Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1869)
- Date
- 1869-02-16
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Cicero 1× ep/1024888
- Homer 1× ep/1025156
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125 wechseln. Das nennt das Schreiben des Herrn Ministers für'die jüdische Elementarschule sorgen.' Endlich kommt das Schreiben zu dem eigentlichen Puncte, zu den höheren Unterrichtsanstalten, den Gymnasien und Realschulen. Für diese fordert das Schreiben, weil sie sonst ihre erziehliche Aufgabe nicht lösen können, einen consessionellen Character, so daß das Lehrercollegium nur aus Personen einer Confession bestehen dürfe. Wir haben schon oben diese Ansicht principiell bestritten. Wie verhält es sich nun aber factisch? An fast allen Orten giebt es nur sg. katholische oder evangelische Gymnasien, nur in wenigen, sehr großen Städten katholische und evangelische neben einander. Die evangelischen Schüler müssen daher das katholische Gymnasium, oder die katholischen das evangelische Gymnasium besuchen. Wie steht es denn da mit der consessionellen Erziehungsaufgabe? Wie löst diese das katholische Lehrercollegium den evangelischen Schülern gegenüber, das evangelische Lehrercollegium den katholischen Schülern gegenüber? Wird va diese ganze Unterscheidung nicht illusorisch? Beschränkt sich da die confessionelle Erziehung für die Minorität nicht blos auf den Religionsunterricht? Und wenn das Schreiben überall die Rechtsgleichheit hervorhebt, ist es auch eine solche, daß für den Religionsunterricht der christlichen Minorität, nicht aber für den der jüdischen gesorgt wird? Ist es nicht sogar vorgekounnen, daß, wenn in einer städtischen Realschule für den Religionsunterricht auck der jüdischen Schüler gesorgt werden sollte, diese Position von Seiten der Regierung gestrichen wurde? Aber noch weiter. Was bildet den Hauptinhalt des Unterrichts und der Beschäftigung auf dem Gymnasium? Nicht die elastischen Sprachen und Literaturen, die Mathematik u. s. w.? Waren Cicero, Homer, Ovid, Virgil, Plato Christen? Können diese, kann die Mathematik, können die Naturwissenschaften nicht ebenso gut von evangelischen Lehrern vor katholischen, von katholichen Lehrern vor evangelischen Schülern, von jüdischen Lehrern vor beiden tractirt werden? Hört nicht in der lateinischen Grammatik u. s. w. jeder confestionelle Character auf? Wenn daher das Schreiben diesen Absatz dahin schließt, daß die Juden deshalb ebenso wenig sich zu beklagen Veranlassung hätten wie die Evangelischen und Katholiken, so erscheint uns dies einerseits nicht richtig, weil die Juden ja garnicht angestellt werden können, und man ihnen schon bei der Prüfung sagt, daß sie garnicht angestellt werden könnten, andrerseits weil doch einige Veranlastung da sein muß, da jetzt von so vielen Orten her gegen diesen Druck des Confessionalismus geklagt und protestirt wird, und der Herr Minister schon einige Male nachgegeben hat. Das Schreiben muß zuletzt doch gefühlt haben, daß es mit dem Confessionalismus in diesen von einer so gemischten Schülerbevölkerung frequentirten Gymnasien und Realschulen so eine eigene Sache ist, und vertauscht ihn daher im Schlußpastus mit „dem christlichen Character der Preuß. Unterrichtsanstalten," der durch die Anstellung jüdischer Lehrer aufgehoben würde. Das ist nun abermals eine eigenthümliche Ansicht, daß der, Character einer Lehranstalt aufhöre, christlich zu sein wenn ein oder zwei jüdische Lehrer in das Lehrercollegium eintreten! Solche scharf abschneidende Grundsätze characterisiren sich am besten selbst. Aber wer steht denn dafür, daß die christlichen Lehrer wirklich Christen, sei es nach der Dogmatik des Herrn Ministers, sei es selbst nach der allgemeineren Ansicht, seien? Wir haben christliche Lehrer gekannt, die vom Christenthume weiter entfernt waren als selbst die Juden! Der Herr Minister thut zwar, das geben wir zu, durch Ausübung seines Nichtbestätigungsrechtes das Mögliche, um dieses Unheil abzuwenden, aber vermag er es? — Das Schreiben beruft sich dabei auf vergangene Jahrhunderte — nun mit dieser Berufung müßte er alle bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der Juden streichen, vor dieser Berufung müßte auch die Verfassung fallen, mit diesen — doch wozu noch fortfahren, die Dinge liegen vor Allen klar und offen, die vergangenen Jahrhunderte sind eben vergangen, die Zeit eine andere geworden, und wer mit dieser nicht rechnen will, muß auch in ihr nicht wirken wollen! Das Schreiben versichert denn auch, daß die Anstellung jüdischer Lehrer nur eine Ausnahme sei — das sagten wir ja selbst. Nun, hoffen wir, daß wenn der Herr Minister noch lange im Amte bleibt, er zu recht vielen solcher Ausnahmen sich genöthigt fühlen möge, und daß, wcuu nicht, bei seinem Nachfolger die Ausnahme sofort zur Regel werde. Wir aber wollen uns auch von diesem augenblicklichen Mißerfolge nicht abhalten lassen, in unseren Bestrebungen fortzufahren, und um so weniger jetzt, wo in vielen Staaten z. B. Oesterreich und den süddeutschen, dieses Joch der consessionellen Beschränkung sowohl vom Staatsgesetze als von den örtlichen Gemeinden — wir berufen uns z. B. auf Pest und Mannheim — zerbrochen worden ist. Wir glauben nicht, daß Preußen noch lange Zeit wird Zurückbleiben können.