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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-12 · Heft 2 (12.1.1869) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 2 (12.1.1869)
Date
1869-01-12
Page
Seite 40 (sequence 20)
Language
German
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40 nicht mehr; es folgte die Abdankung des Königs, zu Gunsten seines Enkels, des Grafen zu Paris, aber Niemand achtete darauf. Die Truppen hatten aufgehört zu kämpfen, nur die Munieipalgarde widersetzte sich noch. Der Kampf kam dicht an die Tuilerien heran. „Das Geknalle der Schüsse macht die Prinzessinnen Schreckensschreie ausstoßen. Louis Philipp selber fährt in höchster Unruhe aus feinem Lehnstuhl empor. HMinstürzt, die Kleider in Unordnung und die Gestchtszüge in äußerster Fassungslosigkeit, Herr Crvmieux: — „Sire, Sie haben keinen Augenblick zu verlieren! Das Volk kommt! Noch etliche Minuten und es wird in den Tuilerien sein." Der alte Mann sagt kein Wort; aber er hastet sich, Ordensband und Degen abzuthun. Dann zieht er seine Uniform aus, schlüpft mit Hülfe der Königin in einen bürgerlichen Rock und ruft suchend und zappelnd: „Meine Uhr? Wo ist meine Uhr? Ach ich Hab' sie! Und mein Portefeuille? Da nehmt mein Portefeuille! Und wo ist mein Schlüsselbund?" Die Flucht ging vor sich, Crömieux voran, durch den Tuileriengarten zum Concordienplatze, Cremieux macht durch die dichtgedrängte Menge Platz. An demselben Orte wo 1793 der Vater des Königs das Haupt auf den Block der Guillotine gelegt, stehen zwei schmierige Miethswagen. In den ersten steigen der König und die Königin, in den anderen der Herzog von Montpensier und die Prinzessinnen, soweit sie Platz finden. „Mein Portefeuille, mein Portefeuille!" schreit Louis Philipp aus dem Innern des Wagens. Herr Crmnieux schiebt die umfangreiche Mappe mit Mühe durch die Wagenfensteröffnung und im Besitze seines Theuersten, ruft der Greis in höchster Ungeduld: „Partez! Partei donc! Partez vite!" Der Kutscher peitscht auf sein Pferd und im Galopp fliegt der Wagen davon, daß der flüssige Koth darob zusammen spritzt!" — Wir finden Cromieux in der Deputirtenkammer wieder, wo die Herzogin von Orleans mit ihren beiden Kindern, den Herzog von Nemours zur Seite, Platz gefnnden, um ihrem Sohne die Krone zu erhalten. Die Kammer selbst war dafür geneigt: aber das Volk war in den Saal hereingedrungen und durchfluthete ihn. Furchtbar tumultuöse Auftritte, die wir hier nicht schildern wollen. Man schreit nach einer provisorischen Regierung. Scherr erzählt: „Unterdeß hat Herr Cremieux vom Stamme Juda rasch die Rednerbücher erklommen und kreischt: „Das Volk will nicht so ohne Weiteres die Regentschaft der Frau Herzogin von Orleans annehmen. Anno 1830 haben wir uns übereilt und darum sind wir jetzt, Anno 1848, in der Lage von vorn beginnen zu müssen. Ich habe soeben den unglücklichen König und seine Familie zu ihren Reisewagen begleitet, ich hege die höchste Achtung vor der Frau Herzogin; aber ich fordere die Einsetzung einer provisorischen Regierung von fünf Mitgliedern." — „„Bravo! Bravo!"" — Barrot schafft sich Gehör, unterdeß „dreht die Herzogin von Orleans ängstlich ein Blatt Papier in den Händen, welches ihr derselbß Crornieux, der soeben für eine provisorische Regierung gesprochen, wenige Minuten zuvor zugesteckt hatte. Auf diesem Papiere stand geschrieben: „Nur von dem Willen der Nation wollen mein Sohn und ich unsere Vollmachten erhalten. Ich, die Wittwe des Herzogs von Orleans, und mein Sohn, die Waise, erwarten mit Vertrauen vie Entscheidung, welche das Volk treffen wird. Gewiß aber ist, daß ich meinen Sohn in der innigen Liebe zum Vaterland und zur Frechen erziehen werde." Der Republikaner Cremieux, wenn er nemlich wirklich einer war, scheint demnach die Republik zunächst für unmöglich oder unräthlich gehalten und eine provisorische Regierung nur gewollt zu haben, um durch dieselbe die Regentschaft von Helene d'Orleans vorzubereiten. Freilich wer tonnte im Wirrsal dieser Stunde überhaupt von sich sagen, daß er ganz klar, bestimmt und folgerichtig gedacht und gewollt habe?" — Soweit Herr Scherr. Fischhof's gedenkt er in folgender Weise. Die Wiener Revolution war in ihrem Beginn. „Die Haltung der auf dem Hofe des Ständehauses in der Herrengasse versammelten Menge von Bürgern und Studenten war zuförderst eigentlich gar keine. Diese guten Wiener guckten sich einander damisch und verlegen an. Sie hatten das Gefühl, daß etwas angefangen werden, etwas geschehen sollte. Aber was wollte man anfangen und wer sollte anfangen? Eine verteufelte Frage, stachelig wie ein Igel! Denn daß das „System" nur noch ein System „in oxtromi«", wußte man nicht; wohl aber, daß es nach dem Spielberge nicht sehr weit sei. Endlich wurde aber der Igel doch an gefaßt und zwar allerdings von einem Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der junge Doctor Fischhof, ein Enthusiast, ehrlich und brav in jeder Fiber, schwingt sich auf das Dach des Hofbrunnens und bricht von dort herab mit einem „Hoch der Freiheit!" das Eis. Sofort stürzte der Phrasenschwall hervor und „Gewissensfreiheit!" „Preßfreiheit!" „Ministerverantwortlichkeit!" „Constitution!" rc. spritzen nach allen Seiten hin und umher." Unsere Leser haben hieran gleich eine Stylprobe des Herrn Scherr. Man sieht übrigens, daß der ehrliche Mann, der gegen alle Borurtheile donnert, sich nicht von dem freimachen kann, den Juden immer als ein Besonderes anzuschauen. Er spricht auch von „jüd. Fanatismus, der aber erst im Christenthum zu seiner vollen und unermeßlichen Kraft gekommen sei." Wir mögen heute hierauf nicht eingehen. Uebrigens wenn Scherr auch nicht bestreitet, daß Juden ihren Antheil an den Bewegungen des Jahres 1848 genommen, so weist er doch überall mit Thatsachen das kindische Vorgeben der späteren feudalen Presse zurück, als ob „Franzosen, Polen und Juden" die Revolutionen in Wien und Berlin gemacht! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur ttr. H. Lotze.

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