Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1869)
- Date
- 1869-02-02
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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86 genden Opfer bedürfe, um sie zu ersetzen, war nichts als eine kasuistische Consequenz, welche der innerlichen Wahrheit entbehrte, da die Propheten und h. Sänger schon viele Jahrhunderte vorher die cultuelle Nothwendigkeit der Opfer auf's Nachdrücklichste verneint hatten. Die Folgerungen sind leicht zu ziehen. In den Rückblicken aus die große geschichtliche Vergangenheit unseres Glaubens und Volkes, die unserem Gottesdienste nicht fehlen dürfen, ist die Erwähnung auch des früheren Opfercultus vollberechtigt, und z. B. die Schilderung der Opferhandlungen am Versöhnungstage im Muffaphgebete dieses höchsten Festes ganz am Platze. Aber die Aufzählung der Opfer als nothwendiger Ersatz für die Opfer, so wie das Beten um Wiederherstellung des blutigen Opfercultus sind unstatthaft, weil sie den Aussprüchen der Propheten und heiligen Sänger und unserem eigenen Bewußtsein widersprechen.- Kehren wir nun noch mit Wenigem zu der Broschüre des Herrn Di-. I oel zurück, von welcher wir ausgegangen. Das Auskunftsmittel, welches Joel angiebt, ist: „Da die streitigen Punkte ihren Ausdruck gefunden haben, vorzugsweise in den Theilen des Achtzehn-, resp. Sieben- und Neungebetes, die gesetzlich sich in das stille Gebet verlegen lassen is. oben,, so könnte die alte Lesart neben eine neu zu fertigende gesetzt werden, damit Jeder die Formel spreche, die seiner Ueberzeugung angemessen." Er beruft sich dabei auf den Gebrauch bei spanischen Juden, das Minchagebet in dieser Weise das ganze Jahr hindurch zu sprechen. Für die Fälle, wo dies nicht konvenire, schlägt er einige Textänderungen vor, die wir in dem Schriftchen selbst nachzulesen bitten. Schließlich erklärt sich Joel für die Einführung der Orgel. Pest, 21. Januar. Der ungarisch-israelitische Congreß. V.*) Da in den abgelaufenen 14 Tagen das Pester Eomitat seine vierteljährige Eongegration abgehalten, mußte der Congreß den Comitatssaal räumen und konnte in der bezeichneten Frist keine öffentliche Sitzung stattfinden. Dieser Zufall kam ganz erwünscht, da die entsendeten *) Bon einem andern Correspondenten. Redaktion. Commissionen dadurch Zeit gewonnen hatten, ungestört an ihre Arbeit zu gehen, um bis zur Wiederaufnahme der öffentlichen Sitzungen dem Plenum ein Substrat vorlegen zu können. Auch uns ist durch diesen Umstand Zeit und Raum gegönnt, über diese Thätigkeit der verschiedenen Commissionen zu berichten und auch ein wenig Umschau zu halten über die verschiedenen, herrschenden Meinungen, die sich über dieses Parlament en miniature in der letzten Zeit kundgegeben haben. Allgemein ist die Mißbilligung darüber, daß die Arbeiten über die Formalien so in die Länge gezogen wurden und daß sich die Herren so sehr darin gefallen, hier Kleinparlament zu spielen. Die meiste Schuld daran trägt aber der Herr Cultusminister, Baron Eötvös selbst, der dem Congresse eine solch' minutiöse Haus¬ und Geschäftsordnung übergeben, die aus nicht weniger als 97 §§. besteht und eben demzufolge bisher zu den meisten Protesten und langwierigen Debatten über die Interpretation des einen oder des anderen Paragraphs Anlaß gegeben, wenn auch dieselben von einer Seite ausgingen, die darin nichts Anderes, als die Verschleppung und Jndielängeziehung der Arbeiten sucht. Als Beleg für die Wahrheit dieser Angaben könnte einerseits der in der heutigen Sitzung eingebrachte Antrag dienen, der die Commissionen präsivialiter zur Beschleunigung ihrer Arbeiten aufgefordert wissen will und zwar in Anbetracht der kostbaren Zeit und des — kostbaren Geldes; andrerseits aber auch die Aengstlichkeit über den Kostenpunct, dem der Präsident ebenfalls in der heutigen Sitzung Ausdruck gegeben, als er diese Frage als eine solche bezeichnete, die auf lange Zeit hinaus zu „Discuffionen und Kritisirungen" in den verschiedenen Wahlbezirken Anlaß geben wird. Ja wohl! Diese „Kritisirungen" haben gar nicht lange auf sich warten lassen, gleich nach Bekanntwerden des ersten Budgets wurden sie laut. Der Congreß verschlingt täglich 1500 Gulden, bis heute also 62000 Gulden, bei solchen Summen mag wohl die Gemüthlichkeit aufhören! Noch größer und allgemeiner ist die Mißbilligung darüber, daß ein Theil und zwar ein sehr beträchtlicher Theil der Fortschrittspartei so offenkundig mit den Orthodoxen liebäugelt, ihnen alle möglichen Concessionen macht und was wird das Ende vom Liede sein? Die Arbeiten werden eben durch diese Concessionen einseiüg und verdorben werden, die Orthodoxen werden sich in's Fäustchen lachen, und nachdem sie die Arbeiten der Fortschrittspartei verdorben geholfen, werden sie mit einem