Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1869)
- Date
- 1869-01-19
- Page
- Seite 45 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226694--26820-3262372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
45 den begabtesten Völkern erworben habe, daß es neben den Griechen, Römern und Germanen ein erkornes Rüstzeug gewesen zur Erhebung der Menschheit über das vorgängliche Erdenleben. Wie einst Herder an der hebräischen Poesie darzüthun gesucht hat, daß die Geistesproducte des jüdischen Volkes, auch abgesehen von der religiösen Bedeutung, durch ihren eigensten Werth und ihre Gediegenheit nach Inhalt und Form den schönsten Schöpfungen aller Völker beigezählt werden dürfen, so waren wir bemüht, ohne Vorurtheile auf historische Zeugnisse hin ein Interesse zu erwecken für den Lebensgang und die Lebensgeschicke eines Volkes, das viel gelitten und viel geschaffen hat." — So spricht sich auch der „Rückblick und Schluß" S. 456 aus: „Von solcher Art war der geistige und religiöse Bildungsgang und das äußere Lebensgeschick eines Volkes, das berufen war unter den Leiden und Widerwärtigkeiten des Daseins das höchste Gut der Menschheit, die Gotteserke nntniß, in reinerer und erhabenerer Weise auszubilden als alle andern Völker des Älterthums, und den Erzeugnissen eines hochbefähigten Geistes und einer empfänglichen Natur, neben den dichterischen und künstlerischen Vorzügen, einen tieferen sittlichen und religiösen Gehalt einzuprägen. Ausgehend von der ehrfurchtsvollen Bewunderung der im Naturleben sich kund gebenden göttlichen Macht, gelangten die Hebräer durch die geistige Thätigkeit gottbegeisterter Männer frühe zu der Erkenntniß eines über der Natur und dem Erdenlebeu waltenden persönlichen, selbstbewußten Gottes, dessen Wesen und Eigenschaften sie im Laufe der Zeit immer geistiger ausbildeten. War ihnen Jehova anfangs nur der über den Wolken thronende Stammgott, neben dem auch die Götter anderer Völker eine, wenn auch viel untergeordnetere Existenz hatten, so gestaltete sich allmählig unter dem geistigen Ringen der Propheten und durch den feindlichen Gegensatz gegen den grausamen und lasciven Religionsdienst der Kananäer der Gottesbegriff zu einer solchen geistigen Höhe, zu einer solchen sittlichen Macht und persönlichen Klarheit, daß neben ihr alle Vorstellungen der Heidenwelt als nichtig und leer erscheinen." Der Verf. erkennt die „reine und erhabene Sittenlehre, die in Moses und den Propheten ihre Träger hat," an. Er sagt: „Nur in der Verwirklichung der höchsten Ideen, die in Gott wohnten, des Rechts, der Tugend, der Heiligkeit, konnte das Volk die Aufgabe seines irdischen Daseins lösen, das an die Erfüllung der göttlichen Gebote geknüpfte Erdenglück erlangen. Darum gestaltete sich sein häusliches und bürgerliches Leben reiner und edler als bei den meisten Völkern der alten Welt; die Ehe, das menschliche Abbild des Bundes mit Jehova, nahm immer mehr den Character einer heiligen und freiwilligen Verbindung zwischen Mann und Frau an; der Begriff der Heiligkeit, der sich von der gesummten Nation auf jedes einzelne Glied ausdehnte, stellte das menschliche Leben und die Persönlichkeit unter den Schutz der Gottheit und erzeugte ein Gefühl für Menschenrecht, zunächst in den Stammgenossen, dann auch im Fremdling." — Diese wohlwollende, ja innige Gesinnung bewährt der Verf. denn auch überall, besonders an jenen zweideutigen Punkten, wo die Handlungen der biblischen Helden und Männer nicht immer den reinsten Character bethätigen, und Haß und Spott daher häufig des Maßes kein Ende finden. Der Verf. sucht dann die Anklagen und die Rechtfertigungen mit einander abzuwägeu, um ein gerechtes Urtheil fällen zu können. Der Verfasser verfährt nun so, daß er zunächst die Länder und Völker bespricht, mit denen es die biblische Geschichte zu thun hat, dann die Berichte der Bibel reproducirt, und hierauf aus diesen „den historischen Kern herauszüschälen" fucht. Es ist bekannt, daß gegenwärtig zwei Extreme sich gegenüber stehen: auf der einen Seite gilt allein der Buchstabenglaube, uub verlangt die unbedingte Annahme jedes Wortes der Bibel im buchstäblichen Sinne; auf der anderen spricht die Kritik der Bibel alle historische Glaubwürdigkeit ab, erklärt Alles für Mythe, zerreißt namentlich den Pentateuch in hundert Stücke und — greift dann in inconsequeutester Weise irgend ein Wort, einen Ausdruck, ja eine Lesart oder Conjectur heraus und baut eine kühne Hypothese darauf. Zwischen beiden Gegensätzen läuft aber nicht blos eine Heerstraße, sondern mehrere; mehr nach rechts die supranaturalistische, welche zwar nicht die Geschichtserzählungen, wohl aber Lehre und Gesetz vom Gottesgeiste inspicirt hält; mehr nach links die rationalistische, welche alles Wunderbare abstreifen und natürlich erklären, den Inhalt aber als möglichst getreu annnehmen will. Dieser rationalistische seit dem Anfänge unseres Jahrhunderts viel betretene und zertretene Weg, ist der unseres Verfassers. Wir begegnen hier durchaus nicht Neuem und Selbständigem, und hat er sich überall besonders von Ewald abhängig gemacht, von welchem er nur Hypothesen und gewaltsame Erklärungen bei Seite liegen läßt. So wird von ihm die ganze Reihe der Berichte von Abraham an über den Aufenthalt in Aegypten, den Auszug, die Züge durch