Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1869)
- Date
- 1869-02-09
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
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her auch nicht im Entferntesten in unserer Absicht, irgend eine jüdische Gemeinde zu übergehen. Aber die außerordentlich große Zahl der Gemeinden und der Mangel an genauen Verzeichnissen derselben mußte es niit sich bringen, daß nicht wenige übersehen wurden und daher ein Exemplar der Einladung nicht erhielten. Wir erklären deshalb ausdrücklich, daß hiermit diese Einladung in allen ihren Theilen an alle Gemeindevorstände gerichtet ist. An die Rabbinen und jüdischen Gelehrten aber konnten wir überhaupt keine besonderen Einladungen versenden, weil eine sehr große Zahl uns dem Namen nach unbekannt ist, und deshalb die Folge gewesen wäre, daß Viele sich als unberücksichtigt erachtet hätten. Wir richtendaher durch diese Veröffentlichung die obige Einladung zugleich an alle Rabbinen und an alle jüdische Gelehrten, und fordern sie auf, sich an der Syn odalversammlung zu betheiligen unddie Zusage ihresErscheinens in derselben an einen der Unterzeichneten baldmöglichst einzusenden. Ueber Ort und Zeit der Synodalversammlung wird sich erst berathen und verhandeln lassen, wenn die Zusagen der Theilnahme in ihrer Mehrheit vorliegen werden, da selbstverständlich besonders der Ort so zu wählen sein wird, daß er den Gegenden, aus welchen eine Mehrheit der Theilnehmer kommen wird, am gelegensten sei. Gerade deshalb fügen wir die Bitte hinzu, sich recht bald zu entscheiden und uns in möglichster Kürze Kenntniß zu geben. Adler. Philippson. Anb?) Die Lprachenfrage für die Juden, insbesondere im russischen Deiche. Es ist eine eigenthümliche, sowohl politische und social wichtige, als historisch interessante Erscheinung der jüngsten Zeit: diese Sprachenfrage für die Juden. Existirt hat sie wohl schon für ihre Vorfahren in Aegypten, wo die *j Schon wenige Tage nach der Versendung der Einladungen sind Zusagen zur Beschickung von meh reren namhaften Gemeinden eingelaufen, so daß wir bald eine Liste veröffentlichen werden. Die Redaction. semitische Sprachform auf die chamitische stieß, in Assyrien und Babylonien, wo semitische Dialekte sicv begegneten, unter der persischen Herrschaft, wo sie zuerst auf die arischen Sprachen trafen, unter den Griechen und Römern. Haben wir doch bereits in der Bibel Anklänge dieser Sprachenfrage für die Juden (vgl. Nehem. 13, 23. 24.). Die Juden zeigten überall, wohin ihr Geschick sie führte, die Neigung, sich die Landessprache anzueignen und diese selbst zu ihrer Schriftsprache zu machen, wie die aramäischen, griechischen, persischen, arabischen, spanischen und italienischen Schriften erweisen, die aus der Feder von Juden geflossen sind. Daß sie für ihre cultuellen Handlungen sich die hebräische Sprache bewahrten, und nur zum Theil der aramäischen einigen Eingang in dieselben gewährten, ist erklärlich und beweist nichts gegen die Richtigkeit unserer Bemerkung. Viel eigenthümlicher gestaltete sich aber diese Sprachenfrage für die Juden seit dem Ende des Mittelalters. Die Inden hatten in Europa zwei Hauptheerde erlangt, Spanien und Deutschland. In beiden Ländern waren sie schon in der vorchristlichen Zeit ansässig, und hatten daher dort Spanisch, hier Deutsch zu ihrer Muttersprache gemacht. Aber aus Spanien vertrieben und in Deutschland furchtbar verfolgt, «änderten sie massenhaft aus. Die spanischen Juden gingen nach der Türkei, nach Holland und später England; die deutschen Juden nach Polen, Litthauen, Kur- und Livland, Rußland, Ungarn, Rumänien und Jerusalem, später auch nach Holland, England und Amerika. Zwei Momente wirkten nun dahin, sie in den Sprachen zu erhalten, die sie nach den Ländern ihrer Auswanderung mitgebracht: das eine daß eben diese Sprachen im Schoße ihrer Familien seit alter Zeit eingewurzelt waren, das andere, daß sie in solcher Abgeschlossenheit vom öffentlichen Leben, in so engen Beschränkungen vom gewerblichen Verkehr und selbst örtlichen Wohnstätten Jahrhunderte lang gehalten wurden, daß sie deshalb ihre alten Sprachen conserviren mußten, obschon in entartendem Jargon. Letzteres war freilich mehr bei den deutschen als bei den spanischen Juden der Fall, von denen nur die türkischen Juden zu einem spanischen Jargon, spaniolisch genannt, gelangten. Die Völker waren gleichgültig dagegen. Mit dem Zeitpuncte aber, wo die Juden auf bürgerliche Gleichberechtigung Anspruch erhoben, und wo andrerseits in den Völkern ein lebhaftes nationales Gefühl und Bewußtsein erwachte, gestalteten sich die Dinge anders und ernster, und wurden für die Juden eine schwere, gewichtige tz*