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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-19 · Heft 3 (19.1.1869) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 3 (19.1.1869)
Date
1869-01-19
Page
Seite 58 (sequence 18)
Language
German
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58 sporne, welche die Reform ihrer Glaubensgenossen von einem großen politischen Gedanken aus hatten durchführen wollen, stießen auf taube Ohren, und als ihr Wert gescheitert war, ließen sich aus Unmuth und Verzweiflung Viele, ja die Meisten von ihnen, taufen. Die Hamburger Synagogenverbesserer trugen sich nicht mit so hochsliegenden Plänen, sondern beschränkten die von ihnen erstrebte Reform auf ein sehr bescheidenes Maß; eben deshalb aber fanden sie thätige Unterstützung, und erreichten, getreulich ausharrend, ihr Ziel. Heine freilich warf ihnen ängstliche Halbheit und verstockte Engherzigkeit vor, weil ihm das starre Betonen des religiösen Momentes als ein Hemmniß des Eintretens der Juden in das moderne Kulturleben erschien, er bewitzelte und bekrittelte, was als Uebergangsstufe praktisch vollständig berechtigt war, und gab dadurch selber beii Anlaß zu Reibereien der unerquicklichsten Art. Persiflierende Aeußerungen über den Hamburger Tempel und dessen Anhänger wurden dem Onkel Salomon ein Mal über das andere mit verschlimmernden Zusätzen hinterbracht, und statt gegen die Fälschungen und Verdrehungen seiner Aeußerungen zu protestiren, vermehrte Heinrich Heine das Aergerniß, indem er mit trotziger Eitelkeit die ihm schuldgegebenen Auslassungen das nächste Mal vor dem Onkel in Gegenwart der Ohrenbläser wiederholte, oder wohl gar durch noch krassere Ausdrücke überbot. Dadurch wurde natürlich Nichts gebessert, die Bezichtigung der Frivolität und Charakterlosigkeit verwundete um so schärfer, als die Taufe des Dichters eine nicht wegzudisputirende Handhabe zur Verdächtigung seiner Gesinnungen bot, und es bildete sich bei ihm ein mit den Jahren zunehmender Groll gegen Hamburg aus, der ihn nie wieder verlassen hat." Man sieht leicht, was hier gegenüberstand. Heine in seiner subjektiven und zugleich negativen Natur wollte alles Religiöse in irgend einer concreten Gestalt hinweg haben, um aus einem neuen menschlichen Urbrei zu erwartende spätere Hände einen neuen politisch-socialen Teig kneten zu lassen. Die liberalen Juden in Hamburg begriffen den Fortschritt nur als eine Entwickelung des Menschen, in welcher eine geklärte religiöse Ueberzeugung garnicht fehlen kann und darf. Jede negative Natur kann sich aber eher mit den verlebtesten und abgestorbensten Zuständen vertragen, weil sie in ihnen den Stoff zu Kampf und Vernichtung erblickt und vor sich hat, während der Fortschritt der Entwickelung jener einen kräftigen und berechtigten Widerstand darbietet. Höchst interessant stellt Strodtmann das Zusammentreffen Heines und Börne's — die sich später so bitter haßten — 1827 in Frankfurt aM. dar (S. 103): „Die politischen Ansichten Heine's und Börners begegneten sich 1827 in einem unbestimmten Liberalismus, der sich auf kein festes Programm verpflichtet hatte; unv wenn Letzterer in das reiche Lob, das er Ersterem spendete, auch damals schon den leisen Tadel einfließen ließ, daß der Verfasser der „Reisebilder" vom lieber HERR¬ GOTT mit zu wenig Reverenz, von Napoleon aber mit zu großer Ehrfurcht gesprochen, so stimmten Beide um so einwüthiger in dem Hasse gegen die Unterdrücker ihrer jüdischen Stammgenossen und in der Sympathie für die Abneigung derselben gegen die Taufe überein. Eine Wanderung durch das Judenquartier regt namentlich Börne zu den bittersten Bemerkungen über dies Thema an. „Betrachten Sie diese Gasse," sprach er seufzend, als die schwarzen Häuser ihre finsteren Schatten in sein Gemüth warfen, „und rühmen Sie mir alsdann das Mittelalter! Die Menschen sind todt, die hier gelebt und geweint haben, und können nicht widersprechen, wenn unsere verrückten Poeten und noch verrückteren Historiker, wenn Narren und Schälke von der alten Herrlichkeit ihre Entzückungen drucken lassen; aber wo die todten Menschen schweigen, da sprechen desto lauter die lebendigen Steine." Die jüdische Bevölkerung feierte in den Tagen, als Heine in Frankfurt verweilte, das achttägige Chanukkahfest zum Andenken an die Siege der Makkabäer über die Heere des Antiochus Epiphanes und an die Wiedereinwechung des Tempels durch Judas Makkabäus. „Sehen Sie," sagte Börne, als die Straße, welche bei Tage einen so düsteren Anblick bot, Abends auf's Fröhlichste von Jlluminationslampen erhellt war, „das ist der 18. Oktober der Juden, nur daß dieser makkabäische 18. Oktober mehr als zwei Jahrtausende alt ist und noch ilnmer gefeiert wird, statt daß der Leipziger 18. Oktober noch nicht das fünfzehnte Jahr erreicht hat und bereits in Vergessenheit gerathen. Die Deutschen sollten bei der alten Madame Rothschild in die Schule gehen, um Patriotismus zu lernen. Sehen Sie, hier in diesem Hause wohnt die alte Frau, die Lätitia, die so viele Finanz-Bonapartes geboren hat, die große Mutter aller Anleihen, die aber trotz der Weltherrschaft ihrer königlichen Söhne noch immer ihr kleines Stammschlößchen in der Judengasse nicht verlassen will, und heute wegen des großen Freudenfestes ihre Fenster mit weißen Vorhängen geziert hat. Wie vergnügt funkeln die Lämpchen, die sie mit eigenen Händen anzündete, um jenen Siegestag zu feiern, wo Judas Makkabäus und seine Brüder eben so tapfer und heldenmüthig das Vaterland befreiten, wie in unseren Tagen Friedrich Wilhelm, Alexander und Franz II." Da beide Männer bereits über die erste Jugend hinaus waren, so thut die warme Empfindung, die sich in Obigem ausspricht, immerhin wohl. Nur kommt es Einem sonderbar vor, hier zwei Männer zusammen zu sehen, welche sich haben taufen lassen und dabei die Glaubens- und Ueberzeugungstreue ihrer Stammesgenossen offenherzig bewundern. Bei dem späteren Aufenthalte Heine's in Hamburg, nach dem Erscheinen des dritten Bandes der Reisebilder, mieden, wie Wienbarg und Strodtmann erzählen, die Juden Heine, da sie ihm mit Recht seine Spöttereien auf den biblischen Namen Gottes nicht verziehen, und auch in den beiden Figuren „Gumpelino" und „Hirsch Hyazin-

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