Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1869)
- Date
- 1869-01-12
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
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24 9a, der Prophet spricht sich ebenso scharf gegen das Gebet der Heuchler und Frevler aus (V. 15.), und wir müßten dann also den Gebetcultus ebenso als von dem Propheten verworfen ansehen. Wir fügen hinzu, daß Jesaias 29, 13. nachdrücklich gegen alles nur formelle Beten, wobei das Herz nicht ist, donnert, indem er sagt: „Dieses Bolk nahet sich mir mit seinem Munde und mit seinen Lippen ehret es mich, aber sein Herz halt es fern von mir und seine Furcht vor mir ist nur erlernte Menschensatzung!" Wer könnte nicht, auf diese Stelle gestützt, und wenn er die Art und Weise, wie noch heute in vielen Synagogen der Gebetgottesdienst abgehalten wird, beobachtet, behaupten, daß der Gebetcultus kein Ausdruck der jüdischen Frömmigkeit sei! Aber so wenig, wie die Warnung Kohelets (5, 1.) vor übereiltem und allzu vielem Beten als eine Verwerfuug des Betens überhaupt verstanden werden kann, ebenso wenig sind jene Aussprüche der Propheten gegen die beiden großen Cultusformen an sich gerichtet, vielmehr nur gegen ihre heuchlerische und abergläubische Berwendung, gegen Opfer und Gebet bei unreinem und frevlem Thun. So lange irgend ein Cultus, irgend eine gottesdienstliche Form bestehen wird, wird dieselbe auch zum Deckmantel der Heuchelei und Bosheit gemißbraucht werden; aber Niemand kann behaupten, daß sie nicht auch zugleich Ausdruck und förderndes Mittel echter Frömmigkeit, und sei es bei Bielen auch nur für Momente, darbiete. Es versteht sich, daß Joel im engbegrenzten Raume einer Broschüre sich auf diesen negativen Beweis gegen die Behauptung Geigers beschränken mußte. Fügen wir einige positive Argumente hinzu. Der Opfercultus bestand bei dem Volke Israel fünfzehn Jahrhunderte; aus dem Exil zurückgekehrt, hat es ihn noch vor dem Bau des Tempels wieder erneuert (also lange Zeit nach jenen Aussprüchen der Propheten«; erst mit der Zerstreuung aus seinem Lande gab es ihn auf. Aber dieser Opfercultus fand auch bei den Vorfahren des Volkes, den Erzvätern, statt, und sein Ursprung wird von der heiligen Urkunde schon auf die Söhne des ersten Menschenpaares zurückgeführt. Wie kann man nun behaupten, daß diese Cultusform dem jüdischen Volke eine eigentlich fremde, also nur angenommene und niemals ein berechtigter Ausdruck der jüdischen Frömmigkeit gewesen? Dann müßte man wahrlich am Geist und Herzen, an der Wahrhaftigkeit und am Leben dieser Nation völlig verzweifeln. Selbst nach den kritischen Ansichten Gei- "ger's über die Thora muß er doch die Geschichte r Abels, die Berichte, wie Abraham überall Altäre gebaut wie in Aegypten das Peßachlamm geschlachtet und dessen Blut gesprengt wurde, wie Moses dem Pharao gegenüber verlangt, die Heerden mitnehmen zu dürfen, um Schlacht- und Ganzopfer darbringen zu können (2. Mos. 10, 25. 26.), wie die Errichtung eines Altars zu Opfern 2. Mos. 20, 24, geboten wird, wie 2. Mos. 24, 4 ff. am Sinai ein Altar errichtet und Opfer dargebracht werden, wie dann der ganze Opfercultus ausgestellt und geordnet wird; wir sagen, mögen die Kritiker noch so viele verschiedene und sich widersprechende Ansichten über die Abfassung der Thora hegen und aussprechen: sie müssen doch alles dies als Ausdruck des innersten Geistes des Judenthnms und der jüdischen Nation zugestehen. Wenn Richter 13, 19 ff. erzählt wird, wie Manoa sich drängt ein Schlacht- und Speiseopfer zu bringen, 1. Sam. 1. u. 2. vom jährlichen Hinaufziehen und Opfern, Hiob 1, 5, wie dieser nach jedem Festmahl seiner Kinder Opfer darbrachte, da vielleicht seine Kinder im Rausche des Festes gesündigt — so bezeugt sich hier und an vielen anderen Stellen uuwiderlegbar eine wahre Herzensfrömmigkeit, die ihren Ausdruck unmittelbar im Opfercultus sucht und findet. Wie? Als die Römer schon die Mauern Jerusalems mit ihren siegreichen Legionen immer enger und enger umzogen, wunderten noch mehr als eine Million Juden nach dem bedrohten Heiligthum, um das Peßachlamm darzubringen und den Opfern beizuwohnen, und das soll Alles kein Ausdruck der Frömmigkeit, vielmehr unberechtigt gewesen sein? Man könnte es auffällig fiuden, warum wir auf eine ausführliche Widerlegung einer einzelstehenden Behauptung eingehen, die unfern Lesern von vornherein unbegründet scheinen wird? Allein darum ist es uns auch garnicht zu thun. Vielmehr zeigt es sich hierbei, und deshalb sind wir Geiger für seine Behauptung verpflichtet, daß das Verhältniß des Opfers und des Gebetes im jüdischen Alterthum zu einander noch durchaus nicht genügend aufgeklärt ist, daß dieses Verhältniß vielmehr noch einer gründlichen und wissenschaftlichen Beleuchtung bedarf, und diese ist es, welche wir jetzt versuchen wollen. Uns scheint dies für die Beantwortung der Opferfrage von großer Bedeutung, und zwar nicht sowohl um der Frage willen, ob und wie in unseren Gebeten des Opfercultus erwähnt werde, als vielmehr weil diese Frage sowohl vom rabbinischen Standpunkte, r als auch iui Verhältniß des Judenthumes zum Christen-