Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1869)
- Date
- 1869-02-02
- Page
- Seite 97 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -cs Zudc«thvms. Fmilletm-Lrllage M Ar. 5. Leipzig, den 2. Februar 1869. Erinnerungen. Von Dr. L. PH. II. Die große Umwandlung, welche während meiner verflossenen Lebenszeit ich spreche besonders von Deutschland — vor sich gegangen, kann ich kurz als den Uebergang bezeichnen aus dem naiv-patriarchalischen Geiste bis zu dem klaren scharfen Bewußtsein im politischen, socialen und religiösen Leben, in der Wissenschaft und Aesthetik, zu dem unsere Zeit gelangt ist. Es wird dies schon im Allgemeinen einleuchten, aber es wird sich noch deutlicher ergeben, wie ich es verstehe. Es war ein schwerer Kampf, der ohne mancherlei Jrrthümer und Fehlgriffe durchzufechten unmöglich war. Doch das wird sich ja in den einzelnen Zügen besser erkennen lassen. Dennoch muß ich noch einige allgemeine Bemerkungen voranschicken. Die französische Revolution von 1789 hatte — was die übergroße Masse des Volkes betrifft, den Rhein nicht überschritten. Nehmen wir einzelne Geister aus, so hatte sie die deutsche Welt nicht beeinflußt. Denn was selbst in jenen Einzelnen die Verkündigung der Menschenrechte und die faktischen Erfolge der Revolution während ihrer ersten Phase an Bewegung und Theilnahme hervorgerufeu, das entwich schnell vor den Schrecken des darauf gefolgten Terrorismus. Nach jetzt beliebter Weise würde man sagen, die französische Revolution von 1789 gehörte nur den romanischen Völkern an, Alles was germanisch, blieb vor ihr abgeschlossen. Denn^vorzugsweise fand sie in Frankreich und Italien ihre Stätte, kaum noch in Spanien, Portugal und in Belgien einen Wiederhall, während sie in den germanischen Ländern, in Deutschland, der Schweiz, Holland nur mit Waffengewalt auftrat, England, Dänemark und Schweden nicht von ihr erschüttert wurden. Kehrte doch die Schweiz nach ihrer Befreiung schnell wieder zum Kantönligeist zurück, und selbst das linke Rheinufer verlöschte bald wieder die Spuren der französischen Herrschaft, wenn es auch den Code Napoleon festhielt. Selbst die liberalen Grundsätze, so weit sie notwendiger Weise mit den siegreichen Waffen Napoleons ihren Einzug hielten, konnten, wo sie früher I noch keinen Anklang gefunden, in der Schweiz und in! Deutschland keine Wurzeln fassen, und nicht bloß die Fürsten, sondern auch das Volk stteß sie schnell wieder von sich aus. Den deutlichsten Beweis führt die Behandlung der Juden. Was man auch sagen mag, die sogenannten Freiheitskriege 1813—1815 hatten bei den Fürsten wie bei dem Volke zu ihrer Zeit selbst keine andere Tendenz, als das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln; liberale und besonders konstitutionelle Einrichtungen zu fordern, mag in einzelnen aufgeklärten Geistern wohl als Ideal vorhanden gewesen sein, der Masse selbst der Gebildeten lag es noch fern, wenigstens im Innern Deutschlands. Die Deutschthümelei vor und in den zwanziger Jahren und der ganze romantische Geist, der diese Periode beherrschte, zeugen für meine Ansicht. Man mißverstehe mich nicht. Ich halte den Spruch: „Die Todten reiten schnell" für sehr wahr — aber es wird von liberaler Seite allzu oft darin gefehlt, daß man bereits für todt hält, was schon altersschwach, aber noch von großer Zähigkeit ist. Der Druck, welchen die nach den Freiheitskriegen eingetreteue Reaction ausübre, die außerordentliche Beschränktheit, Impotenz und Brutalität, die sie bethätigte, förderten die Verbreitung freisinniger Ideen außerordentlich und beschleunigten die Vorbereitung in den Geistern. Sicher ist es, daß überhaupt die Aufklärung weit weniger und viel langsamer als Druck und Gewaltthätigkeit die große Masse zu freisinnigen Ansichten und zum Verlangen nach deren Verwirklichung führt. Die französische Nation, welche nach heftigen Revolutionen immer wieder dem Absolutismus in die Arme fiel, erhärtet dies zur Genüge; sie zeigt sich in ihrer Masse noch heute nicht aufgeklärt, aber ihre lebhaftere Natur erträgt den Druck weniger als andere Völker. Würde sich die Reaction gemäßigter zeigen und die Bedürfnisse ihrer Zeit beffer verstehen, so könnte sie ihre Herrschaft weit länger ausdehnen und ungestörter im Besitze der Macht bleiben. Scheint es doch, daß sie tn der gegenwärtigen Zeit dies mehr erkannt hat und danach zu verfahren sich anschickt. Die englischen Torys hatten diese Einsicht längst. Wenn am Morgen der weiße Nebel dicht auf der Erde lagert, und die Strahlen des Tagesgestirns beginnen in ihn hineinzufallen, so erhebt er sich langsam und wird weniger dicht und allmälig heller. Aber er ist doch noch