Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1869)
- Date
- 1869-02-02
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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85 Musik, gepflegt in den bereits entstandenen Prophetenschulen, entsprang die Psalmendichtung, ein Zeugniß der veränderten Geistesrichtung und wiederum diese mächtig fördernd. Je mehr aber hiermit das unmittelbare Verständniß und darum auch die Wirksamkeit der Symbolik sich minderte und fast aufhörte, desto fühlbarer machte sich das Bedürfniß, mit dem Opfercultus Gebet und Musik zu verbinden, und diese Vereinigung der drei Cultformen bestand nunmehr ein Jahrtausend lang, bis der Opfercultus durch die Zerstörung des Tempels aufhörte. Es ist nicht zu übersehen, daß gerade mit der Fixirung der Cultusstätte durch den festen Tempel auf Morijah diese Verbindung der drei Cultformen eintrat. Der Opfercultus war fortan nur eine feststehende Form der Gottesverehrung, welche nach wie vor das Gesammtverhältniß der Nation zur mosaischen Gotteslehre repräsentirte und als solche bestehen blieb. Je weniger sie aber hiermit den Inhalt und die Bewegung des religiösen Geistes in sich faßte, und je mehr der Mosaismus selbst seinen Schwerpunkt in der Gesinnung und im Ausdruck derselben durch die That und nunmehr auch durch das Wort hatte, je mehr endlich der Opfercultus als bloße Form zu Heuchelei und Aberglauben verleiten konnte: desto nachdrücklicher erhob sich, im Munde der Propheten selbst, eine Polemik gegen ihn, desto herrlicher entfaltete sich der Gebetcultus mit der Musik, desto größer und ausschließlicher ward die Bedeutung, die das Gebet in der Anschauung des Volkes und seiner geistigen Führer erhielt. Hatte doch auch der Opfercultus seinen ganzen Glanz und seine Wirksamkeit jetzt mehr dem mit ihm verbundenen Gebet- und Musikcultus, als sich selbst zu verdanken. Nichts destoweniger war es natürlich, daß im Laufe der Zeit sich der Gebetcultus auf die im Tempel und bei anderen Festlichkeiten, z. B. den Wallfahrten nach Jerusalem, gesungenen Psalmen und den zur freien Benutzung sich darbietenden anderen, mehr individuellen Psalmen nicht mehr beschränkte, sondern neben diesen auch zu einer bestimmten Gebetform drängte, welche einen, vom Opfercultus unabhängigen Gebetcultus in den neben den Tempeln entstehenden Synagogen begründe. Dies geschah während des zweiten Tempels und Theile desselben drangen auch nach den oben angeführten Notizen in Thamid in den Tempel selbst ein. Dies war die Grundlage des noch heute bestehenden synagogalen und häuslichen Gebetcultus. — Als daher mit dem Falle des Tempels der Opfercultus aufhörte, so war dies von gar keinem Einflüsse mehr. Es sank nur eine alte Form zusammen, die längst lebensvolleren Formen, welche einer neuen großartigen Entwickelung entgegengingen, Raum gegeben hatte und ihnen nunmehr ihren Platz überließ. Allerdings war der lebendige Geist, welcher die Psalmendichtung hervorgebracht, erloschen, und die einzelnen religiösen Dichter, die später noch erstanden, waren nur vereinzelte Nachahmer, die keinen Einfluß aus die Gesammtheit übten. Dahingegen entwickelte sich jetzt jene prosaische Gebetform, welche neben dem Opfercultus und der Psalmendichtung begonnen hatte, in breiterer Form, bis sie zu einem vollständigen Gebetbuche geworden. Aber der Geist erwacht in einer kräftigen Nation immer wieder von Neuem, und rief vom neunten Jahrhundert der gew. Zeitr. an, wie ehemals neben dem Opfercultus die Psalmendichtung, so jetzt neben dem bestehenden Gebetcultus die Piutim hervor, und schaffte diesen Erzeugnissen eines wenig gebildeten, wenn auch gelehrten, unruhigen, ja regellosen Geistes Eingang in den Gebetcultus. Kehren wir jedoch zu unserem Gegenstände zurück. Auch die Talmudisten erklärten später, daß die Gebete an die Stelle der Opfer getreten seien. Die Einen verstanden dies so, 'daß die Gebete an kultuellem Werthe den früheren Opfern gleich ständen; ja der Eine und der Andere erhob sich sogar zu der Ansicht, daß das Gebet höher stehe als das Opfer. Hiermit hatten sie aber nichts Neues gesagt, und wir hatten längst eine höhere Autorität als sie für diese Meinung, nämlich, wie wir gesehen haben, die h. Sänger, die mp '•ans, die vom mpn rvn inspirirt waren. Die Anderen verstanden es aber so, daß, wenn die Gesetzesstellen über die darzubringenden Opfer nur repetirt würden, so stände dies mit dem Darbringen der Opfer selbst gleich.*) Diese Behauptung war ein Ausfluß des juridischen Princips, das die Seele der talmudischen Halacha bildet; aber sie stellte nur die Form einer Form auf, und stand im Widerspruch mit den Propheten und heiligen Sängern, welche längst dem Opfer jede cultuelle unbedingte Nothwendigkeit ab-, und die volle cultuelle Bedeutung hinsichtlich aller gottesdienstlichen Momente dem Gebete zugesprochen hatten. Nach dieser großartigen Psalmendichtung, nach der darin gegebenen inhaltlichen und ausdrücklichen Verherrlichnng des Gebetes, nach der darin ausgesprochenen religiösen Anschauung nachmals zu behaupten, daß es des Repetirens der Arten und Zahlen der darzubrin- *) Vgl. Maimon. Hilch. Theph. I, 5.