Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1869)
- Date
- 1869-02-23
- Page
- Seite 145 (sequence 5)
- Language
- German
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145 Redners von der Linken, daß das Elaborat der Commisstonsmajorität von den Grundsätzen der jüdischen Religion abweiche. Er legte ferner Protest ein gegen das Bestreben dieser Herren, die an die Spitze des Elaborates eine Art confessio fidei stellen wollen, und nach dem die Bekenner der mosaisch-rabbinischen Glaubenslehre und Vorschriften, wie solche im Schulchan Aruch kodifizirt sind, die israelitische Gesammtheit Ungarns und Siebenbürgens bilden sollen, vr. Reinhardt charakterisirt nnn auch das sonderbare, so consequente Vergehen dieser Herrn. „Fürchtet man etwa, daß die Anhänger der Fortschrittsideen den Boden des positiven Judenthums verlassen werden? Die im Kongreß vertretenen, fortschrittlich gesinnten Gemeinden haben zu dieser Besorgniß keinen Anlaß gegeben. Seit zwanzig Jahren hat sich keine einzige Reformgemeinde in dem Sinne gebildet, daß die Grenzlinien der Riten überschritten würden, die das Minoritätsvotum selbst als zu Recht bestehend anerkennt. Während der Zeit des politischen Provisoriums haben die sogenannten Fortschrittsgemeinden im Vaterlande bekanntlich keine Versuche gemacht und waren auch nicht in der Stimmung religiösfeindliche Neuerungen einzuführen. Was auf anderer Seite geschehen ist, um die in jener Zeit herrschende, für gewisse Ausgeburten günstige Temperatur zu benutzen, ist allgemein bekannt. Und in jüngerer Zeit waren es nicht die Anhänger des Fortschritts, die alle Traktätlein und Braudschriften ins Publikum geschleudert. Nirgend haben sich Rabbiner der Fortschrittsgemeinde zusammengethan und die Gotteshäuser anderer Gemeinden für Götzentempel erklärt" u. s. f. Nun bot sich dem Auge des Beschauers eine Scene dar, wie sie in einer parlamentarischen Versammlung „mit Präsidenten glocke wohlversehn" kaum zu denken ist. Berstend vor Wuth, schnellten die meisten der Ultra's in den letzten Reihen von ihren Sitzen empor; Blicke, wie sie nur der Fanatismus Hervorrufen kann, wurden auf die entgegengesetzte Seite geschleudert; die gräßlichsten Verwünschungen wurden — nicht gemurmelt, sondern geschrieen, es verbietet's mir das jüdische Herz, die Würde dieser Blätter und die Achtung vor dem jüdischen Rabbinerstande, dieselben nur anzudeuten, denn leider muß ich's sagen — es waren fast ausschließlich Rabbiner, die das gethan, die Laien blieben ruhig sitzen. Herr vr. Reinhardt erzählte nämlich aus dem Talmud von dem Manne, der ein Kind ins Wasser fallen sieht und sich erst die Tefilin anzicht, eh' er in das Wasser springt, als Beispiel der Erfolge, die jene aufzuweisen haben, die „das Judenthum durch eigensinniges Klammern an selbstgeschaffene Grundsätze, durch übel angebrachten Religionseifer gefährdeten." Am zweiten Tage der Generaldebatte wiederholte sich diese Scene in noch erhöhterem Maße, was seinen einfachen Grund darin hatte, daß die Gemüther im höchsten Grade aufgeregt waren. Ein altehrwürdiger Kämpe für alles jüdische Interesse im fortschrittlichen Sinne, Herr Leo Holländer, Abgeordneter für Eperies, sprach nämlich sein Urtheil ganz frei und offen, rückhaltslos über die Bestrebungen der Orthodoxen aus. Jedes einzelne Moment dieser Bestrebungen wurde mit einer tief einschneidenden Kritik behandelt, und daß da diesen guten Herrn so manches unter die Nase gerieben wurde, was für sie nicht ebenden angenehmsten Geruch hatte, ist selbstverständlich. Die Aergsten unter den Argen blieben schon in Folge der gestrigen Vorfälle ganz aus, und nun folgte diesem so schönen Beispiele auch derjenige Theil, den man noch immer für etwas Besseres hielt. Bevor dieses geschah, erfreute vr. Hildesheimer den Congreß mit einer wirklichen Kapucinade, voll sprühenden Geistes und Witzes — die aber leider eine Prinzipienrede hatte sein sollen. Wir fragen aber, ob es in eine Prinzipienrede paßt, über die Arbeit einer Commission die Boltaire'sche Recension mit dem „fm" mit gestrichenem „n“ abzugeben. Wir lernten hiemit in vr. Hildesheimer noch eine Specialität kennen, wie sie der Pater Greuter im Wiener Abgeordnetenhause vertritt, der auch solche parlamentarische Pfui's (ü) im Munde trägt. Am dritten Tage wurden wir von den Orthodoxen mit zwei Declarationen erfreut. Die eine enthielt die Erklärung, daß die orthodoxen Rabbinen vorderhand an den Verhandlungen des Congresses nicht theilnehmen können, weil dort die ihnen heiligen Satzungen der Religion öffentlich geschmäht wurden. Die zweite stammte von den Gemäßigteren, in welcher vie Zurücknahme der Aeußerungen des Herrn Holländer verlangt wurde. Herr Holländer hatte bereits vor Verlesung dieser Erklärung in würdiger Weise seine Worte für den Fall zurückgenommen, daß sich die Herrn dadurch verletzt fühlten. Fernere hervorragende Momente der Generaldebatte waren noch die Reden des Herrn Zipfer, der die innige Verkettung des Fortschritts mit dem Äudenthume an der Hand der Geschichte nachwies; ferner die Rede des Herrn vr. Alexander Kohut, Rabbiners zu