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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-19 · Heft 3 (19.1.1869) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 3 (19.1.1869)
Date
1869-01-19
Page
Seite 59 (sequence 19)
Language
German
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59 thoS" eine Verspottung der Juden erblickten. Dies und der Umstand, daß die zahlreichen Feinde Heine's ihm bei jeder Gelegenheit den „Juden" vorwarfen, wofür Heine sehr empfindlich war, machte, daß sich auch Heine gegen die Juden sehr abschloß, was erst in seinen spateren Leidensjahren sich wieder minderte. — Wir werden nicht verfehlen, nach dem Erscheinen des letzten Theiles dieses Werkes auch über diesen zu referiren. Erinnerungen. Von vr. L. PH. I. Diejenigen Zeitgenossen, welche mit dem Jahrhundert oder mit dem ersten Jahrzehend desselben geboren worden, werden mir zustimmen, wenn ich sage, daß unsere verflossene Lebenszeit eine Epoche der Veränderung und Umgestaltung gewesen, wie sie selten in der Geschichte vorgekommen und sobald sich nicht wiederholen wird. Ich meine hiermit weniger die materiellen und äußerlich politischen Verhältnisse, als vielmehr alle culturhistorischen Momente, den ganzen Geist, der alle Adern des menschlichen Lebens durchdringt und erfüllt, ich meine das religiöse, politische, sociale, wissenschaftliche, überhaupt intellectuelle Leben. Wer hieran zweifelt, den bitte ich, meine weiteren Schilderungen und Auseinandersetzungen abzuwarten, um zu urtheilen, ob mir die Beweisführung gelungen sein wird. Deshalb halte ich es für rathsam und von großem Nutzen, daß diejenigen, welche mit sorgsamen und prüfenden Blicken mit der Gabe und Gelegenheit zu sorgfältigeren Beobachtungen durch das Leben gegangen, rechtzeitig ihre Erinnerungen aufzeichnen, weil aus solchen kleineren Gemälden, aus solchen Auffassungen des großen Ganzen innerhalb kleinerer Gebiete, sich dereinst der Charakter und die Züge der Gesammtheit mit größerer Sicherheit werden erkennen lassen, dereinst, wenn unsere Zeit zu den vergangenen gehört, wenn wir Alle, die mitgelebt und mitgekämpft, längst im Schoße der Erde ruhen werden. Und aus diesem Grunde will auch ich es versuchen, einige Schattenrisse aus meiner Vergangenheit zu zeichnen. Nicht daß ich die persönlichen Erlebnisse, die individuellen Beziehungen für so wichtig und bedeutend erachte, um sie dem Gedächtnisse zu übergeben. Das beabsichtige ich auch gar nicht. Es scheint mir vielmehr, daß jene nur da hervorzutreten und mitgetheilt zu werden verdienen, wo sich ein mehr oder weniger allgemeines Verhältniß daran knüpft oder an ihnen deutlich erkennbar macht. Um eine Selbstbiographie handelt es sich also nicht im Geringsten. Es giebt in jeder zeitgenössischen Welt eine Verschiedenheit, die gewöhnlich viel zu wenig beachtet wird. Wie in den südlichen Klimaten an demselben Baume Knospen, Blüthen und Früchte zu gleicher Zeit vorhanden sind, so besteht jede Gegenwart nach den drei Lebensaltern aus drei Gruppen: der Jugend, den Männern und dem Alter. Ihre Stellung zu einander ist sehr markirt. Die Männer beherrschen die Zeit, sie sind die Schaffenden und Wirkenden, die sich Verdienste erwarben, aber nur, um auf dem Boden derselben nach neuen zu streben, sie haben die bestimmende und entscheidende Stellung inne; die Jugend betrachten sie als etwas Werdendes, aber noch nicht Gewordenes, die Greise als etwas Gewesenes und nicht mehr Geltendes. Die Jugend sieht in den Männern zwar Gegenstände ihrer Achtung, glaubt aber in ihnen Hemmnisse ihrer Ansprüche zu finden, und fühlt in sich die Kraft, über jene hinauszugehen. Das Alter hingegen glaubt sich von jenen verdrängt und zurückgesetzt, fühlt die Verschiedenheit in Geist und Tendenz heraus, und schätzt diese in der Vergleichung mit dem von ihm Erstrebten und Erreichten als geringfügiger, ja als Verirrung. Die Jugend ist darum voll Verheißung für ihre eigene Zukunft, während das Alter die Vergangenheit lobt, mit der Gegenwart unzufrieden ist und von der Zukunft wenig erwartet, wenn nicht für sie fürchtet. Dies ist ein arger Zwiespalt, und giebt zu mancherlei Kämpfen Veranlassung, welche der guten Sache der Allgemeinheit eher schädlich als förderlich sind. Es läßt sich aber hieran nichts ändern, da es aus der natürlichen Lage hervorgeht. Für die richtige Beurtheilung des Ganges aller Dinge werden hierdurch viel Unklarheit, viele schiefe Ansichten geschaffen. Hierin kann daher nur der Einzelne für sich selbst nach einem besseren, nach einem unparteischen Standpunkte streben. Sucht er sich ein Herz für die Jugend zu bewahren und einen unbefangenen Blick für die Leistungen seiner Nachfolger zu erhalten, mit anderen Worten, gilt ihm die allgemeine Sache so viel, daß er seinen persönlichen Standpunkt darüber zu vergessen vermag: so wird sich ihm ein gesundes Urtheil, eine der Wahrheit nahekommende Anschauung von selbst vermitteln. Wir müssen uns hier immer vor die Seele führen, daß das Leben ein fortlaufendes, zusammenhängendes ist, und daß die Menschheit nur darin besteht, daß das Kind zum Jüngling, der Jüngling zum Manne und dieser zum Greise werde; daß es also unumgänglich ist, der Eine trete mit der Zeit an die Stelle des Anderen, und ihm geschieht, wie es seinem Vorgänger geschehen, der Augenblick ist nichts, sondern nur die Kette der Augenblicke, und darum ist wieder Augenblick Alles, aber nur als Glied jener Kette. Aus diesem Gesichtspunkte bemühe ich mich, die vergangenen Tage zu betrachten, als einen Ausfluß der früheren und als eine Vorbereitung zur folgenden Zeit. Da hat denn der Einzelne wirklich nur zu bedeuten, was er in seiner beschränkten Stellung geleistet, aber dies genügt auch, um ihm Würdigung und Anerkennung zuzusichern. Unsere Alten sagen schon, daß es Niemandem gegeben ist, abzuschließen. Und so muß auch Jedermann

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