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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-19 · Heft 3 (19.1.1869) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 3 (19.1.1869)
Date
1869-01-19
Page
Seite 60 (sequence 20)
Language
German
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60 darauf resigniren, eine unbedingte Geltung selbst nur für einen kleinen Zeitraum und für ein beschränktes Gebiet beanspruchen zu wollen. Man sicht hieraus, daß ich einem chronologischen Faden zu folgen nicht beabsichtige, vielmehr gedenke, irgend erue^größere Erscheinung in ihrem ganzen Verlaufe auf eiumckk^n betrachten. Was mir hierbei einigen Muth - ei^fVA, M, daß der Publicist vor dem Verfasser eines Buches^/K Bortheil voraus hat, aufhören zu können, wenn ^eknmrkt, daß er fehlgegriffen, daß er sich einen (Kegenstayd gewählt, der bei seinen Lesern keinen Anklasig findet, oder daß er ihn in einer Weise behandelt, die- Leck Zwecke nicht entspricht. Die Anzeichen dessen geben' sich ihm bald kund. Kleine Mittheilungen. Damaskus, im Dec. (^6>v. dir.) Es sind hier dreißig jüdische Familien aus der Gegend von Hamadan in Persien angelangt, welche berichteten, daß sie das persische Gebiet unter den größten Geldopfern verlassen haben. Sie waren ursprünglich viel zahlreicher, haben aber viele ihrer Genossen durch die Anfälle der Beduinen verloren. Ihre Erzählungen von dem Drucke, der auf den Israeliten ihrer Heimathsprovinz lastet, sind herzzerreißend. Leider ist hier Abhülfe kaum zu schaffen, da die persische Centralregierung in Teheran selbst bei bestem Willen zu schwach ist, in den entfernteren Provinzen ihren Befehlen Gehorsam zu verschaffen und der Fanatismus der persischen Mohammedaner ein sehr großer ist. Die unglücklichen Flüchtlinge werden in verschiedenen syrischen Städten untergebracht werden. Wir lesen im Osservatore: Eine junge Israelitin aus Böhmen verliebte sich in einen katholischen Jüngling, ging zu seiner Religion über und heirathete ihn. 33 Jahre lebte sie mit ihrem Gatten, befolgte aber inzwischen alle Gebräuche des Judenthums. Eines Tages kam ihr Sohn nach Hause mit ein ein Exemplare des neuen interconfessionellen Gesetzes in seiner Hand und rief aus: „Freue dich, Mutter, die Tage deines Kummers sind nun vorüber; du brauchst dein Gewissen nicht mehr zu belasten; das Gesetz, welches Gewissensfreiheit gewährt, ist veröffentlicht." Die Frau, jetzt 53 I. alt, die nicht weit von Triest wohnt, schrieb dem dortigen Oberrabbiner Tedeschi, um ihm anznkündigen, daß sie nach reiflicher Ueberlegung sich entschlossen habe, in den Schoß der Religion zurückzukehren, in der sie geboren und erzogen war. Begleitet von ihrem Gatten, kam sie dann selbst zu dem Rabbiner, und nach gehörigen Ermahnungen und gewöhnlichem Verhöre erklärte sie, in ihrem Entschlüsse zu beharren. Hierauf erfüllte sie auch die vom Gesetze geforderten bürgerlichen Formalitäten. Die religiöse Ceremonie ihrer Wiederaufnahme in die angestammte Religion fand an einem Sabbath, während des Morgengottesdienstes, statt. Der Oberrabbiner, der Vicerabbiner, viele andere angesehene Personen aus der Gemeinde und eine große Menge von sonstigen Glaubensgenossen hatten sich eingefunden. Die h. Lade wurde geöffnet. Bedeckt mit einem schwarzen Schleier, erschien die Dame vor den Stufen. Der Oberrabbiner richtete an sie die rituellen Fragen und die gewöhnlichen Ermahnungen, auf welche sie fest antwortete. Sie gab in deutscher Sprache eine Skizze ihres vergangenen Lebens, dankte herzlich ihrem Gatten für seine Toleranz und sprach unter Thränen und Seufzern die Bitte aus, in den Schoß ihrer angestammten Religion ausgenommen zu werden. Darauf übertrug der Oberrabbiner ihre Worte in's Italienische und verherrlichte in beredten Worten das Prinzip der Gewissensfreiheit. Er segnete die neuen Zeiten, die so 'freisinnige Institutionen erstehen sahen, und endigte seine Rede mit der Ermahnung an die Gemeinde, sich mit ihm zu folgendem Dankgebete zu vereinigen: „Gepriesen seiest Du, o Herr unser Gott, Gott des Weltalls, der uns lebendig erhalten und uns hat sehen lassen diese Zeilen." Die ganze Gemeinde wiederholte laut diesen Segensspruch. Erforderte darauf die Dame auf, die Stufen empor zu steigen, und dort, sagte sie, von Schluchzen und Thränen unterbrochen, die angemessenen Gebete her und erklärte dem Oberrabbiner feierlich ihre aufrichtige Rückkehr zu dem von ihr verlassenen Glauben. Er legte dann seine Hände auf ihr Haupt, segnete sie und nahm sie in die Gemeinde auf mit den Worten: „Möge Gott dich aufnehmen, unsere Schwester, wie wir dich aufnehmen mit wahrhafter Liebe. Möge Gott deine That belohnen, und mögest du vollen Entgelt erhalten von dem Herrn, dem Gott Israels, unter dessen Flügel du dich bergen willst <Ruth 2,12)." Sie wandte sich hierauf zur h. Lade und küßte die Thorarollen mit großer Inbrunst. Die Bewegung in der Gemeinde war allgemein und tief. So war der feierliche Act vollbracht. Die Dame, begleitet bis zu der Tempelthür, ging dann zu der Frauengallerie hinauf, wo sie bis zum Schluß des Gottesdienstes blieb. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von F. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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