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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-02-09 · Heft 6 (9.2.1869) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 6 (9.2.1869)
Date
1869-02-09
Page
Seite 106 (sequence 6)
Language
German
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106 kleiden. Die Anhänger des Herrn Schw. haben nicht bloß ihre Energie für sich, sondern auch eine sehr wichtige Stütze von außen her. Der hiesige General- Gouverneur, Herr v. Kotzebue nämlich, hält den Dr. Schw. in Gunst und wünscht ihn fernerhin in seinem Amte verbleiben zu sehen. Was indeffen die Gemeinde von dieser Gunst gewonnen oder gewinnen kann, ist nicht zu ersehen. Jedenfalls ist es nicht zu bestreiten, daß es für die russische Judenheit von unvergleichlich höherer Bedeutung ist, die Gunst der herrschenden Nation zu besitzen oder ihr den Anlaß zu einem allzu oft wiederholten Vorwurf zu benehmen, dem Vorwurf nämlich der Jsolirtheit, der gegen die Juden bei jeder Gelegenheit und, wir müssen es gestehen, uicht mit Unrecht aufgefrischt wird. Was könnte diesem Vorwurf bessere Nahrung geben als die Beibehaltung eines Mannes an der Spitze der Odessaer Gemeinde, an Zahl, Reichthum und Bildung der größten Rußlands, eines Mannes, der sich der russischen Nationalität beharrlich verschließt, während z. B. die deutschen Rabbiner zu Kopenhagen und Stockholm längst dänisch und schwedisch predigen. — Nicht Ein Mal schon hat die russische Presse die Anomalie hervorgehoben, bei Feierlichkeiten inmitten der odessaer jüdischen Gemeinde die üblichen Reden in deutscher, nicht in russischer Sprache zu hören. Diese Anomalie wäre noch einigermaßen bei uns erklärlich, wenn die Maste der hiesigen Juden besser Deutsch als Russisch verstünde; aber die Sache verhält sich ganz anders. Der elfteren Sprache Mächtige werden kaum einige Hundert aufzuzählen sein, während die russische allgemein verständlich ist, da man in stetem Verkehr mit der herrschenden Bevölkerung steht. Außer dem Schaden, den uns das Deutsch-Predigen in den Augen der ruffischen Bevölkerung bringt, kann es uns auch subjectiv nicht anders als verderblich sein, und dies sowohl in socialer als religiöser Hinsicht. Was die erstere anbetrifst, so ist es für jeden Vernünftigen klar, daß sich die ruffischen Juden bestreben müssen, sich den christlichen Mitbürgern, so weit es von ihnen abhängt, zu nähern, besonders in denjenigen Puncten, wo die Letzteren den Vorzug haben. Wir halten hier vorzüglich die ruffische Sprache im Auge, der sich die Juden bestreben müssen, immer größern Raum als Umgangssprache unter sich zu verschaffen. Abgesehen davon, daß mit der Einführung der ruffischen Sprache in den täglichen Verkehr eine der haltbarsten Schranken gegen die Gleichstellung der Juden mit den Christen wegfallen wird, so müffen wir, wenn wir nur die Wirkung davon auf den Zustand der Juden selbst betrachten, gestehen, daß erst dadurch sie auf die Stufe eines civilisirten Volkes werden emporgehoben werden. Schwerlich können sie darauf Anspruch machen, so lange an ihnen das widerwärtige Zungenübel, der Jargon, hastet. Zu diesem Ende können natürlich am wirksamsten Erziehung und zweckmäßig eingerichtete Volksschulen dienen. Die reichere und gebildetere Klasse der hiesigen Juden läßt wirklich ihre Kinder von Anfang an russisch sprechen. Aber in Rücksicht auf die niedrigeren Klaffen ist noch lange mit den leider allzu wenig besuchten Kronsschulen nicht abgeholfen. Für die zu diesen Klaffen gehörigen iKinder, geschweige für diejenigen, die noch das klassische Cheder besuchen, wird noch lange die russische Sprache eine fremde bleiben. Um aber derselben das Bürgerrecht bei den unteren Volksschichten zu verschaffen, dünkt uns das beste Mittel ihre Einführung in die Synagoge, womit übrigens manche jüdische Gemeinden in Rußland: Minsk, Berdyczew u. a. vorangingen, wo russische Predigten zu aller Befriedigung gehalten werden. In religiöser Hinsicht droht mit Ausschließung der russischen Predigt aus der Synagoge der Judenheit die Gefahr, ihr die Heranwachsende gebildete jüdische Jugend zu entfremden, diejenige nämlich, welche in den Gymnasien und Hochschulen ihre Studien macht. In diesen Anstalten wird die deutsche Sprache entweder gar nicht gelehrt oder (was sogar in der Commerzschule der Fall ist) vernachläffigt. Leider müffen wir noch hinzufügen, daß für die Zöglinge dieser Anstalten die hebräische Sprache, mit wenigen Ausnahmen, eine lernt incognita ist. Die Eltern, nur in materieller Hinsicht für die Zukunft ihrer Kinder besorgt, halten es nicht der Mühe werth, diese zu denjenigen Studien anzuhalten, die zum Geld-Verdienen wohl entbehrlich sind. Dieses mag wohl übertrieben scheinen, aber leider ist es doch so. — Nun ist es ernstlich zu befürchten, daß die in solcher Weise auferzogene Jugend, weder mit der Literatur und dem Gehalt des Judenthums bekannt, noch im Stande die Gebete und die deutsche Predigt zu verstehen, für alles jüdische Interesse indifferent werde, ja, daß sie, vom frivolen negirenden Geiste der jetzigen Zeit beeinflußt, auf das Judenthum und ihre Religionsbrüder mit Verachtung herabblicke! — Nur ein Geistesblinder kann den großen Dienst verkennen, den hier die russische Predigt zu leisten vermag! Denn welches

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