Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1869)
- Date
- 1869-02-09
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
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105 fallen, sondern vielmehr dem Principe ebenso unsre Achtung zu gewähren, wie den Bedingungen der factischen Verhältnisse. Wenn dieses Verhältniß für die magyarischen, galizischen und rumänischen Juden einfach und klar ist, so verdunkelt es sich für die Juden in Rußland dadurch, daß die bei Weitem größte Zahl derselben in Provinzen leben, die der polnischen Nationalität angehören. Hier sprechen die Juden seit Alters einen deut schen Jargon, leben unter polnischer- Nationalität, und sollen von Staatswegen russisch sprechen! Der russische Staat hat dies selbst verschuldet, da er den Juden in den polnischen Provinzen den Einzug in die russischen Länder beharrlich versagt hat. Erst in der jüngsten Zeit strebt der russische Staat dahin, die polnische Nationalität bis zu ihrer Ausrottung zu bekämpfen, und verlangt daher auch von den polnischen Juden, daß sie augenblicklich russisch sprechen sollen. Es ist augenscheinlich, daß die Juden im wirklichen Rußland rechtlich und politisch verpflichtet sind, sich mit allem Eifer der russischen Sprache zuzuwenden. Den polnischen Inden können wir aber nur rathen, sich trotz aller Schwierigkeiten, ebenfalls der russischen Sprache zu befleißigen. Von polnischer Seite wird man hierbei die Inden des Berrathes an der polnischen Nationalität zeihen. Dieses Recht der Anklage haben die Polen aber selbst verwirkt. Nachdem die Polen die jüdischen Einwanderer duldsam ausgenommen, haben sie dieselben seit Jahrhunderten niedergedrückt, ausgeschlossen und feindselig behandelt. Die polnischen Juden konnten nicht zu Leibeigenen gemacht werden; sie bildeten vielmehr fast den einzigen Bürgerstand in den polnischen Städten. Aber der polnische Adel sorgte dafür, daß dieser Bürgerstand nicht wie in anderen europäischen Staaten aufblühe, wachse und zu einem berechtigten Stande im Staate werde. Auch in ihren Revolutionen versagten die Polen den Juden alle bürgerlichen Rechte und unter der russischen Herrschaft waren die polnischen Beamten die verfolgungssüchtigsten Feinde der Juden. Daß daher die Juden an den Krämpfen und Zuckungen der polnischen Nationalität thatkräftigen Antheil nehmen und der russischen Regierung hartnäckigen Widerstand leisten sollen, ist eine völlig ungerechtfertigte Forderung. Thaten und thun es Juden, so haben sie ihre Entschuldigung; an die Masse ist kein derartiges Verlangen zu stellen. Wo andauernd Haß gesäet wird, kann man nicht hoffen, Liebe zu erndten. Aus diesem Gesichtspuncte betrachten wir die neuesten Maßnahmen der russischen Negierung. Beabsichtigt sie durch dieselben, allmalig, wenn auch rascher als bis jetzt die polnischen Juden zur russischen Sprache zu bringen, und verbindet sie damit den freien Einzug in die übrigen, Provinzen des russischen Reiches, so vermögen wir ihr nur billigend zuzustimmen. Unter den russischen Juden selbst ist, wie die folgende Correspondenz aus Odessa beweist, eine starke Parteiung entstanden, indem der eine Theil einen sofortigen Uebergang zum Russischen verlangt, der andere ein gewisses Conserviren des deutschen Elements bezweckt. Auch hier stehen wir principiell auf der Seite der ersteren, vom factischen Standpunct aber müssen wir die plötzliche und völlige Beseitigung des deutschen Elements als schädlich für die Fortentwickelung ansehen. Handelt es sich daher in Odessa um Anstellung eines deutschen oder russischen Rabbiners, so können wir nur dazu rathen, den bisherigen deutschen Prediger sich zu erhalten und ihm zur Seite einen russischen anzustellen; die Gemeinde zu Odessa besitzt bekanntlich Mittel genug, um beiden zu genügen. Wir theilen also nunmehr folgende Correspondenz aus Odessa mit: Odessa, d. t3. Januar. Seit einiger Zeit herrscht unter der hiesigen Judenschaft eine gewisse Aufregung, deren Ursache die bevorstehende Rabbinerwahl für die nächsten drei Jahre ist. Dem vor 9 Jahren hierher aus Lemberg berufenen Dr. Schwabacher gingen die zwei in dieser Zeitperiode stattgefundenen Wahlen glücklich und ohne Geräusch vorüber. Zwar war und ist ihm die Masse der jüdischen Gemeinde seit den ersten Jahren seines Amtes nicht sehr hold, er hatte aber einen Theil aus der gebildeten Classe an sich zu fesseln gewußt, die es bis nun dahin gebracht, daß er in seinem Amte verblieben. Indessen wurde seit ein paar Jahren das Bewußtsein allgemein rege, daß es zweckmäßig sei, einen der russischen Sprache kundigen und Vorträge in derselben zu halten fähigen Mann zum Rabbiner und Prediger zu haben. Herr Schw. hat sich keine Kenntniß darin erworben, da er z. B. so oft es sein Amt erheischt, Jemand einen förmlichen Schwur ablegen zu lassen, die Schwurformel in russischer Sprache durch einen Andern vorlesen zu lassen genöthigt ist. Da man an ihm zu erkennen glaubt, daß er nicht geneigt sei auch für die künftige Zeit diese Lücke auszufüllen, so wurde der Wunsch der großen Mehrheit, worunter auch Biele aus der gebildeteren Klasse zu zählen sind, laut, mit dessen Amte einen Zögling der Rabbinerschule in Rußland zu be-