Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-02-02 · Heft 5 (2.2.1869) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 5 (2.2.1869)
Date
1869-02-02
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226696--26869-3262423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

90 Drittens führte sie denselben durch seine Thätigkeit als Mohel in die Familien der Gemeinde ein, die ihm auch deshalb eine innige Zuneigung bewahrten. Der Hingeschiedene habe in seiner 43jährigen Thätigkeit das religiöse Wohl der Gemeinde zu fördern sich bemüht und das Glück genossen, dafür die Anerkennung derselben zu besitzen und selbst vom Throne durch die Verleihung des Adlerordens bei Gelegenheit seines 70. Geburtstages ausgezeichnet zu werden. Ein inniges Gebet beschloß die Gedächtnißrede, die einen ergreifenden, weihevollen Eindruck zurückließ. Unter den Trauertönen des Chors wurde darauf der Sarg aus der Synagoge getragen und unter einem unabsehbaren Gefolge nach dem Gottesacker geleitet. In der Halle desselben sprach Dr. Apolant, Lehrer an der Gemeindetöchterschule, noch einmal über die Verdienste des Todten; ein Mitglied des Begräbnißvcreins recitirte das Zadok - Hadin, und der Sarg wurde in das Grab gesenkt. — Das Leben des Verewigten war reich an Kümmerniß, aber in den letzteren Jahren auch reich an Erhebung und Freude. Friede seiner Asche! Zum Schlüsse sei mir gestattet, mit ein Paar Worten auf einen Umstand zurückzukommen, den ich nun schon zum dritten Mal mit angesehen und der jedesmal mit tiefem Unwillen, ja ich will das rechte Wort gebrauchen, mit tiefer Beschämung mich erfüllte. Ich meine die Art des Geleites, welche den beiden voraufgcgangenen Berliner Rabbinen zu Theil wurde und die sich heute wiederholte. Ich kann mir wohl denken, daß ein so großes Gefolge, wie es alle drei mal stattfand, nicht leicht zu rangiren ist; ich sage mir ferner, daß Jeder, der sich einem solchen Zuge anschließt, selbst den nöthigen Sinn für die entsprechende Haltung, Ordnung und Würde mitbringen muß. Aber ich habe doch kein Verständniß für die vollständige fehlende Sorgfalt an maßgebender Stelle in der Gemeinde, um in den beregten Fällen dasjenige auch nur annähernd zu erreichen, was der Bedeutung des Vorganges entspricht. Wie verschieden davon ist der Eindruck, welchen das zahlreichste Gefolge bei christlichen Begräbnissen macht! Und wie ging's nun erst vor der Synagoge lä est vor dem Trauerhause her! Polizei, Konstabler machen es nicht und sind, wo es sich um die Theilnahme an einem derartigen Traueract handelt, kein gut gewähltes Requisit, Ordnung zu halten. Da hätten nicht die Thüren draußen und drinnen an der Synagoge verschlossen sein sollen, da hätte Alles, was zu geschehen hatte, früher geschehen sollen: dann hätte die Synagoge sich ohne Störung gefüllt, wer drinnen keinen Platz fand, hätte sich draußen ruhig verhalten, und das Ansehen des Platzes vor dem Gotteshause und vor .dem Trauerhause hätte mehr Dem entsprochen, um was es sich handelte, als dem geraden Gegentheile davon. Memel, 18. Januar. (Privatmitth.) Neben dem Gabenverzeichnisse, welches wir direct an die Expedition der Zeit. d. Jud. haben gelangen lassen, glauben wir den verehrl. Spendern auch einen Bericht über den Stand der Dinge unter den nothleidenden Glaubensbrüdern in Rußland schuldig zu sein, welchen wir hiermit für den Redactionstheil Ihres geschätzten Blattes Ihnen übersenden.- Vier Wochen sind etwa vergangen, seitdem wir den ersten Ruf zur Unterstützung der der Calamität erliegenden Glaubensbrüder haben ergehen lassen, seitdem haben Noth und Krankheit in erschrecklichem Maße zugenommen, so daß es gar keinem Zweifel unterworfen ist, daß das Mißgeschick in diesem Jahre einen viel bedenklicheren Grad erreicht hat als im verflossenen. Als das lang in den Gliedern nachgetragene Nebel im verflossenen Jahre plötzlich losbrach, da hatte Jeder noch ein Restchen physische Kraft und pecuniäre Stütze um dem Nebel noch eine zeitlang zu widerstehen. Gänzlicher Nahrungs- und Ernährungsmangel haben aber in diesem Jahr eine jede Kraft und jede Stütze gebrochen. Ganze und sehr viele jüdische Städte nähren sich von der Anbereitung und dem Handel des Flachses, der in diesem Jahre gänzlich mißrathen ist. Ganze Städte, an und für sich schon vollkommen verarmt, wissen nicht was zu thun und wovon zu leben; dieses beispielsweise — und so scheint sich Alles — Mißwachs, allgemeine Geschäftslosigkeit, Grenzsperre, schlechtes Wetter, welches jeden Verkehr hemmt, ein Staats- und Steuerdruck sonder gleichen — zum Untergange der Unglücklichen verschworen zu haben. Die Allerärmsten behelfen sich mit den elendesten Speisen, Krautstrünken, Kohlrüben-und Kartosfelschalen, und nur selten wird ihnen das Glück eines Stückchen Brodes zu Theil, das für unseren Gaumen ein borror naturalis wäre. Durch ein solches Leben, vielleicht durch das fortwährende Regenwetter jetzt im Winter, woran die russische Körper-Constitution nicht gewöhnt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.