Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1869)
- Date
- 1869-01-26
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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65 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 24. Deccmber. Wir wissen, wie oft die jüdischen Eltern in Verlegenheit sind, wenn sie ihren Kindern besonders in dem empfänglichen Alter vom 10. —15. Jahre Jugendschriften in die Hände geben wollen. Der specifisch jüdischen Jugend gicbt es nur wenige, und das Gebiet, welches sie zu bearbeiten haben, ist ein beschränktes, über das die Jugend doch auch hinausgeführt werden muß. Die große Mehrzahl anderer Kinder- und Jugendschristen aber nimint mehr oder weniger einen specifisch christlichen Character an und insinuirt der Jngend die christlichen Glaubenslehren, was wir ihnen nicht verdenken, was sie uns aber für unsere Kinder unbrauchbar macht. Sticht selten mischt sich auch darin eine Verhöhnung der Juden ein, wenn der Autor einen Prügelknaben oder Popanz braucht. Mit Vergnügen machen wir daher auf drei uns von Berlin aus dem Verlage von Hugo Kästner zugesandte und von Ferdinand Schmidt verfaßte Bücher aufmerksam, welche in der That in wahrhaft humanem Geiste, im reinsten flüssigsten Deutsch, bildend und veredelnd für den Geist der Jugend geschrieben sind: „Benjamin Franklin. Ein Lebensbild für Jung und Alt." „Die Nibelungen. Eine Heldendichtung. Für Jung und Alt erzählt von Ferdinand Schmidt. Vierte Auflage." „Homer's Odyssee. Für die Jugend bearbeitet von Ferdinand Schmidt." — In diesen Tagen kam uns der Prospect einer Uebersetzung von Dante's Hölle, des ersten THeils der göttlichen Komödie in hebräischer Sprache von l)r. S. Formiggini zu. Wir haben Gelegenheit genommen, schon öfter unsere Abneigung gegen die Gewalt auszusprechen, welche man der hebräischen Sprache mit Uebertragung von, ihrem Geiste und Character fremdartigen neueren Dichtungen, wie z. B. Goethe's Faust anthut. Roch weniger halten wir es für angemessen, den durch und durch christlichen Dichter Dante, dessen christliche Anschauungen sich in jeder Stanze kundthun, in's Hebräische zu übertragen. Wir glauben nicht, daß der Uebersetzer diesen Einwand durch die Worte seiner Vorrede entkräftigt: „Dante Alighieri gehört als Dichter der ganzen Menschheit an — er war ihr Prophet. Als Christ geboren, war die Ausführung christlicher Anschauungsweisen ihm eine natürliche. Wo aber seine Gedanken den höchsten Schwung erreichen, wo sie am tiefsten sind, da gehören sie nicht Einer Religion,- da gehören sie Allen an." Der Uebersetzer beantwortet die Frage: für wen er seine Arbeit thut? mit der gewohnten Antwort: für die polnischen, russischen und orientalischen Juden, die keine andere neue Sprache verstehen. Denen ist aber wohl kaum mit der Uebersetzung eines so durch und durch christlichen Gedichtes ein wirklicher Dienst geleistet, und werden sie für ein so mühevolles Werk dem Unternehmer keinen Dank wissen. Es schadet wirklich nichts, wenn man diesen Leuten Zeit läßt, Dante kennen zu lernen, bis sie eine moderne Sprache verstehen. — Soeben sind uns zwei jüngste Erzeugnisse der Pariser Presse zugekommen, auf die wir bald zurückkommen werden. „Dix-huit sihcles de prdjuges chrdtiens par Leon Hollaendcr. Paris, Michel Levy, freres 1869.“ La justice de Dieu, introduction ä l’histoire des Judeo-Chretiens par Hippolyte Rodrigues. Paris, Michel Levy, freres 1869.“ Königsberg in Pr., i. Jan. (Musikalisches.) Wenn wohl durchschnittlich bei jeder religiösen Feierlichkeit der musikalische Theil des Gottesdienstes als ein nothwendiger erkannt ist, und zugleich die Klagen, daß diesem so wichtigen Theil des Cultus leider zu wenig Pflege geschenkt worden, als gerechte anerkannt werden müssen, so wird ein jedes Streben dankbar anzunehmen sein, welches einem drückenden Uebelstande Abhilfe zu verschaffen im Stande ist. Besonders war eine Besserung der musikalischen Zustände innerhalb der jüdischen Gemeinden um so dringender geboten, als Gesangskundigc für die Liturgie sich immer seltener finden, und von einer Ausführung polyphoner Sätze fast überall Abstand genommen werden mußte. Man darf deshalb mit Freuden jedes Unternehmen begrüßen, welches die Ausführung des musikalischen Gottesdienstes in die Gemeinde selbst legt, indem letztere sich nunmehr an dem Gesänge leicht ausführbarer und zugleich Herz und Geist erhebender Lieder betheiligt. - Zu diesem Zwecke hat Herr Musikdirector Lewandow ski eine Sammlung von 11 einstimmigen Gemeindeliedern veranstaltet, welche theils auf alten Melodien basiren, theils von dem genannten so vielfach bewährten Musiker neu componirt sind. Wenn ich nun auch persönlich nicht zu den Anhängern des in neuerer Zeit an mehreren Orten eingerichteten Reform-Gottesdienstes mit deutschen Gebeten und Orgelbegleitung gehöre, so muß ich doch, von dieser meiner individuellen Meinung abgesehen, cvnstatiren, daß