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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-26 · Heft 4 (26.1.1869) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 4 (26.1.1869)
Date
1869-01-26
Page
Seite 62 (sequence 2)
Language
German
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62 meinen und wissenschaftlichen Bildung, endlich auch des öffentlichen Dienstes nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Humanität niedergerissen. Die Juden verließen mit Eifer das wirkliche und.das geistige Ghetto, in das man sie hineingezwängt, in welchem man sie -mit starrer Unduldsamkeit anderthalb Jahrtausende -.-'gehalten. > Es war dies kein Werk Einzelner, es war / das Werk her gesammten jüdischen Masse, die hiermit f ihre Fähigkeit und Würdigkeit und ihren Beruf be- I; - währte. i' Aber,es machten sich alsbald die Folgen dieser großen ''^WgHÄtuug unserer äußeren und inneren Verhältnisse nach der religiösen Seite hin fühlbar. Das materielle Leben brachte zahlreiche Confliete mit der strengen Observanz der bisherigen religiösen Satzungen, Ceremonien und Formen herbei, Consiiete, die mit dem außerordentlichen, nie dagewesenen Aufschwung der gesammten Industrie in allen ihren Zweigen sich mehrten und steigerten, und oft zu fast unüberwindlichen Schwierigkeiten wurden. Nicht minder brachte die wachsende Gemeinsamkeit an Umgang und Verkehr einen Widerstreit gegen manche bisherigen Sitten und Gebräuche, die sich immer mehr unter uns verbreitende Bildung eine Abwendung von bisherigen Gewohnheiten herbei, welche, da bei unseren Vätern Alles, was Sitte und Gebrauch war, einen religiösen Character besaß, für diesen Bedeutung hatte. Endlich, und dies ist von tiefgreifendster Wirkung, veränderte sich, bewußt und unbewußt, unter dem Einflüsse aller dieser Momente die innere religiöse Anschauung in steigendem Maße in den Bekenuern des Judeuthumö. Das talmudische Religionssystem geht von der Ansicht aus, daß alle religiösen Vorschriften und Satzungen bis in die kleinsten Details Nechtsforderungen an den Juden sind, die ihm eine unbedingte Verpflichtung ihrer strengsten Erfüllung auferlegen. Diese während der ganzen Periode unsrer Abgeschlossenheit unerschütterlich in den jüdischen Glaubensgenossen wurzelnde Anschauung gestaltete sich jetzt nach und nach in einer immer größeren Zähl von Individuen um. Es blieb in ihnen die unerschütterliche Ueberzeuguug von der Wahrheit der höchsten Lehren und der unveränderlichen Sittengesetze unserer Religion, die deshalb nimmer wankende Glaubenstreue, welche heute wie in der ganzen Vergangenheit alle Opfer im Thun und Dulden zu bringen bereit ist; aber die freie Bewegung und Entfaltung des Geistes und die geschichtliche Forschung ließen die Satzungen und Vorschriften nicht mehr als Rechtsverpflichtungen ansehen, sondern forderten, daß Alles, was das religiöse Leben betrifft, aus der inneren Gedanken- und Gefühlswelt, aus den religiösen Empfindungen, aus dem Gewissen des Menschen hervorgehen, von ihnen begriffen und erfüllt werden müsse. Unter der Herrschaft jener Conflikte und dieser veränderten Anschauung traten in natürlicher Folge viele Veränderungen im religiösen Leben der Juden ein. Eine große Zahl von Individuen wandte sich von der Beobachtung der jüdischen Satzungen und Ceremonien mehr oder weniger ab, Viele in einem Grade, daß dieselben für sie fast ganz erloschen und verschwanden. Einige Zeit später machte es sich in vielen Gemeinden fühlbar, daß der bisherige Gottesdienst der Richtung und den Bedürfnissen dieser neuen Culturperiode nicht ruehr entspreche, daß, wenn man auch den Grundstock und die Urelemente desselben als den Ausdruck der jüdischen Gesammtheit zu erhalten habe, dennoch viele seiner Bestandtheile theils überflüssig, theils unverständlich, theils veraltet und unbefriedigend seien, und aus jener veränderten Anschauung heraus, hielt man sich für gedrungen und berechtigt, den Cultus zu modisiciren. Zu diesem kamen aber auch auf anderen Gebieten, z. B. auf dem des jüdischen Eherechts, Unzukömmlichkeiten zmn Vorschein, welche mit den jetzigen Verhältnissen mannichfache Streitpuncte und drückende Situationen herbeiführten. Aus allen diesen Ursachen, die wiederum kein Erzeuguiß Einzelner, sondern die folgerichtigen Ergebnisse der neuen großen Epoche, der von Grund aus umgestalteten Verhältnisse der Juden waren, erfloß eine wachsende Zerfahrenheit unter den Bekenuern des Judenthums, soweit diese der civilisirten Welt angehören. Bei der äußeren Freiheit und Unabhängigkeit, deren sich die Juden in religiöser Beziehung erfreuten, gestaltete sich das religiöse Leben zuerst in den Individuen, dann auch in den Gemeinden in einer unabsehbaren Mannigfaltigkeit. Ein Jeder legte sich die religiöse Praxis nach seiner Weise zurecht und diesem Beispiele folgten die Gemeinden in ihren cultuellen Instituten. Ein buntes Gemisch und eine schrankenlose Willkür entsprangen hieraus. Unvermeidlich war es aber nun auch, daß aus diesen Conflicten Parteiungen sich gebaren, die innere Spaltungen hervorriefen, und an vielen Orten heftige Kämpfe weckten, wodurch die Lage des Judenthums noch verworrener und bedrohlicher wurde. Eine Religion der Minderheit, eine Religion zerstreuter kleiner Bruchtheile kann einer größeren Gefahr nicht ausgesetzt sein als innerlich ge-

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