Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1869)
- Date
- 1869-02-02
- Page
- Seite 99 (sequence 19)
- Language
- German
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99 dem rechten Ufer der Mulde und dem der Elbe. Liese, reichlich von Gewild bevölkerten Waldungen wechselten mit fruchtbaren Fluren ab, wo selbst der Sandboden zu Tabakspflanzungen benutzt ward. Um die Dörfer zogen sich üppige Obstgärten. Durch das Ländchen waren nach allen Seiten — damals noch eine große Seltenheit — schöne geradlinige, von Obstalleen begrenzte Kunststraßen geführt, die freilich an den Gränzen des Landes in eitel Sand und schlechte Landstraßen abfielen. Mitten in diesem Gefilde waren aber auch reiche Parkanlagen im eigentlichen Sinne des Wortes geschaffen. Nicht allein war die Stadr Desfau von der einen Seite mit Lustgärten verschönt und lehnte sich an einen mit den herrlichsten Eichen bestandenen sogenannten Thiergarten, sondern ganz in der Nähe befanden sich zwei köstliche Parkgärten mit Schlössern, Tempeln, Hallen u. dergl., die überall aus den geschmackvoll angelegten Baumgruppen am Rande üppiger Wiesen hervorblickteu und so zu stundenweiten Spaziergängen einluden, die aus einem waldbewachsenen, mit einer Burg gekrönten Berge an der Elbe zu enden pflegten. Einige Stunden entfernt lag der seiner Zeit berühmte Wörlitzer Garten, den der französische Dichter Abbö Delille besungen hat, mit schönem See und weitläufigen Canälen, Bauten verschiedener Art, welche Kunstsammlungen herbergten, und ausgedehnten Spaziergängen, die allegorisch die Wanderung durch das Leben mit allen seinen Wechselfällen darstellten. An Bildsäulen, Hermen u. dergl., wenn auch aus Sandstein, fehlte es nicht. Unverkennbar mußte dies alles den Geschmack und die Sitten der Bewohner veredeln, und in der That ist es mir aus meiner Kindheit erinnerlich, daß es in meiner Vaterstadt im Ganzen immer ganz säuberlich zuging und daß es nur sehr entfernte Stadttheile waren, in welchen die Armuth und etwas mehr Rohheit ihre Heimstätten hatten. Mit Ausnahme einiger älterer Straßen war denn auch die Stadt von schönen, breiten, geradlinigen Straßen durchzogen, die zum Theil in fast künstlerischer Weise durch Kirchen und Rondels abgeschlossen waren. Die Häuser waren freilich nicht stattlich, aber behaglich, bürgerlich, wohl erhalten und ziemlick von gleicher Anlage, der Damm gut gepflastert, das Trottoir aus rochen Backsteinen bestehend. Das Theater mit schöner Säulenhalle, das Gymnasium und das Prinzessinnenschloß zierten die eine Straße, welche bezeichnend die Cavalierstraße benannt war, während der östliche Theil mit dem Marktplätze, dem herzoglichen Restdenzschloß in einfachem, edlen Style und dem gegenüberliegenden Wachthause endete. Selbstverständlich schloß dies krumme und holperige Straßen und Gassen nicht ganz aus. — Allerdings war dies Alles mit dem Alter des Fürsten, der während der französischen Periode den Herzogstitel annahm, längst fertig, und sein Nachfolger, der noch jetzt regierende Herzog, welcher 1817 die Regierung antrat, hat auch nicht das Geringste hinzugefügt, aber auch nicht verändert, wohl aber im besten Zustande erhalten. Jeder Spatenstich blieb wie er gewesen; es verjüngte sich nichts, aber es alterte auch nichts. Welch herrlichen Spielraum gab dieses weite, überall künstlerisch geordnete und wohlgepflegte, anmuthige Gefilde für alle Lebensalter zum Umherwandeln, zu anregendem Einhergehen! Ich erinnere mich noch aus frühester Kindheit, welchen Eindruck es auf den Knaben machte, als er zum ersten Male vor die beiden kolossalen Sphinxe trat, welche am Eingänge des Georgiums standen, und in die lange Allee von Tuja's und Cypressen, an deren Ende der Fechter von Ravenna die Ansicht schloß, während sich rechts auf sanftem Rasenhügel, von bunten Blumenrabatten umgeben, das Lustschlößchen erhob in einfach edlem italienischen Style. Welche Schauer rieselten durch die kindliche Seele, welche Gefühle von Größe und Erhabenheit! Wie weit und groß erschien Alles, und alle Partien und Bauten des an sich mäßigen Parkes von unfaßbarem Umfange! Nach wenigen Jahren war dem Knaben dies Alles vertraut wie die Straße und das Haus worin wir wohnten, aber er stand mit ähnlichen Gefühlen vor der kleinen nordöstlichen Pforte, die, auf geebneten Wegen, in den dichten Wald führte und durch vielfach verschlungene Pfade stundenlang über den sogenannten „Bruch", wo jedoch die sinnige Hand des Gartenkünstlers überall gewaltet, und Wald und Wiese, kleine Hallen und Baumgruppen so gefügt hatte, daß überraschende Aspekte und reizende Ruheplätze gefunden wurden. Es kostete viel Ueberwindung, bis er sich in diese dunklen Schatten und weiten Gehege hineinwagte. Aber auch dieses unbekannte Land wurde dem Heranwachsenden Jüngling zum Eigenthum, in welchem er sich den Träumereien der Jugend und dem traulichen Sinnen und Denken um so mehr überlassen konnte, je seltener hier an Werkeltagen Menschen angetroffen wurden. — Man kann sich denken, daß diese Umgebungen einen nicht geringfügigen erziehlichen Einfluß übten, und frühzeitig den Sinn für das Schöne und den Geschmack weckten. Aber dies hatte doch noch eine andere Seite. Es trat hier überall das Geordnete, Beabsichtigte und wohl auch Gesuchte allzu sehr hervor; dabei war der Charakter des über die persönlichen Verhältnisse Hinausgehenden, der beschränkten Lage zu Hause Gegensätzlichen ausgeprägt; man wußte, daß dies Alles von einer höheren menschlichen Hand gegeben, der Zutritt nur gestattet, jeder Schritt auf dem Rasen, jedes Abpflücken auch nur eines Wiesenblümchens streng verboten war. So konnte einerseits das rechte Gefühl des Heimischen, der Zusammengehörigkeit nicht aufkommen, ein Gefühl, das der Kindheit und Jugend überaus natürlich und Bedürfnis ist. Auch war nirgends das freie Umherschweifeu in der freien ungezügelten Natur gewährt, und damit dem Geiste das unbeschränkte Sichgehenlasfen und die Bewunderung des Erhabenen und Wildüppigen entzogen, andrerseits kam man aus dem Gefühle der Abhängigkeit, aus dem Bewußtsein, die besten Gaben aus der Hand eines Mächtigen zu erhalten, nicht heraus. Schon hierin erkennt man das echt Patriarchalische, in welchem die Achtung gebietende Autorität überall vorhan-