 1869-03-02
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
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162 Untätigkeit zu 'überlassen. Wenn durch Ultra-Orthodoxie, welche nicht ein Jota nachgiebt, sie selbst Zusammenstürzen und alles Andere unter ihren Trümmern begraben muß, so ist es viel besser daß sie rechtzeitig Concessionen macht, welche die gänzliche Zerstörung abwenden würden. Sicher würde die Orthodoxie im Ganzen bedeutend gewinnen, trotz theilweiser Einbußen. Dies sollte für alle wirklichen Freunde des Äudenthums genügen. Schwatzende Phrasenmacher und Fanatiker, die zur letzten Ausflucht getrieben sind, und schwarzgallige Pessimisten werden geziemend hervorheben, daß wir uns nicht bewegen könnten, weil wir an Händen und Füßen gebunden seien. „Eine Synode kann die Vorschriften der anderen nicht aufheben, wenn sie dieselben nicht an Weisheit und Zahl übertrifft." Kein Schluß kann weniger konkludent sein, kein Ausspruch verkehrter. Jeder rabbinische Gelehrte, welcher den Talmud mit vorurtheilslvsem Geiste und mit offenen Augen liest, bemerkt sofort, daß dieser die Ansicht, er solle ein unübersteiglicher Zaun gegen jeden Fortschritt sein, gänzlich verwirft. . . . Aber selbst wenn wir die Worte buchstäblich nehmen, so werden wir finden, daß wir uns nicht der bitteren Verzweiflung zu überlassen brauchen. Daß wir eine an Zahl überlegene Synode zusammenbringen können, ist unzweifelhaft. Daß wir eine auch an Weisheit überlegene zusammenbringen können, ist nicht weniger evident. Dies ist keine Schmälerung der wunderbaren Begabung und Tüchtigkeit unserer Weisen, sondern das natürliche Ergebniß des Laufes der Zeiten." Der Vers, schildert die großen Wunder der modernen Gesittung besonders in moralischer und socialer Hinsicht, Wunder, von denen unserer Vorväter keine Ahnung haben konnten. „Während wir behaupten, daß wir so, Dank dem Wechsel der Zeiten und Umstände, in jeder Hinsicht unseren Vorfahren an Weisheit überlegen sind, können wir auf's bestimmteste in Abrede stellen, daß die großen Grundsätze, auf denen unser Glaube basirt ist, in irgend einer Weise geschädigt werden. Sie sind ewig, altern nie und verlieren nie ihre bindende Kraft. „Indem ich aus tiefstem Herzensgründe dafür bete, daß gemäßigte Rathschläge überall die Oberhand gewinnen mögen, und daß der ruhmreiche Gegenstand der Synode erreicht werde, verharre ich u. s. w." Aus Ostpreußen drückt sich eine Correspondenz dahin aus, daß wir kleinere Gemeinden auffordern mögen, sich zur Absendung eines Vertreters mit einander zu vereinigen, da ihnen einzeln die Beschickung zu viel Kosten machen würde. Dies wäre allerdings ein sehr zu empfehlendes Auskunftsmittel. Wir legen nämlich ein großes Gewicht darauf, daß auch recht viele kleinere Gemeinden in der Synodal-Versammlung eine tüchtige Vertretung fänden. Denn es kommt darauf an, Maßnahmen und Anordnungen zu berathen, welche nicht blos für die größeren Gemeinden paffend von diesen ausgeführt werden könnten, sondern auch solche, welche für die kleineren Gemeinden angemessen und geeignet sind. Da ist es denn nothwendig, daß auch die kleineren Gemeinden ihre Bedürfnisse und das Maß ihrer Mittel zur Sprache bringen. Wir haben selbst schon auf der Kasseler Versammlung die Erfahrung gemacht, daß dies sehr erforderlich ist. Die Juden in Rußland. Die Nothrufe aus der Mitte der Inden in Rußland — es unterscheiden sich im Czaarenreiche die polnischen und die russischen Juden — mehren sich von Tag zu Tag, werden immer dringender, herzzerreißender. Der Hunger und der Typhus wüthen in ihren Reichen verheerend; die Schilderungen des Elends, dem sie anheimfallen, zeigen uns die finsteren Farben furchtbarer Schrecken, und was das Schlimmste ist, sie sind wahr. Da frägt sich der Menschenfreund: was soll daraus werden? Die Gaben der Barmherzigkeit, die reichlich dorthin fließen, sind wohlangewendet und verdienen Dank und Anerkennung. Sie mildern den Hunger, sie erleichtern die Kranken, sie trocknen manche Thräne, aus den Augen von Vätern und Müttern vergoffen. Aber vermögen sie irgend eine dauernde Abhülfe zu schaffen? Dies glaubt Niemand. Die Zahl der Armen ist zu groß, und die Ursachen des jetzt in bitterster Weise hervortretenden Elends liegen tief. Die schlechten Erndten der letzten Jahre haben das Nebel zum vollen Ausbruch gebracht. Aber gute Erndten würden es nur etwas mildern, nicht aber heben können, und da es niemals ausbleibt, daß Dürre und Mißwachs immer wieder eintreten, so wäre es eine bloße Täuschung, von der Gunst einiger besseren Jahre eine wirkliche Befferung zu erhoffen. Die Hauptursachen liegen in der Nahrungs- und Erwerblosigkeit jener Gegenden und in der Uebervölkerung der auf diese Distrikte beschränkten, in ihnen eingepferchten