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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-26 · Heft 4 (26.1.1869) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 4 (26.1.1869)
Date
1869-01-26
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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68 spalten, zerfallen, schwankend uitb von heftigen Parteistreitigkeiten erschüttert zu sein. Mit der Zeit mußte daher das Bedürfniß erwachen, die großartige Entwickelung, in welche das Judenthum eingetreten, aus unübersehbarem Wirrsal, aus Zerfahrenheit und Zerfall heraus zu retten, und ohne Anwendung irgend einer Art von Zwang, ohne die Achtung vor jeder. aufrichtigen Meinung aus den Augen zu setzen, in ein Bett sicheren, bestimmten, geschichtlichen Fortlaufes zu bringen, und die Gestaltung der konkreten Erscheinung des Judenthums gewisser Regelung wieder theilhaftig zu machen. Man begriff bald, daß dies allein durch die Gemeinsamkeit, durch die Bereinigung geschehen könne. Der Einzelne, und wäre er von noch so vielem Geiste und Eifer beseelt, vermag hier nichts als vorzubereiten. Eine wirkliche Besserung und Hebung der Zustände ist nur durch die Verbindung Vieler zu Stande zu bringen, und diese allein kann eine billige und angemessene Autorität erlangen. Versuche, zu diesem Ziele zu kommen, blieben nicht aus. Es traten vor fast 25 Jahren Rabbiner-Versammlungen auf, welche die Regelung der vorhandenen Bestrebungen nach Neugestaltung unternahmen. Theils aber die Neuheit dieser Erscheinung und die noch geringere Allgemeinheit des Bedürfnisses, theils die bald darauf eingetretenen politischen und socialen Stürme und die diesen folgende Reaction machten den Einfluß und die Wirksamkeit jener Versammlungen geringfügig, um so mehr als sie deren Fortgang abbrachen und deren Entwickelung verhinderten. Jetzt aber nach dem weiteren Verlauf eines Vierteljahrhunderts drängte sich die Nothwendigkeit, im Judenthume, soweit dies den umgestalteten Einfluß der Zeit erfahren hat, zu einer sicheren Gemeinsamkeit wieder zurückzugelangen von Neuem auf, und macht sich allen denen, welchen die Erhaltung des Judenthums wahrhaft an: Herzen liegt, in einer unumgänglichen Weise fühlbar. Am 11. 12. und 13. August vor. Jahres trat daher eine Anzahl Rabbiner aus allen Theilen Deutschlands und der Schweiz zu Cassel zusammen, um über die gegenwärtige Lage des Judenthums zu berathen. Dieselben erkannten, daß für die jetzigen Zustände im Judenthume die einzige Möglichkeit der Hebung und Verbesserung in der Schöpfung einer Vereinigung der besten und wohlgesinntesten tüchtigsten Kräfte bestehe, daß aber eine solche Vereinigung nicht in dem Zusammentritt und den Beschlüssen einer kleineren oder größeren Zahl von Rabbinen gesunden werden könne, sondern durch den Hinzutritt von dMJudenthums kundigen jüd. Gelehrten und vor Allem von Vertretern der Gemeinden selbst gebildet werden müsse. Es handelt sich hier nicht bloß um theoretische und wissenschaftliche Erörterung, sondern um Fragen des wirklichen Lebens unter dem Einflüsse des religiösen Geistes, sowie um die Verwirklichung dessen, was sich aus gewissenhafter Prüfung ergiebt. Dies kann aber nicht allein durch den mehr oder weniger einseitigen Fachmann gefunden, erkannt und ausgeführt werden, sondern durch dessen Vereinigung mit Männern des practischen Lebens, die aus der Verwaltung ihrer Gemeinden deren Bedürfnisse und Tendenz unmittelbar erfahren haben. Die Versammlung zu Cassel beschloß daher einstimmig: 1. eine Synodalversammlung aus Rabbinen, jüdischen Gelehrten und Vertretern der Gemeinden, welche diese letzteren zu diesem Zwecke entsenden, zu berufen; 2. Commissionen zu erwählen, welche aus den verschiedenen Gebieten deS Judenthums für die Synodalversammlung Anträge formuliren und in Denkschriften auseiuandersetzen und begründen sollen. Der ungarisch-israelitische Congreß. IV. Gegen den Congreß hat sich jetzt von radikal-reformistischer Seite ein lautes Kriegsgeschrei erhoben, und während bisher die orthodoxe Seite auf eine Spaltung in der ungarischen Judenheit drang, diese Forderung jetzt aber aufgegeben hat, erhebt sich derselbige Ruf jetzt von dem radikalen Extrem. Voraussichtlich hat dies noch geringeren Erfolg als der Parteiruf der Orthodoxen. Der Grund, der vorgebracht wird, ist ganz derselbe. Die Orthodoxen sagten, sie könnten sich ohne Trennung nicht vor den Eingriffen der Reformer schützen. Die Radikalen sagen jetzt, es könne ohne Trennung kein wirklicher Fortschritt vor sich gehen. Diese Leute, wenn sie es aufrichtig meinen, irren sich doch. Eine Trennung auf bestimmt formulirten Grundsätzen verbürgt durchaus keinen Fortschritt. Dieser findet allein in der Bildung und Entwickelung der Masse, also tu den Individuen von innen heraus statt. Bei einer Trennung würde aber die ungeheure Masse der in der Mitte schwankenden sich jenem radikalen Extrem durchaus 4*

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