Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1869)
- Date
- 1869-01-12
- Page
- Seite 39 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226693--26813-3262364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 in seinem Leiden zu haben ) wahr ist, so fehlt es uns nicht an Trost. Denn nicht uns Deutsche allein hat der Theologismus verhindert, es in der Politik zu Etwas zu bringen, wobei selbstverständlich der Begriff Theologismus weder im Sinne des athanasius'schen Kredo, noch des Tridentinum, noch der augsburger oder der helvetischen Konfession gefaßt ist. Es gibt eine weltgeschichtliche Thatsache, welche auch leichteste Korkseelen zum Nachdenken stimmen muß und in Form einer schneidenden Schicksalsironie Zeugniß ablegt von dem Unsinn und Unheil des Daseins der Menschheit: die Thatsache, daß gerade die erwählten „Völker Gottes", d. h. die mit Intelligenz höchster Potenz begabten, mit consequentestem Idealismus getränkten Inder, Juden, Griechen und Deutschen, die schlechtesten Staatsgeschäfte gemacht und mit all ihrer ungeheuren civilisatorischen Arbeit, mit aller Hoheit und Tiefe ihres Gedankenlebens, mit der ganzen Schöpfungsmächtigkeit ihrer Phantasie es nur dazu gebracht haben, weltbürgerlicher Culturdünger zu sein. Der wilde Schmerz über solch ein Geschick spitzte sich in Indien zu der großartigen Religionsdichtung, genannt Buddhismus, zu, wie er aus dem Judenthume das weltverleugnende Christenthum hervortrieb, und er stöhnt gleich erschütternd aus dem hebräischen Gedichte von Hiob, wie aus dem hellenischen vom Prometheus und aus dem deutschen vom Faust. Die Juden freilich, welche ja so gescheidt gewesen sind, schon frühzeitig neben der Stiftshütte ihres Elohim das goldene Kalb aufzustellen, haben sich später an der Welt gerächt, indem sie statt der ihnen versagten Staatsgeschäfte wenig,nens glänzende Staatspapiergeschäfte zu machen wußten und wissen. In Wahrheit, die Juden haben mit der Zeit an die Stelle ihrer theologischen Leidenschaften mehr und mehr das „Geschäft" gesetzt und jene so zu sagen zu einerbloßen „Schlemihlerei" degradirt, gut genng allenfalls für den „Schabbes." Die Kinder Teut aber waren nicht so klug wie die Kinder Israel. Im Gegentheil, sie traten die Hinterlassenschaft der Letzteren als ein kostbares Bermächtniß an, und hätte es den frommen Vätern von Nikäa gefallen, statt des einen Glaubensbekenntnisies deren zehn zu verfertigen, Michel hätte sie alle mit Heißhunger verschluckt. Der arme theologische Nimmersatt konnte ja solcher „Seelenspeise" nie und nimmer genug bekommen." Ob diese Hineigung der Juden znr weltlichen Arbeit aus bloßer Klugheit, oder aus dem Zwange erflossen ist, den man gegen sie ausgeübt, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Jedenfalls ihre Vorliebe zum Handel ist eine Frucht der gewaltthätigen Ausschließung, da sie in Palästina N/2 Jahrtausende Ackerbauer waren. In der neuesten Zeit haben die Juden freilich ihre Theologie ganz bei Seite gelegt — gewiß nicht ganz zu ihrem geistigen Vortheile — haben dadurch ihre Theologen zu eigentlichen Fachmännern geumcht, die dann nicht selten aus der Theologie ein Erwerbsfach machen. Glücklicher Weise hat Herr Scherr in seinem zweiten Werke, so weit dies bis jetzt erschienen ist, einzelner Juden nur als ausgezeichneter Männer Erwähnung zu thun. Er übt Gerechtigkeit gegen sie, kann aber doch nicht unterlassen, spöttische Namen hinzuzufügen. Es ist dies durchaus nicht geschmackvoll, aber nach Geschmack fragt Herr Scherr nicht viel. Er ist ihm eine süße Sauce, und die er gern hat, muß sauer sein wie Essig. Er erwähnt besonders Crömieux und Fisch Hof. Er schildert, wenn auch nur in Notizen, den Antheil', den Cromieux am Tode der Julimonarchie genommen. Da in d. Bl. davon niemals die Rede gewesen, so stellen wir hier die Notizen Scherrs zusammen. Cremieux hat so recht die letzten Todesseufzer des Bürgerkönigthums empfangen. Er war Deputirter der Linken, und hatte sich als solcher wie als Advokat einen wahren Ruhm erworben. Scherr berichtet selbst, daß, als am 24. Febr. die beiden republikanischen Fractionen, die Demokraten und die socialistischen Republikaner, sich auf dem Bureau der Reform über die Mitglieder der provisorischen Regierung verständigten, Crvmieux ohne sein Mitwissen in diese Liste eingetragen wurde. Zu derselbigen Zeit ging er nach den Tuilerien. Dahin hatte er niemals sonst seinen Weg gefunden, außer als Präsident des israelitischen Centralconsistoriums, als welcher er am Neujahrstage dem Könige seine Gratulation darzubringen hatte. In den Tuilerien hatte man bis dahin immer nur Entschlüsse gefaßt, die zu spät kamen. Scherr erzählt: „Es ist nahezu Mittag. Louis Philipp sitzt oder liegt am Fenster seines Cabinets in einem Lehnstuhl, um geben von den Herren Thiers, Remusat, Duvergier, Beaumont, Lasteyrie und anderen. Der Herzog von Montpensier führt Herrn Crömieux ein, Deputirter der Linken, welcher zur Stunde noch nicht weiß, daß er auf der republikanischen Liste einer provisorischen Negierung steht, und sein Scherflein zur Rettung der Julimonarchie beisteuern will. „Noch ist — sagt er — nichts oder wenigstens nicht alles verloren. Das Volk wird mit der Wahlreform, der Kammerauflösung und einem aus der Linken genommenen Ministerium sich begnügen. Allein was die Gegenwart des Herrn Thiers im Ministerium angeht, sie flößt, ich sage es mit Bedauern, dem Volk einen unbesieglichen Argwohn ein." — „Aber wen schlagen Sie mir denn zum Premierminister vor, Herr Cr6mieux?" — „Barrot, welcher ermächtigt sein muß, aus den Reihen der vorgeschrittensten Opposition seine Collegen zu wählen." — „Wohl, man rufe Herrn Fain, damit er die Ordonnanz ausfertige." — „Will der König mir noch eine weitere Bemerkung gestatten?" — „Sprechen Sie!" — „Sire, wer Ihnen rieth, dem Marschall Bugeaud den Oberbefehl zu geben, rieth Ihnen Schlimmstes." — „Wen würden Sie denn an Bugeaud's Stelle setzen?"— „Den Marschall G6rard." — „Es sei." — Cremieux geht hinaus, um diese neuen, von der Gestaltung der Dinge schon weit überholten Zugeständnisse bekannt zu machen." Aber dies Alles war schon zu spät. Das Ministerium Barrot zog nicht mehr, die Kammerauflösung zog