Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1869)
- Date
- 1869-01-19
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
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28 Berlin, 2. Januar. Ihre Maj. die Königin hat der um die hiesigen Volksküchen so sehr verdienten Frau Lina Morgenstern «jüdischen Glaubens, durch hübsche Gedichte und Erzählungen bekanntals Zeichen der allerhöchsten Werthschätzung und Anerkennung gemeinnützigen Slrebens eine goldene Broche mit bezüglicher Inschrift persönlich überreicht und dabei den Dank in der huldvollsten Weise ausgesprochen. Ihre Majestät ist bekanntlich Protectorin dieses dem Volkswohle gewidmeten, 18l>6 errichteten Instituts. Leipzig, 26. Dec. Man schreibt von hier: Nachdem nun endlich das neue Verfassungs- und Wahlgesetz vorliegt, ist es möglich, sich ein übersichtliches Bild von der künftigen Zusammensetzung unserer Landesvertretung zu machen. Vor Allem ist es zu erwähnen und als ein erfreulicher Fortschritt zu begrüßen, daß nicht mehr bloß „die Mitglieder der in Sachsen aufgenommenen christlichen Kirchengesellschaften," sondern alle Staatsangehörigen, welches Glaubens sie auch sind, gleiche bürgerliche und staatsbürgerliche Rechte genießen, folglich auch, wofern sie die sonstigen Eigenschaften dazu besitzen, eben sowohl Wähler als wählbar zum Landtage sind. Die Gleichstellung der Juden mit den Christen, die bisher nur erst auf dem engern Gebiete bürgerlichen Lebens stattfand, wird dadurch auf das allgemeine staatsbürgerliche oder politische ausgedehnt. Aus der Provinz Posen, 28. Dec. «Privatmitth.) In Betreff der in d. Bl. bezüglich der vielen Eheschließungen der Juden in Borek gerügten Umstände hat sich der Vorstand der Shnagogengcmeiude daselbst in einer Vorstellung an das Appellationsgericht zu Posen gewendet und um Abhülfe derselben gebeten. Das Appellationsgericht hat in Folge desseu die auch für weitere Kreise höchst wichtige Entscheidung getroffen, daß Anträge auf ein der Eheschließung vorangehendes Aufgebot nichtnothwendig der gerichtlichen Protocollform bedürfen, sondern auch schriftlich eingereicht werden können und jederzeit ausreichen werden, wenn dieselben vollständig befunden werden würden. Eine -veitere Vorstellung des Shnagogenvorstandes, die Führung der Civilstaudsregister der Gerichts-Commission in Kozmin abziinchmen und der Gerichtstags- Commission daselbst zu übertragen, hat das Appellationsgericht zur ressortmäßigen Prüfung und Entscheidung dem Kreisgerichte zu Krotoschin übertragen. I Hoffen wir, daß dieses den Ansprüchen der Antragsteller gerecht werde. Bloto an d. Weser, im Dec. (Privatmitth.) Am 14. d. feierte der Buchbindermeister Schlachter lein tüchtiger Talmudist' mit seiner Gattin die goldene Hochzeit unter großer Theilnahme nicht blos der jü rischen Gemeinde, sondern auch der ganzen Bevölkerung, welche dem Jubelpaare schöne Ehrengeschenke brachte und ein solennes Festessen bereitete. Der Lehrer Strauß hielt dabei eine ergreifende Festrede. O (st e r x c i ch t f ch e. r K a I f e r st a « L Wien, 23. December. Heute Bormittags um 11 Uhr hat eine Deputation des ungarischen israelitischen Congresses, bestehend aus zwanzig Abgeordneten, bei dem Kaiser Audienz genommen. Als Sprecher fungirte der zweite Vice-Präsident des Congresses, Herr Moriz Wahrmann. Er drückte namens der ungarischen Judenschaft Sr. Majestät den Dank für die Einberufung des Congresses aus — einer Versammlung, die in der Geschichte des parlamentarischen Lebens mit ihrem End siele der Regelung specifisch israelitischer Angelegenheiten einzig und allein dastehe in Europa.*) Herr Wahrmann sprach die Bitte aus, Se. Majestät möge von der unwandelbaren Treue und Ergebenheit der Israeliten Ungarns überzeugt sein. Nach Beendigung dieser Ansprache brach (die Deputation in ein dreimaliges begeistertes Eljen auf Se. Majestät aus. Der Kaiser betonte in seiner Antwort, daß er mit Vergnügen den Ausdruck der Treue und Ergebenheit annehme, versicherte sie seiner Huld nnd sprach die Hoffnung aus, es werde dem Congresse gelingen, in *) Diese Redensart treffen wir jetzt in Wort und Schrift bei unfern ungarischen Glaubensgenoffen sehr häufig; sie ist aber keine glückliche, weil sie keine wahre ist. Bei aller Würdigung der Bedeutung des Congresses, muß dieser sich doch erst durch seine Resultate dokumentiren, und würden im günstigsten Falle diese für die Juden des übrigen Europas doch nur einen mittelbaren Werth haben. Aber abgesehen hiervon vergißt man, daß es eine Notablenversammlung und einen Sauhedrin in Paris gegeben hat, welche Fragen von viel größerer Tragweite zu beantworten hatten, als der ungarischjüdische Congreß, und einen wirklichen Wendepunkt in der Geschichte der ganzen Judenheit bilden.