Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1869)
- Date
- 1869-01-19
- Page
- Seite 57 (sequence 17)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. Femlleton-Leilage zu tlr. 3. Leipzig, den 19. Januar 1869. H. Heine von Strodtmann. Wir haben in Rr. 26—30 v. I. das biographische Werk Strodtmann'S über Heinrich Heine Bd. I. besprochen und auS ihm Auszüge gegeben, welche auf unserm Gebiete interessirten. Soeben ist die erste Hälfte des II. Bands erschienen, und befaßt den Zeitraum bis zur Ankunft Heine's in Paris am I.Mai 1831. Allerdings kommen hier nur wenige Momente zur Sprache, welche die Juden betreffen; nur Heine's spätere persönliche Berührungen mit Männern unseres Glaubens treten hervor und bezeichnen sein Verhältniß zu den Juden überhaupt. Die Arbeit Strodtmann'S ist auch in diesem Theile vorzüglich. Wir geben zu, daß er hier und da zu sehr in's Breite geht, seine Ausdrucksweise auch bisweiten zu bombastisch ist; aber sein Fleiß, seine Sorgfalt, seine Darstellnngsweise und vor Allem seine Unparteilichkeit verdienen alles Lob uno besten Dank. Für die Entwickelung der deutschen Verhältnisse in jener Zeit ist Strodtmann'S Werk nach allen Seiten hin belehrend und charakterisirend. Wir heben ganz besonders seine Unparteilichkeit hervor, weil diese bei einem Biographen höchst selten ist und sich hier mit der größten Bewunderung des genialen Talentes Heine's verbindet. Er verschweigt uns nichts, was Heine als Mensch und Charakter gerade nicht in einem günstigen Lichte sehen läßt. Heine war durch und durch eine subjektive Natur. Weder in der Idee, noch im Leben vermochte er sich einen Augenblick von seiner Persönlichkeit loszulösen, und selbst seine allgemeinen Betrachtungen gingen nur aus dem Reflex hervor, in welchem ihm seine eigene Person, von den allgemeinen Erscheinungen beleuchtet, sichtbar ward. Darum war er auch nur Lyriker, und größere Kunstschöpfungen blieben ihm versagt. In Allem, was uns Strodtmann über ihn berichtet, tritt seine Eitelkeit, seine Unzuverlässigkeit, sein Mangel an entschiedenem Charakter hervor. So wie er wider sein eigenes besseres Bewußtsein sich laufen ließ, in der Hoffnung eine Anstellung zu bekommen, so hätte er auch seine politische Ueberzeugung preisgegeben, wenn ihm eine Staatsversorgung verliehen worden wäre. Mehrfache Beweise liegen hierfür vor. Selbstverständlich würde er hiermit ebenso wenig antiliberal geworden sein, wie er Christ geworden, und schwerlich hätte er später seine Angriffe gegen alles Reaktionäre unterdrückt, wie er als Getaufter das Christenthum nicht verschont hat. Wir wollen nur einen charakteristischen Zug hervorheben. Der Zeitraum, den der vorliegende Halbband befaßt, ist durch die Reisebilder und das Buch der Lieder produktiv der reichste in Heine's Leben. Als der 3. Bd. der Reisebilder auch bei seinen Freunden viel Mißfallen erregte, weil er in einigen Partien desselben alles Maß des Schicklichen und Edlen übertrat, und daher seine Freunde Stillschweigen darüber beobachteten, sagte er seinem treuen Freunde Moser geradezu die Freundschaft auf; er habe ihn nicht verstanden und seine (Heine's) Freundschaft für Moser sei ein Jrrthum gewesen - was ihn freilich nicht hinderte, später den guten Moser immer wieder anpumpen zu wollen. Heine's Ansichten in politischer wie religiöser Beziehung waren rein negativer Art. Er wollte mit Allem tabula rasa machen, was aber dann an die Stelle zu setzen, das wußte er freilich nicht. Hierzu fand er nun die Menschen nicht geneigt, und er gerieth daher gegen Alles und Alle in bittere Stimmung. Dieser machte er in seiner Weise Luft, wie und wo er es vermochte. Seine vorzüglichste Waffe war der Humor, und je reicher sein Geist an diesem war, ohne daß ihm eine echte sittliche und ästhetische Entwickelung einen höheren Maßstab gewährte, desto weniger war es ihm möglich, einen Witz zu unterdrücken, welcher Art er auch sei. Dies bestimmt« auch sein späteres Verhältniß zu seinen Stammes- und früheren Glaubensgenossen. Strodtmann bringt hierüber bezeichnende Stellen heran. Es heißt (S. 11): „Fast mehr noch als von den Klatschereien der Verwandten, hatte er von den Anfeindungen der Tempel-Juden zu leiden, die ihm nicht blos seinen Religionswechsel verdachten, sondern ihm noch minder den Spott verzeihen konnten, mit welchem er sich hier und da über ihre Synagogenreform ausließ. Heine war in derselben Täuschung wie seine geistvollen Berliner Freunde befangen: er sah nicht ein, daß die große Masse der Juden nur durch ein vorsichtiges Schonen ihrer vererbten Sitte und Religion auf dem Wege langsamer Entwickelung für den Kulturfortschritt zu gewinnen fei. Die Berliner Heiß-