Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1869)
- Date
- 1869-02-23
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
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144 solchen Vorgehen nicht mehr die Rede sein. Vor der Hand wurde der Gegenstand insofern erledigt, als man früher bei der Regierung 'die Anfrage stellen wird, ob der Schulfond eine Rückerstattung der durch die ungarischen Juden geleisteten Contribution oder aber . ein Geschenk des Monarchen ist. Nun kommen wir an die Generaldebatte. Was diese zu Tage gefördert, das wäre viel besser ungeschehen geblieben. Scenen hat es da abgesetzt, die zu schildern kaum möglich ist und die gehörig zu bezeichnen mir die Würde dieses Blattes und die Würde des Congresses selbst verbietet, die aber ganz gewiß etwas mehr als unparlamentarisch waren. Gar besonders mag es dem unbefangenen Zuhörer zu Muthe gewesen sein, der mit dem Bewußtsein in den Saal getreten, daß sich hier zwei, prinzipiell entgegengesetzte Ansichten bekämpfen werden, daß hier zwei, einder diametral zuwiderlaufende Richtungen aneinanderprallen werden und er dennoch auf beiden Seiten dieselben Prinzipien, dieselben Anschauungen hochgehalten sieht. Die Fortschrittspartei behauptet in ihren Bestrebungen nur durch die treue Anhänglichkeit an den altererbten Glauben der Väter geleitet worden zu sein, was auch die Orthodoxen für sich im vollsten Maße beanspruchen wollen. Die Anhänger des Fortschritts wollen das Chaos, in welchem sich die Gemeinden Ungarns befinden, entwirren, was auch die Orthodoxen mit allen Kräften anstreben wollen. Die Fortschrittspartei will jeden nach seiner Fa§on selig werden lasten, und auch die Orthodoxen lasten die Fahne der Gewissensfreiheit in allen Lüsten wehen. Die Fortschrittspartei will jede Centralisation selbst dem leeren Schall des Namens nach vermeiden, und auch die guten Altgläubigen wollen die Autonomie, das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden aufrecht erhalten wissen. Bildung und Aufklärung ruft man im Chorus auf der einen Seite, in welchen auch die andere mit voller Kraft einstimmt. Das wäre das Facit, welches der uneingeweihte Zuhörer aus der Generaldebatte gezogen hätte. Aber wir denken gar anders! Das sind die klingenden Schlagwörter, aus denen sich schillernde und wohltönende Phrasen zusammenstoppeln lasten; das sind die Bestechungsmittel für eine Rede „zum Fenster hinausgehalten", wie das bei sehr vielen im Kongresse der Fall ist. Und was wir schon zu wiederholten Malen über die Intentionen der Orthodoxen an dieser Stelle gesagt oder nur an gedeutet haben, das hat auch durch die Generaldebatte seine vollständige Bestätigung gefunden. Sie forderten beständig von den Fortschrittsmännern Concessionen über Concessionen, steckten dieselben ein und — waren erst recht nicht zufrieden. Wie sonst hätte ihr Berichterstatter Siegmund Kraus sagen können, „Nachgeben hier hieße aufgeben", wir können kein Haar breit von unserem Standpunkte abweichen. Da wird man aber glauben, daß durch dieses Vorgehenden Männern des Fortschritts die Augen geöffnet werden, mit wem sie's hier zu thun haben? O, bei Weitem nicht! Auch während der Generaldebatte wurden der Versöhnung und friedlichen Einigung neue Loblieder und Hymnen angestimmt, noch immer ist man des Kokettirens nicht müde, mit aller Gewalt will man sich und die Sache des Fortschrittes compromittiren. Wir wollen nun versuchen die bedeutenderen Momente der Debatte hervorzuheben. Dieselbe begann in der am dritten Februar abgehaltenen (16.) öffentlichen Sitzung des Congresses. Die Gallerien waren gedrückt voll und auch die Depntirten hatten sich in großer Zahl eingefunden. Es kam nun ein Antrag von 88 Mitgliedern der orthodoxen Partei zur Verlesung, in welchem zur Beruhigung des Gewistens der Unterzeichner und ihrer Wähler beantragt wird, der Congreß möge beschließen, daß kein auf Gemeinde- und Schulorganisation Bezug habendes Statut in Verhandlung gezogen werde, in welchem die Satzungen der Bibel und der Talmuds — wie sie im Schulchan-Aruch codificirt erscheinen — nicht zur Grundlage genommen werden. Es war dies ein abermaliger schwacher Versuch, den regelmäßigen Gang der Verhandlungen zu hemmen, aber dn Präsident erklärte — Gott weiß, nun schon zum wievielten Male — daß der Congreß keine religiösen Fra-1 gen verhandeln wird. Nach parlamentarischer Sitte erhielten nun die bei-1 den Berichterstatter der Commission und Herr Emanuel Eisler als Ueberreicher eines Sondergutachtens das Wort, um ihre diesbezüglichen Elaborate und Entwürfe | dem Kongreß zur Aufnahme zu empfehlen. Es folgt nun ein bedeutungsloses pro und contra Pelotonfeuer, hierauf aber eine vollwichtige Bombe, die dann auch — zerplatzte. Eines der hervorragendsten Mitgliedes der Gemeindecommission und überhaupt des CongreffÄ Herr Dr. Reinhardt, Oberrabbi zu Arad, verwahrteI sich in energischer Weise gegen die Zumuthung eines |