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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-02-02 · Heft 5 (2.2.1869) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 5 (2.2.1869)
Date
1869-02-02
Page
Seite 98 (sequence 18)
Language
German
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98 da, und Erde und Himmel sind vor ihm verhüllt und erscheinen weiß und grau. So war es um die Zeit meiner Kindheit beschaffen. Aber der Vergleich hinkt doch; denn mit dem Geiste des Menschen ist es anders und mitten in dem Nebel der Vorstellungen und Ansichten steht er die Erde grün und den Himmel blau an, und Beide lächeln ihm freundlich zu, und er erblickt Blüthen und Früchte. Wer Alles nur so kennt, wie es sich um ihn zeigt, dem bringt es seine ungetrübten Freuden entgegen, und das Verlangen, daß es anders sei, oder doch anders werde, kommt ihm erst, wenn die Nebel sich heben und lichten, und die durchdringenden Sonnenstrahlen ihm verrathen, daß ein ganz anderer blauer Himmel dahinter ihn erwarten könnte. — Das war der patriarchalische Geist, der in Deutschland über den unruhigen Wassern noch schwebte, deren Anscbwellen und Wvgendrang sobald ansteigen sollten. Und doch war ich in einem Händchen, in einer Stadt geboren, wo die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts vielfach gewirkt hatte. Das Eigenthümliche, nicht Absonder.iche, das dort geschehen, rechtfertigt eine kurze Schilderung. Der anhaltische Staat, der jetzt eine herzogliche Einheit bildet, ein Glied des norddeutschen Bundes, war einige Zeit vor meiner Geburt <27. December Ibil) statt in vier, in drei souveräne Fürstenthümer getheilt; die Zerbster Linie, welcher die große russische Kaiserin Katharina 11. entsprossen, war ausgestorben, und ihr Ländchen von den drei andern getheilt worden. Unter diesen war Dessau nicht bloß dem Umfange, sondern auch dem Geiste nach, der darin gewaltet, das bedeutendste. Fürst Leopold, der alte Dessauer genannt, der Feldherr Friedrich Wilhelm I. von Preußen, hatte ihm bereits einen eigenthüinlichen Charakter aufgedrückt. Es war sein Hauptbestreben, alle größeren Güter seines Ländchens zu erwerben und zu Domänen zu machen. Wo er nur konnte, kaufte er die Herren ab, und diejenigen, welche widerstrebten, brachte er zwar nicht wie Jesabel den Raboth durch falsche Zeugen zum Tode, machte ihnen aber das Leben sauer, wobei kleine gewaltthätige Praktiken nicht ausgeschlossen blieben, so daß sie zuletzt vorzogen, den angebotenen, wenn auch schmalen Kaufpreis zu nehmen und davon zu ziehen. Rittergüter und Landadel, ja selbst größere Bauerngüter, gab es daher im Dessauifchen Lande langst nicht mehr, und wenn der Fürst hätte Die alten Landslände zusammenberufen wollen, so würde der Ständesaal leer geblieben sein, weil keine Berechtigte mehr da waren. Einigen Hofadel gab es zwar, aber er war uubegütert und lebte meist nur von den Spenden des Fürsten. Aber man glaube nur nicht, daß damit eine demokratische Neigung verbunden war, vielmehr war es nur der unbedingte Absolutismus, der in dem tapferen Haudegen steckte, und nichts als die gefügigsten Unterthanen dulden wollte. Die Legende sagt vielmehr, daß unter Leopold, der mehr bei seinem Regiments i z. B. in Halle) und in Berlin, als in seiner Residenz verweilte, das Land in gränzenlose Armuth und Entsittlichung verfallen, daß die Gaunerei ein beliebtes Handwerk im Dessauischen war, und je listiger sie vorging, desto weniger unfreundlich vom Fürsten angesehen wurde. Viele Anekdoten cursirten noch während meiner Kindheit im Munde der Leute, welche die etwas brutalen Witze des Fürsten und seinen Hang für List und Gewaltthat, obschon nicht gerade grausamer Art, bezeugten. Glücklicher Weise folgte ihm ein weiser und erleuchteter Fürst, Friedrich Franz, und zwar in einer lang dauernden Regierung, die ihr fünfzigjähriges Jubiläum überlebte. Er war der Gegensatz des alten Dessauers, trug nur seine Hosuniform, und war den Künsten des Friedens und dem Geiste der Humanität seiner Zeit mit ganzer Seele ergeben. Fast sechs Jahre lebte ich noch unter seiner Regierung, aber von seiner Persönlichkeit habe ich keine Vorstellung. Nur von seinem Leichenzuge habe ich noch eine schwache Erinnerung, als dieser, nach damaliger Sitte, im Dunkel des Abends, von Hunderten von Fackeln begleitet, durch die Straße ging, in welcher wir wohnten. Der müde Knabe, den nur die Erwartung wach erhalten, blickte das ungewöhnliche Schauspiel mit Verwunderung an, dessen Bedeutung ihm nur halbbewußt war, dessen stille Majestät doch aber einen tiefen Eindruck machte. — Durch das Wirken des alten Leopold war die ganze Macht und das ganze Vermögen des Landes in der Hand seines weisen Nachfolgers vereinigt, und sein Streben nach hohem Ziele brachte mit der Zeit große Veränderungen in dem Ländchen hervor, wie nicht viele Deutsche Staaten, namentlich die kleineren, aufzuweisen hatten. Ich will nicht leugnen, daß der Fürst nicht gerade einen genialen Geist besaß, daß er persönlich seine sittlichen Fehler hatte, daß er in seinen Arbeiten und Werken nicht mancherlei Jrrthümer beging — aber dies alles schwindet vor der Humanität seines Geistes, vor der Liebe für Kunst und Bildung, vor dem edlen Geschmack, den er bewährte, vor der Opferwilligkeit, mit der er seine schönen Zwecke verfolgte. Es versteht sich, daß ich hier das Leben und Wirken dieses edlen deutschen Fürsten nicht verfolgen will, sondern nur die Zustände zeichnen mag, deren Bild aus meiner Kindheit sich mir eingeprägt hat. Wer aus den benachbarten Ländern die Gränzen unseres Duodezstaates überschritt, dem mußte es sich sofort bemerklich machen, daß hier Arbeit und Kunst, Nutzen und Geschmack Hand in Hand gingen, und überall ein verschönernder und veredelnder Sinn Anmuth und Reiz ausgebreitet hatte. Das Land war an sich durch Nichts ausgezeichnet; es besaß theils fruchtbaren Lehm-, theils wenig ergiebigen Sandboden; die Ebene ward durch keine Höhenzüge unterbrochen; war jedoch reichlich bewässert, da die Elbe ihren breiten Strom hindurchführte und die Mulde in sich aufnahm, und hier und da ein kleiner See seinen klaren Spiegel zeigte. Aber der Kunstsinn und die Ausdauer des Fürsten hatte das ganze Land zu einem schönen Parke gemacht. Die Waldungen waren gepflegt und wohl bestanden, dichtere Föhrenwälder im Sandboden, lichte Eichenwälder mit grünem Rasenteppich wischen

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