Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-02-23 · Heft 8 (23.2.1869) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 8 (23.2.1869)
Date
1869-02-23
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226699--26924-3262481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

142 doxen, die Synode nicht brauchen können; denn jene geben überhaupt nichts auf die jüdische Religion, diese sind dem geschriebenen Buchstaben blind ergeben, überhaupt jeder vernünftigen Erwägung unzugänglich. „Wer zwischen diesen, die aus ihrer eigenen Beschaffenheit heraus nur Minoritäten ausmachen können, besteht eine große Klaffe von Individuen, welche stark das Göttliche in ihrer Natur fühlen, die nach der Realisirung der himmlischen Ziele begehren, welche Gott in die menschlichen Herzen eingepflanzt hat. Sie fühlen, daß der Beruf des Menschen nicht in Abschließung besteht, daß er Pflichten auszuführen hat, welche von ihm verlangen, nach Außen zu gehen, in Berührung mit seinem Nächsten zu kommen, mit der Welt im Allgemeinen in Verkehr zu treten und einen wohlthätigen Einfluß aus den weitest möglichen Kreis auszuüben. Diese Männer fühlen, daß die Mauern der Ghetti, die früher die Juden fesselten, gefallen sind, daß sie jetzt an der europäischen Cultur theilnehmen und berufen sind, ihre Pflichten nicht nur als Juden sondern als Menschen und Bürger zu erfüllen; daß sie in der That in ihrer Laufbahn nicht länger durch Hindernisse aufgehalten werden dürfen, die zu keinem guten Zwecke dienen, und welche der Gott Israels nicht in ihren Weg zu legen bezweckt haben kann; daß viele von den Opfern, die sie bringen, nicht wirklich von ihnen gefordert werden, und daß in den höheren Pflichten, die sie jetzt zu vollbringen haben, sie nicht zurückgehalten werden sollten durch bloße Gebräuche, die, obwohl traditionell, doch im Fortgang der Zeit ihre innere Bedeutsamkeit verloren haben und jetzt so nutzlos sind, wie sie früher schätzbar waren. „So entsteht in den Gemüthern dieser Personen ein furchtbar« Conflict zwischen der überlieferten Satzung des Judenthums und den Forderungen dieser neuen Lage; ein Conflict, der für zarte Gewissen um so schmerzlicher ist, da sie Richter in ihrer eigenen Sache sein müffen. Sie sind sich bewußt, wie leicht der Mensch durch seine eigenen Interessen bestochen wird und dasjenige als seine Pflicht betrachtet, was seinen eigenen Bedürfnissen entspricht. Aber an wen sollen sie wegen Leitung appelliren? An ihren geistlichen Lehrer? Er kann sie nur auf den Codex zurückverweisen, an dem er selbständig nichts ändern kann, dessen bloßes Mundstück er sein soll. „Das also ist der Punct, wo der Nutzen der vorgeschlagenen Synode sich am meisten ergeben muß. Eine Synode, zusammengesetzt aus gelehrten, guten und frommen Männern, soll zusammenkommen und diese Fragen respectvoll und mit der gehörigen Achtung vor dem historischen Anspruch, welchen das Alterthum auf eine historische Nation hat, besprechen; sie soll sorgfältig die Fragen erwägen, die eine neue Zeit und neue Bedürfnisse für den Juden aufstellen; jedem Gebrauche seinen wahren Werth beilegen und beurtheilen, wie weit er wirklich auf dem göttlichen Worte beruht und wie weit er noch dem Zwecke entspricht, für den er ursprünglich angesetzt worden. Eine solche Körperschaft soll bedächtig verhandeln, weife abwägen und ruhig und ernsthaft ihre Aussprüche thun; dann müssen ihre Beschlüsse nothwendig im Geiste eines jeden religiösen, wohl denkenden Mannes ein Gewicht haben, welches keine Entscheidung irgend eines Individuums, so fromm oder gelehrt es ist, irgend zu besitzen im Stande ist. „Juden der dritten Klasse, von der wir gesprochen, werden freudig auf solch eine Synode hören. Sie werden sich in ihrer Lebensweise auf dieselbe stützen, wie auf einen Stab. Sie werden nicht länger an sich selbst als Richter in ihrer eigenen Sache zu appelliren brauchen. Ihre geistlichen Führer, um Rath gefragt, werden nicht allem die verwirrenden Bestimmungen des Kodex, sondern auch die Erläuterungen desselben durch die Synode zu Rathe ziehen können. Die Beschlüsse mögen nicht sofort adoptirt werden, oder vielleicht werden einige angenommen, andere zurückgewiesen, wie es etwa den Bedürfnissen und Ansichten jeder einzelnen Gemeinde entspricht. Aber mit der Zeit werden sie alle die Autorität erlangen, die wir z. B. den Entscheidungen des unter Napoleon I. berufenen Sanhedrins beilegen. „Aus dem, was wir gesagt, folgt, daß es uns erfreulich sein sollte, die Einladungen zu der Synode von den englisch-jüdischen Gemeinden angenommen zu sehen. Es ist nothwendig, daß in einer so großen Bewegung ein so einflußreicher Theil Israels repräsentirt ist. Es soll ja keine Verpflichtung dadurch übernommen werden, und zugleich werden wir die Genugthuung haben zu wissen, daß wir nichts gethan haben, um eine Bewegung zu schädigen, die, welches auch ihr Ausgang sein mag, wir für höchst segensreich und bedeutsam halten." — Auch das bedeutendste Organ der jüdischen Presse Frankreichs, die Lrotnves isruslites, widmet in seiner Nr. vom 1. Februar der Synode einen kurzen vorläufigen Artikel voll großer Anerkennung. Er zollt den Leitern der Bewegung volles Lob und schließt mit den Worten:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.