Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1869)
- Date
- 1869-02-09
- Page
- Seite 111 (sequence 11)
- Language
- German
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111 suchstellers dermalen mangelt, so ist das Ministerium nicht in der Lage, dieser Privatanstalt das beantragte Oeffentlichkeitsrecht zu ertheilcn." Man sieht, daß auch in Oesterreich noch Vieles confessionell gefärbt ist. Wien, 26. Jan. tPrivatmitth.) Seitdem Sprößlinge der ersten Adelsgeschlechter Oesterreichs als Verwaltungsräthe in Credit- und Jndustrieinstitute eintraten, wo neben ihnen Juden als Collegen fungirten, war es nichts Seltenes, daß Hochadlige zu Bällen, Diners rc. in Häusern von Israeliten erschienen. Freilich geschah das immer ohne die respectiven Ehegattinnen. In gleicher Weise wurden auch Israeliten in hochadlige Häuser geladen. Allerdings wurde das gewissermaßen als Concession betrachtet. Noch vor einigen Jahren, als der junge Baron Rothschild in den adligen Club aufgenonunen werden wollte, waren bei der Ballotage sämmtliche Kugeln schwarze. Das hat sich nun geändert. Die sociale Emancipation schreitet vorwärts. Im heurigen Jahre wurden mehrere Israeliten eingeladen in den adligen Club zu treten, und jetzt, wo beim Fürsten Schwarzenberg ein Ball stattfindet, sind auch mehrere Israeliten sammt ihren schönen Ehehälften geladen. Ich wiederhole es, ich würde von diesem Ereignisse keine Erwähnung thun, wenn es nicht ein Schlaglicht auf unsere socialen Verhältnisse werfen möchte. Der Präsident der niederösterreichischen Handelskammer und Mitglied des Abgeordnetenhauses, Herr Simon Winterstein, wurde in das Herrenhaus berufen. Im Herrenhanse sind nämlich die Capacitäten auf national-öconomischem Gebiete sehr schmal gesäct. Da soll nun Herr Winterstein aushelfen. In jüngster Zeit hat der Vorstand beschlossen, daß bei dem Gottesdienste für die studirende Jugend auch deutsche Lieder gesungen werden sollen. Es lebe der Fortschritt! Krakau, 25. Januar. Der Gemeinderaths- Aus sch uß hat gegen ein von der fortschrittsfeindlichen jüdischen Partei vorgelegtes, vom Statthalterei-Leiter Posjinger bestätigtes Cultusstatut protestirt, da dasselbe den Bestimmungen des a. h. sanctionirten Krakauer Gemeindestatuts widerspricht. Der Gemeinderaths-Ausschuß hat den Recurs an das Ministerium ergriffen. Aus Ungum, im Januar. lPrivatmitth.) Während unser Congreß tagt und tagt und nichts fördert, hat sich bei unseren Glaubensgenossen ein Umschwung kundgetha», den wir in diesent Blatte registriren müssen. Vor dem Congresse Krieg, lärmender Streit aller Orten, Ruf nach Trennung, Spaltung, der aber lediglich von den Orthodoxen ausging. Die Wahlen zeigten, daß die Orthodoxie selbst im Ungarlande nicht mehr die Mehrheit besitzt, indem sie nur etwas über ein Drittel (80 gegen 140) ihrer Candidaten durchbrachte, wobei nicht zu übersehen, daß sie außerordentlich rührig war und eine Menge nichtssagender Stimmen mit sich riß, die einem stärkeren Impuls von der anderen Seite auch gefolgt wären. Dies mag wohl die Führer der Orthodoxie zu einer Umkehr bewogen haben. Schon die Versammlung in Altofen erließ ein Rundschreiben, das Frieden und Duldsamkeit predigte; die Sprecher des Schomre-hadath-Vereins fließen von Frieden über, ihr Organ, der Magyar Zsido, hat sein Motto verändert, denn das bisherige lautete: „Wenn Ueberzeugungen aus einander weichen, muß die Scheidung den Streit ausgleichen," jetzt aber hat es den Spruch des Jesaias: „Friede, Friede den Fernen und den Nahestehenden! So — sprach Gott — werde ich sie heilen!" zum Motto genommen, und dessen Redacteur Kraus stellt jetzt als die drei Grundsätze des Vereins auf: Erhaltung der Thora, Schebikßaw und Bealpe, unbeschränkte Gewissensfreiheit und Einheit des ungarischen Judenthums. Diese Umkehr, durch welche die ungarischen Orthodoxen ihre deutschen Mitstreiter, die Herren Hirsch und Lehmann, auf den Sand setzen, ist factisch erfreulich, da nun dieses erbärmliche Gezänke, das nichtswürdige Verleumden und Verketzern etwas verstummen wird. Die Partei an sich aber wächst dadurch an Achtung keineswegs. Denn wo die Grundsätze so schnell wechseln, wo man die Religion zu einem Spielball diplomatischer Kniffe herabwürdigt, da kann man an keine Aufrichtigkeit und nur an ein geringes Maß religiösen und sittlichen Gehaltes glauben. Doch sei dem wie es will, sehen wir zu, daß wir unter dieser Stimmung etwas vorwärts kommen. — Sensation machen die Artikel der „Neuen freien Presse" gegen den Congreß. Sie sind allzu scharf, um nicht einseitig zu sein, aber das ist in unserer Zeit nothwendig, um die Wahrheit geltend zu machen. Man wird sich im Congresse hüten müssen, die Autonomie der Gemeinden wesentlich zu beschrän- 6*